„Ich würde diesen Beruf wieder wählen“

Wo Monika Hahn sich am wohlsten fühlt: Inmitten der Schüler einer Klasse. Die Schulleiterin der Gesamtschule hat nur noch zwei Wochen, dann tritt sie in den Ruhestand. Im MZ-Gespräch erinnert sie sich an fast vier Jahrzehnte in Kierspe. ▪ Foto. Haase

KIERSPE ▪ Schule sieht heute völlig anders aus als im Jahr 1974, als Monika Hahn als junge Lehrerin an die Gesamtschule kam. „Die gesellschaftlichen Probleme dieser Zeit ragen weit in den schulischen Bereich hinein“, betont sie.

So hätte sich unter anderem die Erwartungshaltung von Eltern verändert. Vielfach sollten mittlerweile erzieherische Aufgaben bis hin zu Fragen von Gesundheit und richtiger Ernährung von den Lehrern geleistet werden. Währenddessen wollten die Kinder, dass sie in den Zentralprüfungen gut abschneiden. Gewachsen seien die Herausforderungen für die Pädagogen ebenfalls auf sozialem Gebiet, da viele Kinder alleinerziehende Eltern hätten oder aus Scheidungsfamilien kämen, beschreibt Monika Hahn, die jetzt noch zwei Wochen vor sich hat, bevor für sie der Ruhestand beginnt. Ihre offizielle Verabschiedung als Schulleiterin ist auf Mittwoch, 4. Juli, um 11 Uhr terminiert. Dann steigt im Pädagogischen Zentrum eine große Feier. Rückblickend stellt sie selbst fest: „Ich würde diesen Beruf immer wieder wählen, denn ich liebe Kinder und Jugendliche. Ich möchte ihnen helfen, dass sie im Beruf zurechtkommen und sich im Leben entwickeln.“

Monika Hahn wurde 1947 in Bochum geboren, ging dort zur Schule bis zum Abitur und begann an der Ruhruniversität zu studieren. Später wechselte sich nach Heidelberg, wo sie 1972 ihr erstes Staatsexamen ablegte. Ihr Referendariat absolvierte die angehende Lehrerin an einem technischen Gymnasium in Mannheim, wo sie dann auch ihr zweites Staatsexamen machte. Ihre erste Stelle fand sie ebenfalls an einem technischen Gymnasium, diesmal in Karlsruhe.

Pioniergeist in

der Anfangsphase

So ganz glücklich war sie dort aber nicht, denn ihr großer Wunsch war, an einer der neuen Gesamtschulen zu unterrichten, von denen es in Baden-Württemberg allerdings nur zwei gab. Letztlich war das die Motivation, wieder nach Nordrhein-Westfalen zurückzugehen. Dort standen die Chancen besser, denn es gab immerhin sieben Schulen des neuen Typs, zwei davon mit Kierspe und Fröndenberg im ländlichen Raum. Sie waren 1969 als Versuchsschulen gegründet worden.

„Ich habe mir beide angeschaut. Dabei hatte ich Gelegenheit, eine Aufführung der Theatergruppe von Matthias Weißert zu sehen, und war beeindruckt von der Kreativität und Fröhlichkeit. Aber auch die positive Atmosphäre an der Schule gefiel mir“, erinnert sie sich und erwähnt, dass Schulleiter Martin Koenen sie an einem Samstag freundlich und fast familiär empfangen habe. Durch die Großbaustelle für die Schulerweiterung sei die Aufbruchstimmung hautnah spürbar gewesen. Positiv fand Hahn, dass es keine Großraumklassen gab wie anderswo.

Die Kiersper Bildungseinrichtung ging zu dem Zeitpunkt, es war das Jahr 1974, in die zehnte Klasse. Damals bekam die heute 65-Jährige eine zehnte Klasse im Fach Deutsch und wurde gleich auch Klassenlehrerin in einer fünften Klasse. „Ich habe es genossen, endlich wieder Kinder vor Augen zu haben“, erzählt sie, wie schön das für sie war, nachdem sie so lange immer nur mit älteren Schülern gearbeitet hatte. Schon bei der Berufswahl war sie von dem Wunsch geleitet worden, mit jungen Menschen umzugehen. Beeindruckt war sie von der „tollen Zusammenarbeit“ unter den Kollegen, wie im Team die Unterrichtseinheiten ausgearbeitet oder im pädagogischen Ausschuss Grundlagenarbeit an der Konzeption der Schule geleistet wurde. Auch im didaktischen Ausschuss wirkte sie bald mit. „Wir verbrachten viele Abende in der Schule“, denkt sie an damals zurück und erklärt, dass das zwar oft anstrengend gewesen sei, aber es habe zugleich Spaß gemacht, etwas Neues zu gestalten. Steckte die Gesamtschule doch noch in der Erprobungs- und Entwicklungsphase. Die meisten Kollegen waren vom Pioniergeist dieser Zeit angesteckt, so dass niemand die zeitliche Beanspruchung als belastend empfand.

Der Grund für ihre Begeisterung für die Gesamtschulidee war, dass diese für Chancengerechtigkeit und so viel Förderung wie möglich stand. „Das war für mich ganz entscheidend, denn ich komme aus einem einfachen Angestelltenelternhaus. Wir waren vier Kinder und da war es schon etwas Außergewöhnliches, dass ich Abitur machte und studierte. Die Kinder aus reicheren Familien um mich herum ließen mich das spüren“, sagt Monika Hahn, was sie als Kind und Jugendliche für ihr weiteres Leben geprägt hat. Eine wichtige Erfahrung war für sie die Oberstufe, denn da hatte sie einen „super Klassenlehrer“, der maßgeblich dazu beitrug, dass sie das Abitur schaffte. Ihn hatte sie als Vorbild, als sie sich entschloss, Lehrerin zu werden.

In Kierspe war Hahn bis 1980 Klassenlehrerin. Dann adoptierte sie zusammen mit ihrem Mann Rainer, der auch Lehrer an der Schule war, ihren ersten Sohn Thomas und bekam mit Manuel noch ein zweites leibliches Kind. Vier Jahre ging die Gesamtschulpädagogin in Elternzeit. Als ihre Kinder alt genug waren, kehrte sie in den Dienst zurück. Nun fing es für sie in der Oberstufe an und sie wurde Tutorin und später Jahrgangsleiterin. Auch mit den älteren Schülern bekam sie viel Freude. Wenn sie an manchen Kurs und einzelne Schüler zurückdenkt, gerät Hahn richtig ins Schwärmen. 1990 übernahm sie als Nachfolgerin von Horst Pottgießer die Oberstufenleitung. Diesen Job füllte sie bis 2006 aus und machte ihn richtig gerne. Curriculaentwicklung, Beratungskonzepte und die Betreuung älterer Schüler waren nur drei Schwerpunkte, denen sie sich intensiv widmete. Vor sechs Jahren trat sie dann die Nachfolge von Fritz Schmid als Schulleiterin an.

Alles auf dem Prüfstand bei Qualitätsanalyse

Seitdem war es ihr ein Anliegen, mit der in Teilen der Bevölkerung verbreiteten Skepsis aufzuräumen, dass an der Kiersper Bildungseinrichtung leistungsstarke Schüler ebenfalls optimal gefördert werden und nicht nur schwächere und mittlere Schüler, was seit Jahrzehnten bekannt war. „Für uns war es wichtig, die ganze Bandbreite zu erfassen“, stellt sie fest. In diese Richtung entwickelte sich die Gesamtschule unter Monika Hahn weiter, indem zum Beispiel die Schwerpunktklassen geschaffen wurden, in denen die Kinder gezielt nach ihren Fähigkeiten und Interessen mit höherer Stundenzahl unterrichtet werden. Beginn war mit der Bläserklasse, es folgten jedoch weitere. Gerade in der Bläserklasse finden sich oft leistungsstarke Schüler zusammen, denn die Musik trainiert Intelligenz und Konzentration. Weitere Neuerungen sind die Englisch XL-Gruppe, DELF in Französisch sowie spezielle Förderkurse im achten und neunten Jahrgang für Leistungsstarke wie für Schwächere. „Wichtig war mir immer, beide Seiten zu sehen, schwächere und stärkere Schüler. Ziel war es, eine bessere Mischung bei den Anmeldungen zu erreichen und gute Schüler dazuzubekommen“, beschreibt die scheidende GSK-Leiterin. Dass dies gelungen ist, haben die Lernstandserhebungen dokumentiert. Erfreut und vielleicht auch mit ein bisschen Zufriedenheit und Stolz verkündet Hahn: „Wir schnitten 2012 so gut ab wie noch nie.“

Minderheiten und benachteiligten Gruppen galt an der Gesamtschule schon immer besondere Aufmerksamkeit, woran sich natürlich ebenfalls unter Monika Hahn nichts änderte: Migrantenförderung gibt es bis in die Oberstufe hinein. Auch im Bereich der Inklusion setzt die Kiersper Bildungseinrichtung Maßstäbe, was ihr sehr wichtig war. Wird doch schon seit zwei Jahren erfolgreich gemeinschaftlicher Unterricht von lernbehinderten und anderen Schülern praktiziert. Zudem wurden auch vorher schon Autisten oder auch Körperbehinderte aufgenommen und im normalen Klassenverband unterrichtet, was aus Sicht der GSK-Leiterin einen positiven Effekt für das soziale Lernen hat und daher unbedingt nur positiv zu sehen ist.

In hohem Maße arbeitsintensiv war während ihrer Jahre als Schulleiterin vor allem die Qualitätsanalyse: „Da kam alles auf den Prüfstand, das Schulprogramm, das sozialpädagogische Konzept, die Leistungsbewertung, die Organisationsabwicklung oder auch die Curricula, um nur einiges zu nennen“, informiert Hahn. Beteiligt war das gesamte Kollegium, doch am meisten hatten damit der didaktische Leiter Frank Bisterfeld und sie zu tun. „Es war ein großes Paket, das uns rund ein halbes Jahr kostete.“

Ein anderer Arbeitsschwerpunkt unter Hahns Regie war während der vergangenen sechs Jahre die Öffnung von Schule in verschiedene Richtungen: Im Rahmen der Berufsvorbereitung gab es Kooperationen mit Industrieunternehmen wie GWK in Kierspe oder auch dem Märkischen Werk und der Firma Turck in Halver. „Wir beginnen im achten Jahrgang mit unterschiedlich konzeptionierten Praktika und weiter geht es dann im neunten und zehnten Jahrgang. Außerdem gibt es die Ausbildungsbörse“, fasst die GSK-Leiterin zusammen.

Auf Vereinsebene wurde in diesem Jahr die Zusammenarbeit mit dem Tennisclub Kierspe und der Tennisabteilung des TVB besiegelt und mit der Volkshochschule wird bei Sprachzertifikaten kooperiert. Mit den Kirchengemeinden gibt es eine gute Zusammenarbeit, an sozialen Einrichtungen findet praktische Ethikausbildung statt und mit der Awo-Familienbildungsstätte werden Projekte umgesetzt zum Beispiel mit der Find-your-way-Onlineberatung. All das wurde in den letzten Jahren initiiert und umgesetzt. „Dadurch ist Schule natürlich vielfältiger geworden. Auf viele Dinge sind Lehrer ja gar nicht von ihrer Ausbildung her vorbereitet“, sagt Monika Hahn.

Immer schwieriger sei geworden, Lehrer für den ländlichen Raum zu gewinnen. Ein Problem, mit dem sie sich als GSK-Leiterin ständig herumschlagen musste.

Keine Angst vor

Langeweile

„Früher wie heute gilt an der Gesamtschule dem kooperativen Lernen große Aufmerksamkeit. Die Schüler trainieren zu argumentieren und zu präsentieren und es wird versucht ihr Selbstbewusstsein zu stärken“, nennt Hahn grundlegende Fähigkeiten, deren Vermittlung aus ihrer Sicht sehr wichtig ist. Vielen jungen Menschen hat das gut getan, wie ihr im Nachhinein immer wieder bestätigt wurde. Das sagen sogar ihre beiden Söhne, von denen der eine Wirtschaftsingenieur ist und der andere im Handwerk arbeitet.

Unzählige junge Menschen hat die scheidende GSK-Leiterin während ihres Dienstes unterrichtet, an viele erinnert sie sich noch gut. An zwei jedoch besonders, zu denen sie bis heute Kontakt hält: „So ein türkisches Mädchen, das ihr Abi nur machte, weil wir sie dabei unterstützt haben, und ein junger Mann, der erst auf Drogen war und sich hinterher wieder berappelt hat. Beide haben es vielleicht nur durch die Gesamtschule gepackt“, vermutet die 65-Jährige.

Wenn Monika Hahn mit dem Schuljahresende in den Ruhestand tritt, will sie zunächst einmal Urlaub machen. Aber wer sie kennt, weiß, dass sie sich weiterhin im christlich-sozialen Bereich engagieren wird, wie sie das bislang bereits in ihrer Gemeinde gemacht hat. Sie lässt keinen Zweifel: „Angst vor Langeweile habe ich überhaupt nicht.“

Rolf Haase

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