Arbeitsbibliothek: Die analoge Datenbank

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Joseph Müller inmitten der Karten, die ihren festen Platz in der Arbeitsbibliothek haben.

Kierspe - Die Arbeitsbibliothek ist die analoge Datenbank der Gesamtschule. Lernort, Archiv, Lager für Lehrmaterial – all das ist die Bibliothek, aber auch ein kleinwenig Museum.

Als vor einigen Wochen der Start des neuen Schuljahres bevorstand, sah es in der Arbeitsbibliothek noch ganz anders aus. Tausende Bücher stapelten sich auf und unter Tischen. In Klassensätzen zusammengestellt, um den neuen Jahrgängen das Lernen zu ermöglichen. Denn trotz all der digitalen Technik, die in der vergangenen Jahren Einzug gehalten hatte, das Buch ist immer noch der zentrale Wissens- und Datenträger in der Schule.

Ein paar Meter weiter stehen dann die Lektüren – gelbe Reclam-Heftchen einträchtig neben gebundener Weltliteratur. „Literatur ist zeitlos, deshalb werfen wir dort auch so gut wie nichts weg“, erklärt Joseph Müller. Der Deutsch- und Geografielehrer leitet seit 2008 die Arbeitsbibliothek – allerdings nur noch bis Montag, dann geht er in den Ruhestand.

Müller, der stolz auf seine Bibliothek ist, merkt an: „So etwas gibt es in dieser Größe im weiten Umkreis nicht noch einmal. Wir sind größer als die Stadtbibliothek.“ Neben der Verwaltung des Bestandes gehört zu den Aufgaben des Teams der Arbeitsbibliothek auch die Beratung der Schüler, die in dem großen Raum Lernmaterial, aber auch manchmal einfach nur einen ruhigen Ort suchen, an dem sie ungestört lernen können. Gefragt sind auch die neun EDV-Arbeitsplätze mit Internetzugang.

Und während die jüngeren Schüler auch schon mal bei den Kinderbüchern zugreifen und die älteren gerne mal das Literaturlexikon in die Hand nehmen, schauen die Lehrer eher mal in die Zeit oder den Spiegel. „Das Parlament“ bleibt meist unberührt und jungfräulich auf dem Tisch liegen. „Früher hatten wir viel mehr Zeitschriften, doch aus Gründen der Sparsamkeit haben wir das Angebot deutlich eingeschränkt“, erzählt Müller.

Vor Schuljahresstart stapeln sich die Bücher in Klassensätzen in der Bibliothek.


Das vorhandene Geld wird gerne in die Bücher investiert, die sich mit Gesellschaftsthemen befassen, wobei Müller sagt, dass viele Wünsche unerfüllt bleiben – eben aus den genannten finanziellen Gründen. Doch manches bekommt auch wieder eine unerwartete Aktualität. So wurde bei dem bereits 1979 angeschafften Werk „Der Aufstieg der NSDAP in Augenzeugenberichten“ in den vergangenen beiden Jahren wieder mehrfach zugegriffen.

Optisch deutlich wird der Unterschied zwischen einer „normalen“ und der Arbeitsbibliothek an einer der Stirnwände. Denn dort hängen, sauber aufgereiht, die Karten. „Auch, wenn sich heute jede Landkarte am Rechner oder Tablet aufrufen lässt, die Kartenbildzuordnung funktioniert im Großen immer noch am Besten“, da ist sich Müller sicher. Darin liege auch ein Grund, warum auch immer noch Karten angeschafft würden, zum Stückpreis von 300 bis 500 Euro. Da ist klar, dass man sich in der Schule mit dem Entsorgen solcher Lehrmaterialien schwer tut. Doch manche Karten sind so wenig aktuell, dass sie höchstens noch im Geschichtsunterricht verwendet werden könnten. So verwundert es dann auch nicht, dass es noch Werke aus den 1970er-Jahren gibt.

Generell eignet sich die Arbeitsbibliothek für Zeitreisen – auch in die Technikgeschichte. Denn von Anfang an werden dort nicht nur Bücher, sondern auch technische Hilfsmittel ausgeliehen. Eine ganze Batterie sogenannter Overhead-Projektoren steht in einem gesonderten Raum. Die würden auch durchaus noch genutzt, genau wie die CD-Player, die in Regalen auf ihre Nutzer warten. Diese kommen dann meist aus den Fachrichtungen Englisch und Französisch. Gegenüber stehen Regale, gefüllt mit Videokassetten. „Zum Teil sind da Aufnahmen aus den 1980er-Jahren zu finden“, erzählt Müller beim Blick in den Stichwortkatalog, der die Suche erleichtern soll. Benutzt werden die Kassetten seit Jahren nicht mehr, genauso wenig wie die Videorekorder, die ebenfalls noch in großer Zahl bereitstehen.

Die Videokassetten werden noch aufgehoben, doch niemand schaut die Filme.


Richtig museal wird es im gleichen Raum, auf dem Boden stehen tatsächlich noch Episkope. Diese Auflichtprojektoren ermöglichen es, den Inhalt undurchsichtiger Medien (z.B. Buchseiten) auf Leinwände zu projizieren. „Ich glaube, die Episkope sind seit mehr als 30 Jahren nicht mehr ausgeliehen worden. Aber ich kann sie einfach nicht wegwerfen“, sagt Müller.

Ganz anders sieht es bei den Laptops aus. Die Klapprechner sind allesamt auf dem Stand der Technik, gleiches gilt für Tablets, die in der Arbeitsbibliothek zur Ausleihe bereitstehen.

Gar nicht weit von den Rechnern entfernt stehen DVD-Spieler, die gerne eingesetzt werden, denn die DVD hat sich ihren Stellenwert in der Schule erhalten – noch. Wie lange die Silberscheiben noch unverzichtbar sind, ist auch Müller unklar. Denn nicht nur im privaten Gebrauch spielen Streaming-Dienste eine immer größere Rolle. Auch die Filmstelle stellt ihre Werke für den Unterricht online zur Verfügung. Dort können die Lehrer die Filme dann selbst herunterladen.

Während des Gesprächs wird Müller nachdenklich: „Irgendwo müssten wir auch noch die alten Filmprojektoren haben. Aber ich weiß beim besten Willen nicht, wo die stehen.“

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