Kiersper Landwirte: Große Sorgen, wenig Geld

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In den vergangenen beiden Jahren sorgte die Trockenheit für viel zu geringe Ernten.

Kierspe - Das Wetter, die staatliche Regulierung und Handelsketten, die zu wenig zahlen – die Landwirte haben viele Probleme ausgemacht, diese waren auch Thema bei der Jahreshauptversammlung des Landwirtschaftlichen Ortsvereins im Haus Berkenbaum.

„Wir hoffen, dass wir in diesem Jahr das Sauerland-Wetter bekommen, über das wir Jahrzehnte geschimpft haben“, formulierte Reiner Grafe, Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Ortsvereins, seine Wünsche an dieses Jahr. Zuvor hatte er in seiner Begrüßung der in geringer Zahl erschienen Mitglieder das abgelaufene Jahr Revue passieren lassen. Dabei spielte erneut die Trockenheit eine große Rolle. Im vergangenen Jahr sei diese noch deutlich schlimmer gewesen als 2018, weil man keine Futterreserven mehr gehabt hätte. In der Folge hätte man zu hohen Preisen Futter zukaufen müssen, so Grafe. Er bemängelte aber auch den viel zu niedrigen Milchpreis und die geringen Erstattungen für Kälber, die deutlich unter den Kosten liegen würden. „30 bis 33 Cent für den Liter Milch und 2 Euro für ein Kilogramm Rindfleisch sind einfach kein fairer Lohn“,sagte Grafe.

So verwunderte es auch nicht, dass sich der Landwirt über die zahlreichen Demonstrationen im vergangenen Jahr freute, vor allem, „weil diese aus der Landwirtschaft heraus entstanden sind“.

In einem Grußwort machte Bürgermeister Frank Emde deutlich, dass er erwarte, dass das Schützen von Boden und Klima immer mehr an Bedeutung gewinne und auch mit Kosten verbunden sein werde: „Allein in diesem Jahr investiert die Stadt Kierspe eine Million Euro ins Kanalnetz, um den Boden zu schützen.“ Er appellierte aber auch indirekt an die Verbraucher, mehr Geld für landwirtschaftliche Produkte auszugeben: „Wer eine nachhaltige Landwirtschaft will, muss die Geiz-ist-geil-Mentalität aufgeben.“ Hoffnungsvolle Zeichen sah Emde aber auch, beispielsweise in einem Leaderprojekt zur Direktvermarktung. „Das ist sicher eine Möglichkeit, die Distanz zwischen Landwirtschaft und Verbraucher zu verringern“, so der Bürgermeister.

Günter Buttighoffer, der Vorsitzende des Landwirtschaftlichen Kreisverbandes, ging in seiner Rede auch noch mal auf das vergangene Jahr ein, das den Bauern einen guten ersten und zweiten Schnitt beschert habe, „danach kam allerdings nichts mehr“. Auch sei die Mais-Ernte schlecht ausgefallen und habe damit die Grundfutterversorgung verschlechtert. Gleiches gelte – zumindest im südlichen Märkischen Kreis – auch fürs Getreide. Eine Prognose wagte Buttighoffer kaum, da er die Auswirkungen des Brexit genauso wenig absehen könne, wie die der Afrikanischen Schweinepest (ASP), die längst an den Grenzen Deutschlands angekommen sei.

Kritik übte er auch an immer neuen Gesetzen, die es den Landwirten immer schwerer machen würden, Gewinne zu erzielen: „Wir haben die Düngemittelverordnung umgesetzt. Doch noch bevor wir die Auswirkungen messen können, kommt schon eine zweite Düngemittelverordnung.“

Vor allem war es Buttighoffer ein Anliegen, mit dem Vorurteil des umweltzerstörenden Landwirts aufzuräumen: „Wir Landwirte sind für den Umweltschutz, wir leben schließlich von der Umwelt. Wir sind keine Tierquäler, Umweltverschmutzer und Insektenvernichter.“ Er machte aber auch klar, dass ein Verzicht auf Insektenschutzmitteln bei den derzeitigen Preisen, die Landwirte für ihre Produkte erzielen würden, nicht zu denken sei. „Unser Milchpreis liegt derzeit unter Weltmarktniveau, gleichzeitig müssen wir aber die höchsten Anforderungen erfüllen“, so Buttighoffer.

Danach nutzte die Geschäftsführerin des Landwirtschaftlichen Kreisverbandes Nikola Galla ihre Redezeit, um dafür zu werben, die Initiative „Landwirt schafft Leben“ mit einem freiwilligen Beitrag zu unterstützen (Infokasten). „Die Landwirte müssen besser und vor allem positiver kommunizieren. Wir müssen die Schnittmenge mit dem Verbraucher suchen“, forderte sie die Anwesenden auf.

Natürlich war auch der Wolf Thema, auch wenn dieser schon länger nicht mehr in der Region gesichtet wurde. Axel Lohmann, Agrarberater des Landwirtschaftlichen Ortsvereins, berichtete von zwei Tierrissen im vergangenen Jahr in der näheren Umgebung. Neben dem bei Landwirt Grafe in Kierspe habe es einen weiteren in Hückeswagen gegeben. Mittlerweile gebe es auch das sogenannte Wolfserwartungsgebiet „Oberbergisches Land“, das aber seiner Meinung nach zu klein gefasst sei, weil es beispielsweise den Märkischen Kreis nicht einschließe – und das, obwohl der Wolf nachgewiesen wurde. „Derzeit gehen wir von einem Einzeltier aus, das im weiten Umkreis immer wieder gesichtet wird“, so Lohmann. Er berichtete, dass ein Wolf mühelos in rund drei Wochen 700 Kilometer zurücklege. Und Lohmann erzählte auch, dass ganze Rudel eine viel größere Gefahr darstellten: „Im Raum Osnabrück haben zwei Rudel innerhalb von sieben Tagen rund 100 Schafe gerissen.“

Als letzter vor dem Versammlungsende und der obligatorischen Erbsensuppe sprach Kreislandwirt Dirk Voß. Ihm war es ein Anliegen, Verständnis bei den Landwirten für die Kontrollen der Landwirtschaftskammer zu wecken. „Die Kontrolleure müssen genau prüfen, denn auch sie werden sehr genau überprüft. Würde man ihnen Fehler nachweisen, dann würden nicht mehr die Landwirtschaftskammern prüfen, sondern andere Einrichtungen – und das kann sich niemand wünschen.“

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