Hofesrecht sorgt für Emanzipation im Mittelalter

Diese alte Ansicht von Haus Rhade, festgehalten in einem Kupferstich, stammt aus der Biedermeierzeit und zeigt, wie der Herrensitz in der damaligen Epoche aussah. - Repro: Haase

KIERSPE - An der ersten urkundlichen Erwähnung von Haus Rhade im Jahr 1003, datiert auf den 16. Februar, wurden vor zehn Jahren die großen Feierlichkeiten aus Anlass des 1000-jährigen Bestehens von Kierspe festgemacht. Es handelt sich hierbei um die Schenkungsurkunde des Kölner Erzbischofs Heribert über den Besitz von Haus Rhade an die Benediktinerabtei Deutz, die das älteste Kiersper Dokument überhaupt darstellt. Also reicht die Geschichte Stadt im heute zu Ende gehenden Jahr 2013 darauf basierend 1010 Jahre zurück.

Von Rolf Haase

Zwar ist die Gegend bereits viel früher bewohnt gewesen, man schätzt etwa seit 7000 Jahren, was Grabungsfunde wie bearbeitete Werkzeuge aus der Mittelsteinzeit beweisen, doch hat etwa zu jener Zeit in Kierspe auch schon eine Kirche bestanden, was als die Geburtsstunde einer zusammenhängenden Besiedlung angesehen werden kann. Um die Gotteshäuser scharten die Menschen ihre Häuser, so dass sich daraus dann späteren die Ortschaften entwickelten, wie wir sie heute kennen.

In der Urkunde aus dem Jahr 1003 ist noch keine Rede von Kierspe oder einem der möglichen Vorläufer des Namens, Kirsupa. Doch ist der Herrensitz Haus Rhade der erste Ort im Stadtgebiet, der in der schriftlichen Überlieferung erscheint und damit geschichtlich gesichert ist.

In unmittelbarem Zusammenhang mit dem Hof im Volmetal steht die Kiersper Pfarrkirche St. Margarethe. Neuere Forschungen gehen davon aus, dass diese eine Gründung der Abtei Deutz gewesen ist, also der Benediktiner-Mönche, die ab 1003 in Haus Rhade das Sagen hatten. Also müsste auch die Kirche irgendwann nach diesem Datum entstanden sein. Urkundlich wird das Gotteshaus erstmals in einem Besitzverzeichnis von 1147 erwähnt.

„Da der Hof selber eine Kapelle besaß, konnte man an anderer Stelle, dort, wo der Besitz der Abtei besonders konzentriert und die Lage geeignet war, eine Pfarrkirche bauen. Damit befindet man sich mit der ersten Erwähnung der Kirche St. Margarethe schon mitten im Dorf, ohne jedoch von diesem selber genauere Kenntnisse zu besitzen“, hat der frühere Ortsheimatpfleger Hans-Ludwig Knau einmal festgestellt, der wie kein anderer als Kenner der Kiersper Geschichte gilt.

Auffällig ist zudem, dass der Name Kierspe oder Kerspe zugleich als Gewässer wie als Ortsname überliefert ist. Auch bei nüchterner Betrachtung der Ursprünge von Kierspe bleiben doch die historischen Bezüge von Haus Rhade, der Thingslinde, wo der für den Handel wichtige Höhenweg gekreuzt wurde, zur Pfarrkirche und damit auch zum Klösterchen im heutigen Stadtpark. Ob es hier wirklich ein Kloster gab, vielleicht sogar mit der von alten Kierspern nie ganz aufgegebenen unterirdischen Verbindung zur Kirche, bleibt aber im Dunkel der Geschichte.

Gründungsausstattung des Klosters

Das Wasserschloss Haus Rhade zählte einst zu den bedeutendsten Rittergütern in der südlichen Grafschaft Mark. Grabungen und Untersuchungen der Geschichte des historischen Gebäudes haben ergeben, dass an dem heutigen Standort bereits vor dem Jahr 800 nach Christi eine Sachsensiedlung bestanden haben muss.

Um 800, während oder nach den Sachsenkriegen, sollen dann hier Karl der Große oder seine Nachfolger einen Fron- oder Herrenhof errichtet haben. Als sogenannter „Salhof“ stand dieser in Form eines befestigten Stützpunktes beschützend für die Menschen und Ländereien in der Umgebung im Volmetal.

Eigentümer bis zum Jahr 991 war der Edelmann Benno, vermutlich ein Sachse, über den ansonsten aber nicht viel bekannt ist. Er übereignete das Anwesen dann „mit allem Zubehör“ dem Heribert, der ein enger Vertrauter von Kaiser Otto III. war und aufgrund von dessen Einfluss zu einem mächtigen Mann im Heiligen römischen Reich avancierte. Erst war er Hofkaplan des Kaisers, später dann Kanzler für Italien und Deutschland. Im Jahr 999 wird Heribert nach strittiger Wahl Erzbischof von Köln.

Er verfolgte die Absicht, in Deutz ein Kloster gründen. Vermutlich geschah schon der Erwerb des Hofes in der Absicht, dieses mit den nötigen Einkünften auszustatten. Im Jahr 1003 schenkte der Kirchenmann dann Haus Rhade der Benediktinerabtei Deutz, die auf den Mauern eines alten Römerkastells auf der anderen Rheinseite gegenüber von Köln entstanden war. Der Besitz an der Volme gehörte wahrscheinlich zur Gründungsausstattung.

Die Mönche übertrugen bereits im 12. Jahrhundert die Schutzherrschaft über Rhade den Grafen von Berg, gefolgt von den Grafen von Limburg und von Altena, später bekannt als Grafen von der Mark. Diese betrachteten sich immer stärker als Besitzer, deshalb verlor die Abtei mehr und mehr an Einfluss.

Obwohl der heimische Raum um 1003 schon seit gut zwei Jahrhunderten zum Fränkischen Reich gehörte, also einem christlichen Staat, in dem das geschriebene Wort durchaus geschätzt wurde, ist die Schenkungsurkunde von Heribert von Köln die älteste schriftliche Erwähnung eines Ortes oder Hofes in der heimischen Region.

Wie der ursprüngliche Bau ausgesehen hat, vermag heute niemand zu sagen. Noch bis in die jüngste Zeit wurde angenommen, dass der Ursprung auf dem Lindenhügel, etwa 500 Meter vom heutigen Standort entfernt, zu suchen sei. Doch die umfangreichen Keramikfunde, die bei archäologischen Grabungen zu Tage gefördert wurden und die ebenso nachgewiesene Schmiede, die ins neunte Jahrhundert datiert werden konnte, lassen eigentlich keinen Zweifel am heutigen Standort mehr zu. Zumal befestigte Adelssitze in Tallagen für die karolingische Zeit durchaus typisch sind.

Eroberung 1393 im Holzkohlewagen

Eine Wasserburg dürfte bereits vor der Eroberung des befestigten Hauses im Jahr 1393 durch Graf Dietrich von der Mark existiert haben, da sich laut eines Berichts seine Leute den Zugang über eine Holzbrücke, in einem Holzkohlewagen versteckt, verschaffen konnten. Bei dieser Eroberung sollen die Gebäude weitgehend zerstört worden sein.

Für 3000 rheinische Gulden ging Haus Rhade im Jahr 1434 an den Lüdenscheider Drosten Rütger von Neuhoff, in dessen Familie das Anwesen dann geraume Zeit blieb. Vermutlich hat Bernd von Neuhoff bei der 1551 erfolgten Errichtung eines neuen Wohnhauses die Fundamente des Hauses wieder benutzt. Der Herzog von Jülich, Cleve, Mark und Ravensberg genehmigte und unterstützte diesen Neubau.

Durch Heirat einer Tochter von Neuhoff ging der Herrenhof 1605 an Sebastian von Hatzfeld zu Crottorf über. 1609 fiel Haus Rhade an den Kurfürsten von Brandenburg in seiner Eigenschaft als Rechtsnachfolger der Grafen von der Mark.

Gerichtsakten erzählen von streitbaren Frauen

Danach erwarb im Jahr 1617 der Lippstädter Amtmann Freiherr von Heyden das Anwesen von den Hatzfelds. Damals musste der Kiersper Richter Johan Rövenstrunk das Anwesen besichtigen und darüber ein Protokoll anfertigen, das heute im Archiv der Burg Altena aufbewahrt wird. Berichtet wird darin von einem ziemlich schlechten baulichen Zustand des Hofes.

Rövenstrunk erwähnt das Wohnhaus mit zwei Kellern, darüber die Küche und daneben die Stube, die recht verwüstet war, sowie eine Stallung. Im Obergeschoss gab es vier Kammern, einen Gang und eine Wendeltreppe nach draußen. Am Haus war eine Kapelle mit Glocken und Uhrwerk, die sich, anders als der Rest des Gebäudekomplexes, offenbar in recht gutem Zustand präsentierte. Dass das Brau- und Backhaus noch über gute Mauern verfügte, schildert Rövenstrunk zwar, allerdings wirke der Söller etwas zerbröckelt, ansonsten sei er aber mit einem guten Spandach belegt.

Der zum Herrenhof Rhade gehörige Grund und Boden umfasste das Gebiet des Kirchspiels Kierspe und überschritt die Grenzen nach Halver und Lüdenscheid. Eingeteilt war das Gebiet in 23 Sohlen. Das geht aus dem Grund- und Hypothekenbuch, das etwa für die Zeit von 1750 bis 1809 geführt wurde, hervor. Bearbeitet und übersetzt haben dies Reinhard Distel und Hans-Ludwig Knau in unzähligen Stunden. Verblüffend ist, dass das Hofesrecht von Haus Rhade nicht nur über viele Jahrhunderte unverändert galt, sondern sogar schon im Mittelalter Frauen und Männer gleichstellte. Also ein Stück frühe Emanzipation. Allerdings nur dann, wenn der Mann nicht da war, konnte die Frau seine Rechte vollgültig wahrnehmen. Doch im Fall seiner Gegenwart sprach er dann auch für die Frau. Bei Nachforschungen in alten Gerichtsakten stellt sich sogar heraus, dass die Streitigkeiten, die von Frauen betrieben wurden, am schlimmsten waren. Sie waren echte „Streithähne“ - oder sollte man vielleicht besser sagen „Streithühner“.

1725 kaufte der polnische Generalpostmeister Georg Hermann von Holtzbrinck die Besitzung. Seine Erben veräußerten das Rittergut 1910 an den Kaufmann Niehoff aus Dülmen. Neben den Gebäuden, den Jagd- und Fischereirechten, gehörten damals noch 143,52 Hektar Land zum Gut. Niehoff wiederum verkaufte es 1916 an den Düsseldorfer Fabrikanten Johann Gottlieb Schwietzke, dessen Nachkommen Haus Rhade noch heute besitzen und bewohnen.

Johann Gottlieb Schwietzke, der das Gut in baulich recht schlechtem Zustand erwarb, beauftragte den Burgenrestaurator Ernst Stahl aus Düsseldorf mit der Restaurierung. Dieser hatte auch Burg Eltz und Schloss Burg wieder aufgebaut.

Unter der Bauleitung des Lüdenscheider Architekten Robert Lamm wurde das Dach erneuert und an der Ostseite wieder mit zwei Spitzgiebeln versehen, der Turm an der Südwestecke auf dem teilweise noch vorhandenen Mauerwerk aufgestockt und mit einer mächtigen geschweiften Haube versehen. An der Hofseite wurde zwischen den beiden Seitenflügeln ein niedrig gehaltener terrassenförmiger Vorbau eingefügt. Die ursprünglich vorhandenen Tür- und Fensteröffnungen auf der Südseite wurden freigelegt und das Haus mit einer neuen über den Hausgraben führenden Brücke direkt mit dem Park verbunden. Das Dach erhielt erst nach dem Zweiten Weltkrieg eine Kupferdeckung anstelle des Schiefers.

Das gesamte Herrenhaus von Haus Rhade befindet sich übrigens auf gewachsenem Fels, nur der westliche Flügel, auf dem auch der Turm errichtet wurde, ist mit einem massiven Tonnengewölbe unterkellert. Dieser Bereich gehört zu den ältesten erhaltenen Bauteilen des alten Rittergutes. Bis 1920 diente ein im Hof gelegener Brunnen zur Wasserversorgung, das Wasser kam aus dem Gokesberg mit natürlichem Gefälle über eine gusseiserne Leitung ins Haupthaus. Entnehmen konnte man es nicht aus Wasserhähnen, sondern über eine einzelne Zapfstelle im Erdgeschoss. Auch die sanitären Anlagen waren recht einfach gehalten. Die Toilette befand sich in einem Anbau zwischen Westflügel und Turm in der ersten Etage. Sie war dreisitzig und führte direkt in den Hausgraben.

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