Jeder für sich – aber alle in einem Geschäft

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Für Unternehmensberater Suitbert Steffen ist die „Behandlung“ durch Semina Celik-Softic, Daniela Führt und Unternehmensgründerin Dagmar Saal-Dietrich heute wohl kostenlos. ▪

KIERSPE ▪ Seit 36 Jahren kennt Dagmar Saal-Dietrich das Friseurgeschäft. Am Anfang stand die Lehre, später machte sie den Meister und mit dem eigenen Salon an der Kölner Straße erfüllte sie sich einen Lebenstraum. Doch jetzt betritt die 52-Jährige Neuland im alten Metier.

Sie hat ihren Salon geöffnet – für Kollegen, die sie nicht mehr als Mitbewerber sondern vielmehr als Partner sehen will. „Die Meisterfriseure“ nennt sich das Geschäft – und dahinter verbirgt sich genau das, was der Name sagt. Selbstständige Meister, die sich eingemietet haben im Salon Dagmar, dort auf eigene Rechnung arbeiten und trotzdem flexibel bleiben.

„Wer heute seinen Friseur-meister macht, hat kaum eine Chance, eine Festanstellung zu bekommen, weil in kaum einem Salon genug erwirtschaftet wird, um zwei Meister zu finanzieren. Und dem eigenen Geschäft steht – zumindest für den, der nicht genügend Eigenkapital hat – die Kreditverweigerung der Bank im Wege. Also bleibt dem Meister nur, Hausbesuche anzubieten. Und weil viele Kunden ,ihren‘ Friseur behalten wollen, lassen sie sich die Haare über der eigenen Wanne schneiden und saugen die Überbleibsel des Schnittes selbst weg“, weiß Saal-Dietrich zu berichten und verweist auf Semina Celik-Softic.

Diese hat ihre Lehre in dem Geschäft an der Kölner Straße gemacht und dort lange als Angestellte von Dagmar Saal-Dietrich gearbeitet. Später besuchte auch sie die Meisterschule – nach vorheriger Kündigung, um die staatlichen Zuschüsse erhalten zu können.

Und nach bestandener Meisterprüfung fand sich kein Salon, der die junge Frau einstellen wollte. Also zog sie mit Schere, Kamm und Fön von Haus zu Haus, um ihr Einkommen zu sichern. „Das war kein Zustand für immer“, ist sich Semina Celik-Softic sicher – und muss es auch nicht sein.

Denn nun arbeitet die Meisterin tageweise selbstständig in dem Salon, in dem sie früher angestellt war. Genau wie ihre Kollegin Daniela Führt, der die Kammer per Ausnahmegenehmigung das selbstständige Arbeiten erlaubt.

„So etwas gibt es in ganz Deutschland nicht noch einmal“, da ist sich Saal-Dietrich sicher und Suitbert Steffen pflichtet ihr bei. Der Diplom-Betriebswirt hat die Kiersper Geschäftsfrau in den vergangenen Monaten als Unternehmensberater begleitet und mit ihr gemeinsam so manches bürokratische Hindernis aus dem Weg geräumt. Denn gegenüber Gesetzgeber und Finanzamt musste klar herausgestellt werden, dass es sich tatsächlich um selbstständig arbeitende Friseurmeister handelt und nicht um Scheinselbstständige.

So hat auch jeder, der sich in dem Salon einmietet, seinen eigenen fahrbaren und abschließbaren Schrank, in dem sich sein persönliches Werkzeug befindet. Friseurstühle, Trockenhauben und Wartebereich werden gemeinsam benutzt. „Kunden, die unangemeldet und ohne speziellen Friseurwunsch ins Geschäft kommen, werden reihum bedient oder von der Kollegin, die gerade Zeit hat“, erklärt Saal-Dietrich.

Nutzen können ihre Partner die Geschäftsräume während der gesamten Woche – so dass auch Terminvereinbarungen außerhalb der üblichen Kernarbeitszeiten möglich sind. Zu mieten ist der Arbeitsplatz im Salon entweder für ganze oder halbe Monate. „Ergänzt wird das mit der Möglichkeit der kurzfristigen Kündigung. Dadurch geht der Mieter kein Risiko ein“, so die Kiersperin, die sich vorstellen kann, bis zu acht Friseurmeistern einen Arbeitsplatz anbieten zu können. Dafür stehen elf modern eingerichtete Arbeitsplätze zur Verfügung.

Das wäre dann sicher auch für die Auszubildende der Idealfall. Diese bleibt zwar weiterhin bei Saal-Dietrich angestellt, darf aber allen Meistern bei der Arbeit über die Schulter schauen und diesen auch zur Hand gehen.

Die Kunden müssen sich bei dem Besuch des Geschäftes an der Kölner Straße nicht nur auf den Schnitt und die Pflege ihrer Haare beschränken. Denn neben den klassischen Friseur-Arbeitsplätzen mit Sessel und Spiegel gibt es auch einen Bereich, in dem sich die Kosmetikerin Birgit Seibold selbstständig gemacht hat.

Seibold ist dann auch die einzige im Geschäft, die ihre eigenen Preise festlegen kann. Denn bei den Friseur-Dienstleistungen haben sich die Meisterinnen geeinigt. Mit Dumping-Preisen möchten sie sich nicht gegenseitig das Geschäft kaputtmachen oder Kunden abwerben. „Fairness und Offenheit ist sowieso das Entscheidende. Und letztlich wird das Modell auch nur dann funktionieren, wenn sich alle daran halten“, erklärt Saal-Dietrich. Alles andere hat sie versucht, möglichst umfassend in den Verträgen, die von beiden Seiten unterschrieben werden, zu regeln. ▪ Johannes Becker

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