I-Dötzchen unter Druck

KIERSPE ▪ Abitur, Studium, anschließend einen gut bezahlten Job – das wünschen sich viele Eltern für ihre Kinder. Nicht nur G8 und lange Unterrichtszeiten an den weiterführenden Schulen machen es den Kindern und Jugendlichen schwer, dieses Ziel auch zu erreichen. Mittlerweile scheint der Leistungsdruck auch vor Grundschülern nicht Halt zu machen.

So sehen es zumindest einige der Grundschulleiter vor Ort. „In den 30 Jahren, die ich im Dienst bin, hat der Druck schon zugenommen“, findet Petra Schreiber, Leiterin der Servatiusschule. „Die Unterrichtszeit ist gleich geblieben, aber wir sollen mehr vermitteln.“ Ihrer Meinung nach fange die Schule das aber in der Regel auf. An der Servatiusschule treffen sich die Lehrer einmal wöchentlich, sprechen über die Probleme der einzelnen Kinder und leiten gegebenenfalls Fördermaßnahmen ein. Oft sei es aber auch einfach das Beste, „den Druck wegzunehmen.“ Insgesamt gesehen seien nicht nur die Erwartungen von Eltern ein Problem. Das Umfeld der Kinder habe sich geändert und sie seien heute viel mehr ablenkenden Reizen als früher ausgesetzt.

Ekkehard Haas von der Bismarckschule stimmt mit ihr darin überein. Es gebe einen „gesellschaftlichen“ Druck, dem die Eltern lediglich folgen würden. Nachhilfe sei aber nur in Ausnahmefällen nötig, mit einer guten Nachbereitung zu Hause könnten Kinder das Klassenziel erreichen. Und dort, wo die Eltern nicht bei den Hausaufgaben helfen können, springe die Betreuung in der Offenen Ganztagsschule ein. Seiner Meinung nach müssten aber zum einen die Unternehmen überdenken, ob es sinnvoll ist, als Voraussetzung für einen Ausbildungsplatz Abitur oder mindestens Mittlere Reife zu verlangen. Zum anderen sei die Offene Ganztagsschule als verpflichtende Schulform möglicherweise eine Lösung.

Reinhard Mayr von der Pestalozzischule sieht auch in den veränderten Lebensbedingungen die Ursache dafür, dass Grundschulkinder mehr Nachhilfe in Anspruch nehmen. Ablenkung und zu wenig Möglichkeiten, zur Ruhe zu kommen, sind für ihn entscheidende Faktoren. Spätestens an den weiterführenden Schulen zeige sich dann oft, dass die Kinder mit dem „natürlichen“ Wunsch der Eltern, den höchstmöglichen Bildungsabschluss zu erreichen, überfordert seien.

Ganz anders sieht es Thomas Block. Der Leiter der Schanhollen-Schule versucht die Erst- bis Viertklässler so gut es geht vom Leistungsdruck fernzuhalten. „Das kommt früh genug.“ Auch bei Klassenarbeiten werde versucht, Prüfungsdruck zu vermeiden. Dementsprechend könne er auch keine gesteigerte Belastung für die Kinder feststellen. Vielmehr solle deren Wunsch, etwas zu leisten, so gut wie möglich unterstützt werden.

Die Leiterin der Gesamtschule, Monika Hahn, kann nicht bestätigen, dass es bei den Fünft- oder Sechstklässlern vermehrt Probleme damit gibt, mit Leistungsdruck umzugehen. „An der Gesamtschule stellt sich das Problem aber auch ganz anders da“, gibt sie zu bedenken. Den Kindern stünden schließlich verschiedene Bildungszweige zur Verfügung. Ein breites Spektrum an Fördermaßnahmen fange sie zudem gegebenenfalls auf.

Die Leiter von zwei Nachhilfeinstituten vor Ort haben allerdings die Erfahrung gemacht, dass junge Schüler sehr wohl häufiger Nachhilfe in Anspruch nehmen. Bernd Michels von Abacus beobachtet seit Jahren eine „konstante Steigerung“ im Bereich der Grundschüler, die bei ihm Hilfe suchen. Mittlerweile liege der Anteil bei etwa 15 Prozent. Dadurch, dass die Kinder in den ersten beiden Schuljahren nicht benotet werden, offenbarten sich die Probleme oft erst ab der dritten Klasse. Auch Michels sieht den Grund dafür weniger in überzogenen Ansprüchen der Eltern oder zu hohem Druck. Kinder könnten sich oftmals nur schlecht konzentrieren, in den Klassen herrsche meistens große Unruhe. Bei der Nachhilfe der jungen Schüler sei besonderes Fingerspitzengefühl gefragt, da bei ihnen noch kein fester Grundstock an Wissen vorhanden sei.

Auch bei der Schülerhilfe ist der Anteil der Grundschüler in den vergangenen Jahren gestiegen. Leiter Norbert Grohskreutz hat vor allem einen Zusammenhang mit der verbindlichen Empfehlung für die weiterführenden Schulen festgestellt. Als diese eingeführt wurde, stieg direkt die Nachfrage nach Nachhilfe bei den jüngeren Schülern. In Kierspe seien es noch relativ wenig Grundschulkinder, die sein Institut aufsuchen, in den anderen Filialen in Altena und Lennestadt sei der Anteil schon höher. Zum einen wollten Eltern vermeiden, dass ihr Kind „nur“ einen Hauptschulabschluss erreiche, zum anderen sieht auch er die Ursache des Problems hauptsächlich in anderen Faktoren. Die Berufstätigkeit der Eltern mache eine Nachbereitung des gelernten Stoffs schwierig bis unmöglich, bei Vätern und Müttern mit Migrationshintergrund kämen zudem Sprachprobleme hinzu.

Offensichtlich sind Kinder also schon von Beginn ihrer Schullaufbahn an einem gewissen Maß an Druck ausgesetzt. Wie groß der letztlich ist, wird von den Verantwortlichen unterschiedlich beurteilt. „Man kann mit bestem Willem auch etwas Schlechtes bewirken“, fasst Petra Schreiber den Konflikt zischen den Ansprüchen, die an die Schüler gestellt werden und dem, was sie tatsächlich leisten können, zusammen.

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