Integration verlangt Offenheit

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Die drei Kiersper Integrationslotsen Margit Kartal (von links) aus der Türkei, Valentina Simf aus Kasachstan und Farschad Davoudi aus Persien helfen anderen Migranten bei der Orientierung in ihrer neuen Stadt und ganz oft auch konkret bei Problemen. ▪

KIERSPE ▪ Integration ist keine Einbahnstraße, sondern wenn sie erfolgreich sein soll, hängt sie davon ab, wie offen sich Migranten und Deutsche begegnen. Dabei ist Offenheit auf beiden Seiten wichtig, sonst erschwert und verlängert sich der Prozess erheblich. Seit rund einem halben Jahr sind jetzt die Integrationslotsen Margit Kartal, Farschad Davoudi und Valentina Simf im Amt, die diesen Prozess begleiten und den Zuwanderern Hilfestellung bei der Orientierung in dem neuen Land geben sollen.

Da ihre Wurzeln selbst in der Türkei, in Persien und in Kasachstan liegen, können die drei auch sprachlich unterstützend tätig werden. Ihre Bilanz nach dieser ersten Zeit fällt allerdings eher durchwachsen aus und aus dem Grund sehen sie Handlungsbedarf dafür, ihre Arbeitsweise noch etwas zu verändern und besser auf ihre Klientel abzustimmen.

So gestaltet es sich besonders schwierig, die Menschen mit den derzeit angebotenen Sprechstunden zu erreichen. Trotzdem sind Kartal, Davoudi und Simf der Ansicht, dass sie erst einmal noch nichts an den Zeiten immer am zweiten Mittwoch im Monat von 15 bis 17 Uhr im Rathaus und am vierten Mittwoch im Monat zur gleichen Zeit während der Essensausgabe des Vereins Hand in Hand im Gemeindehaus Felderhof ändern wollen. Denn eigentlich glauben sie, dass diese Zeiten schon ziemlich gut passen. Stattdessen wollen sie aber neue Formen nutzen, um auf sich und das Sprechstundenangebot aufmerksamzumachen und auf die Migranten zuzugehen.

Trotzdem ist vor allem Margit Kartal sicher, dass die Arbeit eigentlich zu spät einsetzt, da die Zuwandererströme der Vergangenheit abgeebbt sind. „...denkt man nur einmal an die Gastarbeiter aus Südeuropa in den sechziger und siebziger Jahren“, so die Integrationslotsin. Aber natürlich auch die Flüchtlingsströme nach 1990 aus der ehemaligen Sowjetunion und in Folge des Balkankrieges. So sind viele dieser Menschen teilweise bereits länger als 20 Jahre in Deutschland und auch in Kierspe. Da kommt nach Überzeugung von Kartal ein solches Angebot natürlich zu spät.

Trotzdem können die drei einiges vorweisen: Gleich in der ersten Zeit kam ein Russlanddeutscher, der ein Problem mit dem Bauverein hatte: Seine kranke Frau wollte gerne ein russisches Programm im Fernsehen empfangen und deshalb wollte er eine Satellitenantenne installieren, was laut Bauvereinsstatuten aber nicht erlaubt ist. Durch Vermittlung der Integrationslotsen mit dem Kabelfernsehenanbieter gelang es dann aber, dass ein russisches Kabelprogramm ins Netz eingespeist wurde. „Seitdem ist die Familie glücklich“, freuen sich Margit Kartal, Farschad Davoudi und Valentina Simf.

In den größeren Städten werden die Sprechstunden, wie die drei beim letzten Treffen der Integrationslotsen im Märkischen Kreis vor einigen Wochen gehört haben, etwas besser angenommen als bislang in Kierspe. So haben Altena und Hemer sogar zweimal pro Woche ein Angebot und Neuenrade einmal pro Woche. Plettenberg und Kierspe haben zweimal im Monat Sprechzeiten. Auch in Lüdenscheid arbeiten Integrationslotsen.

Einer der schönsten Erfolge, die die drei verzeichnen konnten, waren die erfolgreichen Bemühungen um eine syrische Familie, die seit zwei Jahrzehnten in Deutschland lebt, aber immer wieder nur kurzzeitige Duldungen erhielt, so dass sie in dieser langen Zeit praktisch permanent unter Abschiebungsdruck stand. Alle Kinder sind in Deutschland geboren und haben die Heimat im Nahen Osten nie gesehen. „Wir konnten beim Ausländeramt in Lüdenscheid für die Menschen erwirken, dass sie künftig längerfristige Duldungen bekommen. Natürlich haben wir uns dafür beim Märkischen Kreis sehr bedankt“, berichten Kartal, Davoudi und Simf. Außerdem erhält die Familie jetzt Kindergeld, und das gab es sogar ein Jahr rückwirkend. Es war ein schönes Erlebnis für die Integrationslotsen zu erleben, wie sehr sich die Syrier gefreut haben.

Vielfach werden die drei inzwischen außerhalb der Sprechzeiten angesprochen, weil sich inzwischen herumgesprochen hat, dass es sie gibt. „Wir helfen, wenn Steuerkarten gewechselt werden müssen, unterstützen bei Leistungen aus dem Bildungspaket oder vermitteln zu entsprechenden Stellen, wenn es um die Rentenberechnung und -einstufung geht. Zu denen, die sich an die Integrationslotsen wenden, zählen genauso Familien, wie jüngere Leute sowie ältere Frauen und Männer. Das Altersspektrum ist breitgefächert.

Sie vermitteln mit den Mitarbeitern des Sozialamtes, wenn es mal hakt, oder auch bei Konflikten mit anderen Behörden, Unternehmen, Einrichtungen und Institutionen. Längst geht die Arbeit weit über die ursprüngliche Aufgabenstellung, Menschen ausländischer Herkunft bei der Orientierung an ihrem neuen Wohnort zu unterstützen, ihnen beim Ausfüllen von amtlichen Formularen zu helfen oder sie an die richtigen Beratungsstellen zu vermitteln, hinaus, sondern Kartal, Davoudi und Simf leisten aktive Hilfe bei allenmöglichen Problemen. ▪ Rolf Haase

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