Kirchturm: Arbeiten müssen bald beginnen

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Nachdem der Lehmboden entfernt wurde, wurde die Zwischendecke mit Brettern neu belegt.

KIERSPE ▪ Eine Statik erstellen, um mit möglichst wenig Material ein tragfähiges Ergebnis zu erreichen – das war nicht die Arbeitsweise der Zimmerleute, die Anfang des 19. Jahrhunderts die Zwiebelhaube auf den Kiersper Kirchturm setzten. Heute muss man sagen, zum Glück.

Denn ein Statiker hat errechnet, dass trotz der Fäulnis an einigen der Balken in der Haube keine Gefahr für den Turm und damit auch für die Menschen, die sich auf dem Kirchengelände befinden, besteht. Zumindest vorerst. Doch die Berechnungen machen auch klar, dass gehandelt werden muss. Die Vorbereitungen dazu trifft die Kirchengemeinde derzeit.

Aus ungeklärter Ursache ist in den vergangenen Jahren Wasser in den Lehm eingedrungen, mit dem der Zwischenboden des Kirchturmes oberhalb der Glocken belegt war. Dadurch hatten die Balken, die innerhalb dieser rund 20 Zentimeter starken Schicht Halt finden und so die Zwiebalhaube mit dem Mauerwerk des Turmes verbinden, angefangen zu faulen. Einige Balken hatten bereits vor vier Jahren, als der Schaden erstmals begutachtet wurde, keine Verbindung mehr zur Unterkonstruktion.

Schnell war klar, dass der Lehm raus muss, damit sich die Arbeiter ein Bild des Gesamtschadens machen und damit auch die Dringlichkeit und Kosten einschätzen können. 2011 war es dann so weit. Kurz vor dem Weihnachtsfest und bei unerwartet gutem Wetter legte der Kiersper Dachdeckerbetrieb Otto das Balkenlager frei. Rund acht Tonnen Lehm mussten dafür von Hand abgetragen und mit einem Kran aus dem Turm geholt werden.

Im April des vergangenen Jahres war dann der Sachverständge Björn Dinger in den Turm gestiegen, mit dem Ziel, ein Holzschutzgutachten zu erstellen. Der Fachmann stellte fest, dass nicht nur die Feuchtigkeit den Balken zugesetzt hatte, sondern auch Nagekäfer. „Glücklicherweise ist dieser Fraß aber nur an den Verbindungsstellen festzustellen und diese müssen wir sowieso austauschen“, erklärt der frühere Baukirchmeister Udo Billhardt erleichtert. Billhardt betreut den Kirchturm, seit die Schäden festgestellt wurden, und kommt dieser Aufgabe nun im Auftrag des neuen Baukirchmeisters nach.

Noch größere Erleichterung löste die Statik aus, die die Kirchengemeinde im September des vergangenen Jahres bei dem Diplom-Ingenieur Gerhard Langfeld in Auftrag gab. In den 250 Seiten, die die Ausführungen des Statikers umfassen, kommt dieser zu dem Schluss, dass von dem Turm keine akute Gefahr ausgeht – aber auch, dass die Zwiebelhaube selbst nicht unmittelbar gefährdet ist. Klar wird jedoch, dass die Arbeiten nicht beliebig aufgeschoben werden können. Billhardt: „Langfeld, der sich mit Statiken über Gebäude wie die Margarethenkirche einen Namen gemacht hat, rät uns zu einer zeitnahen Sanierung des Turms.“

Um dieser Empfehlung nachzukommen, gab es im November des vergangenen Jahres eine Ausschreibung, die sich an Fachbetriebe in der Region richtete. Darin enthalten die Aufforderung, bei der Sanierung möglichst altes Holz, das den verbauten Eichenbalken nahe kommt, zu verwenden. Wo das nicht möglich ist, sollen Balken verwendet werden, die die Kirchengemeinde vor vier Jahren aus Baumstämmen des Kirchwäldchens am Büscherberg hat fertigen lassen. Mehr als 100 Jahre wuchsen und gediehen diese „Gemeindemitglieder“ auf Kiersper Grund, bevor sie von Carsten vom Lehn auf Länge gebracht wurden. Seitdem warten die Balken und Bretter auf ihre Verwendung in dem Wahrzeichen der Stadt.

Doch auch wenn dieses Material und Balken, die seit vielen Jahrzehnten im Kirchturm selbst lagern, für die Saierung eingesetzt werden, steht die Kirchengemeinde vor großen Kosten. „Allein die Vorarbeiten haben bislang 30 000 Euro gekostet. Die Reparaturarbeiten werden wohl mit rund 100 000 Euro zu Buche schlagen“, schätzt Billhardt. Auf eine Unterstützung durch die Denkmalbehörde des Landes ist in diesem Jahr nicht zu rechnen, da ein entsprechender Antrag abgelehnt wurde. Im kommenden Jahr soll zwar ein erneuter Antrag gestellt werden, doch bei einem Blick in den Haushalt des Landes ist ein Zuschuss mehr als ungewiss.

Billhardt: „Zum Glück gibt es viele Kiersper, die ihr Wahrzeichen erhalten möchten und bereit sind, die Sanierungsarbeiten zu unterstützen. Bereits nach den ersten Berichten über den Zustand des Turmes in der Meinerzhagener Zeitung sind Spenden eingegangen. Doch wir werden wohl ein Vielfaches benötigen, um alle Rechnungen bezahlen zu können.“ Die Arbeiten selbst werden einige Zeit in Anspruch nehmen, da die schadhaften Holzverbindungen nur Stück für Stück ausgetauscht werden können, um die Stabilität der Zwiebelhaube nicht zu gefährden. Begleitet werden die Arbeiten von Langefeld, der den ausführenden Firmen mit Rat und Tat zur Seite stehen wird. ▪ Johannes Becker

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