Immer mehr Arztpraxen gehen vor Ort verloren

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Der Kiersper Ärztesprecher Dr. Christoph Luyken betrachtet zwar die aktuelle Entwicklung noch nicht als dramatisch, mittel- und langfristig insgesamt aber schon als besorgniserregend. ▪

KIERSPE ▪ Die ärztliche Versorgung vor Ort ist bereits schlechter geworden und dieser Trend droht sich in nächster Zeit weiter fortzusetzen. Das beobachtet auch der Kiersper Ärztesprecher Dr. Christoph Luyken zwar ganz ohne Aufregung, aber, was die Zukunftsaussichten für die Patienten wie die verbleibenden Ärzte angeht, schon mit einer gewissen Besorgnis. Allerdings sieht er die Möglichkeiten, da effektiv gegenzusteuern, als eher begrenzt an – wenn sich nicht die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für die Mediziner änderten.

Vor ein paar Jahren begann die Entwicklung, dass Kierspe einen Facharzt nach dem anderen verlor, und das Ende scheint nicht absehbar zu sein: Als zuerst die Praxis für Psychiatrie und Neurologie von Erika Köster-Fuchs eine Zeitlang unbesetzt war und 2005 für ein halbes Jahr von dem Psychiater und Psychotherapeuten Volker Budde übernommen wurde, der dann aber mit der gesamten Praxis nach Lüdenscheid umzog, brach die erste Kiersper Facharztstelle weg. Wenig später gab der frühere Internist Arnd Hawlina seine Praxis auf, wobei es zumindest mit Joanna Perlinska eine Allgemeinmedizinerin als Nachfolgerin gab. Und die Kinderarztstelle von Dr. Regina Sin Tan könnte aus Altersgründen demnächst ebenfalls vakant werden.

Hinzu kommt aktuell noch, dass die überörtliche Gemeinschaftspraxis Babcynski, Bertram, Pflitsch und Nolte jetzt bekanntgegeben hat, dass ihre Ärzte in das geplante neue Meinerzhagener Ärztehaus gehen, so dass dann auch der Allgemeinmediziner Peter Nolte, der die Praxis von Dr. Frank Hawlina übernommen hat, Kierspe verlässt. Wie Luyken annimmt, wird damit diese Praxis vor Ort wegfallen. Allerdings wurde inzwischen bekannt, dass die Ärzte der Gemeinschaftspraxis Reiffert-Kussek sich trennen und auseinander gehen, so dass beide eigenständig werden und mit Guido Kussek eine neue Praxis besetzt wird.

„Was die Urlaubsvertretungen bei den Ärzten angeht, wird sich rechnerisch also gar nichts ändern“, erklärt der Ärztesprecher. Allerdings sehe das bei der Patientenverteilung und damit der Arbeitsbelastung für die Mediziner schon anders aus: Denn es sei davon auszugehen, dass ein Großteil der Patienten aus der Praxis Nolte nicht mit nach Meinerzhagen gehen und sich daher auf die verbleibenden Praxen verteilen werde. Jochen Reiffert und Guido Kussek dagegen würden ihre Patienten vermutlich weitgehend behalten, prognostiziert der Ärztesprecher weiter.

Dennoch ist Luyken davon überzeugt, dass das Mehr an Patienten durch den Weggang von Peter Nolte von der Kiersper Ärzteschaft noch ganz gut kompensiert werden kann. Immerhin gibt es vor Ort derzeit zehn Praxen, davon zwei Fachärzte mit der Kinderärztin und der Frauenärztin Heike Marrenbach-Knipp sowie seiner eigenen allgemeinmedizinische Praxis im Ortsteil Rönsahl, die aus dem Grund vielleicht auch rausfällt. Es bleiben in Kierspe-Zentrum jedoch immer noch sieben Allgemeinmediziner, auch wenn Nolte nach Meinerzhagen wechselt. Zu den Terminen für dessen Umzug sowie auch das Auseinandergehen von Jochen Reiffert und Guido Kussek liegen Dr. Christoph Luyken aber noch keinerlei Daten vor.

Auch wenn er meint, dass die jetzt kommenden Veränderungen in der Ärzteschaft keine unüberwindbaren Probleme verursachen, ändert das aus Sicht des Ärztesprechers jedoch nichts an der alarmierenden Gesamtentwicklung: Bereits innerhalb der nächsten maximal zehn Jahre und womöglich sogar weniger würden mindestens noch vier weitere Ärzte in Kierspe aus Altersgründen aufhören. Und bei der augenblicklichen Lage werde es extrem schwierig, diese Praxen wieder zu besetzen und vor Ort zu halten, wie Luyken sich sicher zeigt.

Zum einen sei der ländliche Raum unattraktiv für Mediziner und zum anderen außerdem generell Nordrhein-Westfalen, weil dieses Bundesland im Rahmen des Risikostrukturausgleichs der Krankenkassen am wenigsten vom „Honorarkuchen“, wie Luyken formuliert, abbekommt. Ob an der Schlechterstellung die vor kurzem von der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe eingereichte Bundestagspetition etwas ändern kann, bleibe abzuwarten.

Etwas frustriert erinnert der Rönsahler Arzt an die zahlreichen Ärzteproteste und -demonstrationen während der vergangenen Jahre, die ein Novum gewesen seien und deutlich zeigten, wie ernst die Situation ist, aber aus seiner Sicht ohne nachhaltige Wirkung und Erfolg blieben. „Die Politik will das Gesundheitssystem so und die Bevölkerung wirkt geradezu indolent, als wenn die Probleme immer noch nicht als solche empfunden und wahrgenommen werden“, so Luyken. Zwar werde immer behauptet, dass die Ärzte auf hohem Niveau jammerten, Fakt sei jedoch, dass eine Praxisgründung, die nun einmal mit hohen Investitionen verbunden sei, heute einfach nicht mehr rentabel sei.

Der Anregung, auch in Kierspe über ein Ärztehaus nachzudenken, erteilt er eine klare Ansage und begründet dazu: Für junge Mediziner, die sich in dem Fall die Investitionen ersparen könnten, sei das vielleicht interessant, aber nicht für bereits niedergelassene. „Auch für die Patienten vermag ich keinen Vorteil zu erkennen“, so Dr. Christoph Luyken. Vielleicht liege die Zukunft trotzdem in den Polikliniken nach DDR-Vorbild, wo die Verwaltung und die vorhandenen medizinischen Einrichtungen von allen Ärzten mitgenutzt werden könnten. Allerdings seien solche medizinischen Versorgungszentren sinnvollerweise am besten den Krankenhäusern angegliedert. ▪ Rolf Haase

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