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In Kierspe-Dorf sorgt nicht nur der Verkehr für Ärger

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Von: Thilo Kortmann

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Bärbel Schulz betreibt die Rauk-Apotheke. Durch die Baustellen und das hohe Verkehrsaufkommen fehlt die Laufkundschaft – Parkplätze sind Mangelware. Über die Treue der Stammkunden freut sie sich sehr.
Bärbel Schulz betreibt die Rauk-Apotheke. Durch die Baustellen und das hohe Verkehrsaufkommen fehlt die Laufkundschaft – Parkplätze sind Mangelware. Über die Treue der Stammkunden freut sie sich sehr. © Kortmann, Thilo

 Breitband steht ja eigentlich für schnelles Internet. Das Verlegen allerdings dauert etwas länger. So wie in Kierspe-Dorf. Dort sorgen zum Leid vieler Gewerbetreibende der extreme Lkw-Verkehr aufgrund der A45-Sperrung sowie die vielen kleinen Baustellen, an denen neue Wasser- und Glasfaserleitungen verlegt werden, für eine große Belastung. Letztere werden bereits seit 2020 und noch bis Ende 2022 im gesamten Stadtgebiet verlegt. Wir haben mit einigen betroffenen Einzelhändlern, Gastronomen und Handwerkern über das Theater in der Stadt gesprochen.

Kierspe - „Es ist das pure Chaos“, sagt Heino Becker. Wenn er das Verkehrstreiben vor seiner Werkstatt an der Friedrich-Ebert-Straße 307 beobachte, dann sehe er zum Teil haarsträubende, sehr gefährliche Szenen, „ein Wunder, dass da noch nichts passiert ist“, findet der Bestatter. Insbesondere in den Stoßzeiten wochentags gegen 16 Uhr. Dann staut sich der Verkehr hunderte Meter lang an der Ampel. „Autos und Lkw weichen auf Bürgersteige aus, auf denen Schulkinder nach Hause laufen. Das ist dann manchmal haarscharf, dass da kein Kind angefahren wird“,schildert Becker seine Beobachtungen. Auch für ihn als Bestatter und Tischler ist das ein Problem. Er komme dann nicht weg, müsse sehr lange warten, bis die Straße mal frei ist. „Deshalb gibt es Verzögerungen bei den Materiallieferungen und Kunden müssen mit Verspätungen rechnen“, erklärt Becker, der seit 40 Jahren als Tischler und Bestatter arbeitet. Vor zwölf Jahren ist er mitten aus Kierspe-Dorf an den jetzigen Standort gezogen. „Hätte ich jetzt immer noch am alten Standort meine Werkstatt, dann könnte ich gar nicht mehr arbeiten. Das Problem mit dem Verkehr ist ja dort noch viel schlimmer“, findet er.

Lea Volkmann (Foto links) ist froh über Dreifachverglasung ihrer Praxis. Mutter Gundi Thiel unterstützt sie.
Lea Volkmann (Foto links) ist froh über Dreifachverglasung ihrer Praxis. Mutter Gundi Thiel unterstützt sie. © Kortmann, Thilo

Kein Verständnis bringt Harald Klingelhöfer für die vielen kleinen, langwierigen Baustellen auf. Seit 32 Jahren ist er Augenoptiker an der Friedrich-Ebert-Straße 322. Es würden gerade Breitband- und Wasserleitungen in Kierspe-Dorf verlegt, weiß er. Die Wasserleitungen würden verkleinert, um die Gefahr der Bildung von Legionellen zu reduzieren, sagt der Augenoptiker. „Mit den Wasserleitungen hätte man auch noch warten können. So überschneidet sich jetzt beides“, findet Klingelhöfer. Durch das erhöhte Stauaufkommen würde auch er als Augenoptiker wirtschaftliche Einschränkungen spüren. Einige seiner Kunden kämen von weiter her und diese mieden nun zum Teil die Strecke nach Kierspe.

Von einer Baustelle direkt betroffen ist China-Restaurant Phuong Phu. Dort werden gerade Leitungen verlegt. Vor dem Lokal parken geht zurzeit gar nicht. Seit 20 Jahren betreibt Iuangun Chen das chinesische Restaurant. So viel Trouble hat sie bislang noch nicht erlebt. „Der viele Verkehr und jetzt die Baustelle direkt vor meinem Restaurant – das hält einige meiner Kunden davon ab, hier bei mir zu essen“, sagt sie. Und ihr Liefertaxi brauche nun viel länger und selbst das habe kaum Platz, um direkt am Lokal zu parken.

Über Probleme mit seinen Liefertaxen wegen des Verkehrs berichtet auch Temur Gürler, Inhaber des Döner Haus. „Wir haben Lieferverspätungen bis zu 20 Minuten“, sagt er. Kunden aus der gesamten Region bestellten beim Döner-Haus an der Friedrich-Ebert-Straße 319.

„Lieferungen nach Halver sind gerade ein großes Problem“, sagt Gürler, der seit 24 Jahren den Dönerladen betreibt. Wenn Stau vor dem Imbiss sei, weiche man auf die Nebenstraßen aus, fahre über die Wiesen-, Goethestraße und Hedberg in Richtung Halver. „Wenn da bald auch noch Baustellen sein sollten, dann haben wir ein richtiges Problem“, sagt Gürler.

In seinem Biergarten sitzt Niko Kalpakis, Inhaber der Gasstätte „Zur Post“. Ständig rauschen lärmende Lkw vorbei. „Der Verkehr ist mittlerweile Stadtgespräch. So schlimm wie jetzt, war es noch nie. Auch nicht als damals die Mautgebühr eingeführt wurde und deshalb viele Lkw auf die Landstraßen ausgewichen sind“, sagt Kalpakis. Bürgersteige seien mittlerweile kaputt, weil Lkw drüber fahren würden.

Kleinere Baustellen durchziehen das gesamte Dorf. Breitband- und Wasserleitungen werden verlegt.
Kleinere Baustellen durchziehen das gesamte Dorf. Breitband- und Wasserleitungen werden verlegt. © Kortmann, Thilo

Froh über ihre Dreifachverglasung ist Lea Volkmann, die im Oktober 2021 ihre Tierphysiopraxis an der Friedrich-Ebert-Straße 336 eröffnete. „Das hier viel Verkehr ist, wusste ich. Dass es aber so schlimm wird, damit habe ich nicht gerechnet.“ Rund acht Wochen nach der Eröffnung erfolgte die Sperrung der Autobahn. Die Dreifachverglasung hat sich bis jetzt als goldwert erwiesen. Sie hatte von sich aus in neue Fenster investiert, die müsse sie nur viel öfter putzen. „Wenn die Fenster geschlossen sind, dann ist es ruhig in der Praxis“, ist Volkmann froh. So könne sie in Ruhe behandeln. Viele Kunden kämen aus Lüdenscheid oder Bochum, die würden nun ihre Termine strecken und nicht mehr alle 14 Tage die Anreise antreten. Manchmal, sagt sie, spüre man die Vibrationen der Lkw, insbesondere wenn die großen Holz-Laster vorbei führen.

Über weniger Laufkundschaft seit den Baustellen und dem Verkehrsaufkommen klagt Bärbel Schulz, Betreiberin der Rauk-Apotheke an der Friedrich-Ebert-Straße 368. Außerdem gebe es Lieferantenprobleme von Medikamenten, „die kommen jetzt oft viel später.“ Dagegen freue sie sich sehr über die Treue der Stammkundschaft. Ihr Apothekentaxi sei dagegen gerade stärker gefragt als sonst. „Es gibt hier einfach kaum noch Parkplätze“, sagt Bärbel Schulz.

Über den Stand des Breitbandausbaus informiert die Stadt Kierspe auf ihrer Homepage: „Von circa 130 Kilometer Leitungsverlegung sind mittlerweile circa 80 Prozent durchgeführt worden. Von circa 2800 Hausanschlüssen sind mittlerweile Zweidrittel der Hausanschlüsse verlegt worden.“ Laut Auskunft der Telekom werde, heißt es weiter, der größte Teil der Tiefbauarbeiten bis Mitte des Jahres abgeschlossen sein, sodass die meisten Anschlüsse bis spätestens Ende des Jahres buchbar seien.

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