Streitbare Autorin stellt sich der Diskussion

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Die Autorin stellte Passagen aus ihrem Buch „Die Zerreißprobe - Wie die Angst vor dem Fremden unsere Demokratie bedroht“.

Kierspe - Verlernen wir die Demokratie? Was passiert derzeit in Europa und im vereinigten Deutschland? Hat sich Islamfeindlichkeit in der deutschen Mehrheitsgesellschaft festgesetzt? Als „deutsche Verfassungspatriotin mit syrischen Wurzeln“ - streitbar, mutig und unerschrocken - lernten am Montagabend Kiersper die Islamwissenschaftlerin und Religionspädagogin Lamya Kaddor bei einer Lesung mit anschließender Diskussion im Sozialen Bürgerzentrum an der Fritz-Linde-Straße kennen.

Auf Einladung des Vereins für Kommunikation und Kultur (KuK) stellte die Autorin ihr jüngstes Buch „Die Zerreißprobe - Wie die Angst vor dem Fremden unsere Demokratie bedroht“ vor, das eine Welle von Hass-E-Mails bis hin zu Morddrohungen aus der rechten Szene auslöste. In Auszügen aus ihrem bei Rowohlt (Berlin) erschienenen Buch hielt sie der Gesellschaft - wie sie sie sieht - den Spiegel vor und sprach unbequeme Themen klar und unmissverständlich an.

Zum Ausgangspunkt ihrer Lesung vor gut besuchtem Haus machte die Gründungsvorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes das Buchkapitel „Die Mobilisierungskraft des Hasses“, in dem sie auf die Wahlerfolge der AfD in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt und Analysen von Parteienvertretern und politischen Kommentatoren einging. Bei allen Erklärungsversuchen - Flüchtlingspolitik, Misstrauensvotum gegen die Große Koalition und dergleichen mehr - sei das Wichtigste überhaupt nicht thematisiert worden: die „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit vieler Wähler der AfD oder derer, die diese zumindest billigend in Kauf nehmen.“ Offenkundig herrsche Furcht davor, diese Ursache des Erfolgs der Rechtspopulisten zu thematisieren. Wer die AfD wähle, müsse sich fragen lassen, ob er selbst fremdenfeindlich denke. Notwendig sei, die Motive der AfD-Wähler offen zu benennen und Fremdenfeindlich auch Fremdenfeindlichkeit zu nennen. Kaum jemand spreche das deutlich aus.

Große Gefahren erkannte die vielfach ausgezeichnete Autorin, die Debatten zum Islam in Deutschland, zu Salafismus und IS-Terror mitprägt, in der menschenfeindlich gesinnten, lauten Minderheit. Der permanente Ruf „Wir sind das Volk“ sei ein bekanntes Instrument der Hass-Sprache. Auf die Pegida-Bewegung, Wurzeln des Rassismus und den Umgang mit der NS-Vergangenheit ging sie ein. „Das Aufflammen des Hasses in der Flüchtlingskrise ist der Preis, den wir bis heute für das Versagen der Politik bezahlen.“ Die NS-Geschichte sei in Deutschland zu wenig aufgearbeitet worden. Versäumnisse bei der Strafrechtsverfolgung vieler Täter prangerte sie an.

Exkurse galten der Flüchtlingskrise und der Frage: Was ist Deutsch? Rege machten die Besucher von der Gelegenheit Gebrauch, mit der streitbaren Autorin zu diskutieren. Gründe ihrer Eltern, nach Deutschland zu kommen, Fragen nach Ursache und Wirkung von Angst und Hass, die Rolle der Medien, denen Lamya Kaddor eine „Boulevardisierung“ vorwirft, die Beziehungen zwischen Juden und Moslems („Es gibt unter Muslimen einen latenten Antisemitismus, den man benennen muss“) und Ursachen einer Radikalisierung von Jugendlichen interessierten. Gründe für eine Radikalisierung erkannte die Autorin ursächlich im sozialen Umfeld, vielfach bereits im Elternhaus. Die Gesellschaft müsse den Jugendlichen ähnlich gute Angebote wie die radikalen Gruppierungen machen.

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