Mit 42 Jahren noch einmal auf die Schulbank

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Die Leiterin der Awo-Sozialstation Heike Böseler (stehend) bespricht gemeinsam mit der Auszubildenden-Mentorin Bärbel Reinholz-Tesmer (links) und den Auszubildenden Traude Gürtler und Manuela Grandt den Dienstplan. ▪

KIERSPE ▪ Der Fachkräftemangel in der Pflege wird von Politikern, sozial Tätigen und Krankenhäusern immer wieder für die nächsten Jahre prognostiziert. Die einzige mögliche Antwort darauf ist eine Steigerung der Ausbildungszahlen. Daran beteiligt sich jetzt auch die Awo-Sozialstation. Allerdingsnicht mit der Einstellung einer Schülerin, sondern mit der Ausbildung einer Frau, die sich bereits dem Beruf verschrieben hat.

Eigentlich war der Weg von Traude Gürtler klar. Nach der Schule begann die junge Frau 1987 eine Ausbildung zur Hauswirtschafterin im Awo-Seniorenzentrum in Kierspe. Nach dem Abschluss wechselte sie in gleicher Funktion ins Wilhelm-Langemann-Haus. „Dann bekam ich das Angebot, in die Pflege zu wechseln. Das habe ich gerne angenommen. So konnte ich mal etwas anderes ausprobieren“, erinnert sich Gürtler. Vor zwei Jahren wechselte die Kiersperin erneut – als Pflegehelferin zur Awo-Sozialstation. „Das hat mir immer viel Spaß gemacht, doch es hat mich gestört, dass die examinierten Kräfte viel mehr machen dürfen, als ich es durfte.“ Das beschränkt sich nicht nur auf verschiedene medizinische Behandlungen, die nicht vorgenommen werden durften, sogar das Stellen der Medikamente ist den Pflegehelferinnen nicht erlaubt.

Um noch tiefer in den Job einsteigen zu können und um in allen Bereichen einsetzbar zu sein, entschied sich die heute 42-Jährige, eine Ausbildung zur examinierten Pflegefachkraft zu machen.

Gemeinsam mit der Leiterin der Sozialstation Heike Böseler und nach dem O.K. vorgesetzter Stellen, begann Traude Gürtler dann vor eineinhalb Jahren mit der Ausbildung. Während diese früher ausschließlich an Schulen stattfand, in deren Unterricht der praktische Teil eingearbeitet war, bilden nun die Einrichtungen selbst aus und das theoretische Wissen wird im Blockunterricht vermittelt.

Die Entscheidung diesen Weg mit Traude Gürtler zu gehen, traf die Leitung der Sozialstation ganz bewusst. Böseler: „Da wussten wir, wen wir bekamen. Wir sehen in dem Alter auch eher einen Vor- als Nachteil. Die ganz jungen Bewerber, haben oft keine konkrete Vorstellung von dem, was in dem Beruf auf sie zukommt.“

Doch für die Auszubildende bedeutet der Schritt in die Ausbildung auch Verlust. Denn nun bekommt sie für drei Jahre weniger Gehalt. Gürtler: „Dafür bekomme ich als Fachkraft nachher ja auch mehr als ich es als Pflegehelferin bekommen habe.“

Dazu kommt der Wissenszuwachs. Und das der 42-Jährigen die Schule Spaß macht, zeigt sich an ihren hervorragenden Noten in der Zwischenprüfung, wobei gleiches auch für das Ergebnis im praktischen Teil gilt.

Traude Gürtler ist derzeit nicht die einzige Auszubildende bei der Sozialstation. Die 44-jährige Manuela Grandt absolviert derzeit an einer Pflegefachschule in Lüdenscheid die Ausbildung zur Pflegehelferin. Als Praktikantin schnuppert sie für einige Wochen in den Arbeitsalltag der Sozialstation. Ursprünglich hatte Grandt einmal Bürokauffrau gelernt. Mit der neuen Ausbildung soll ihr nach der Erziehung von zwei Kindern der Neustart in den Beruf gelingen.

Heike Bösler freut sich auf jeden Fall über jeden Auszubildenden, weiß sie doch, dass das der einzige Weg ist, auch in Zukunft auf einem wachsenden Markt erfolgreich bestehen zu können. „Man muss nicht immer darüber reden, wie man einen Missstand behebt, besser ist es da, einfach zu handeln.“ Gerne würde sie das auch in Zukunft tun. Doch die Mittel dazu müssen an anderer Stelle bereitgestellt werden. ▪ Johannes Becker

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