Hinter den Zirkus-Kulissen keine Spur von Glamour

Justine und Silvano Neigeirt lieben ihr Zirkusleben. Besonders die 40 Tiere haben es ihnen angetan. Täglich proben die beiden mit ihnen.

KIERSPE ▪ Bunte Lichter, Glitzer, der Duft von Sägespänen und Popcorn, strahlende Artisten und lustige Clowns, all das ist Zirkus – zumindest für den Besucher. Hinter den Kulissen bröckelt die strahlende Fassade. Finanzielle Sorgen, immer weniger geeignete Stellplätze, kein Futter für die Tiere und rückläufige Besucherzahlen: Sorgen, die auch Karl Neigeirt kennt. Seit Montag gastiert er mit seinem Zirkus auf dem Tulpenplatz.

Noch am Sonntag gastierte der Zirkus Hansa in Lüdenscheid. Bis in die Nacht wurde dort abgebaut, nach nur wenigen Stunden Schlaf ging die Arbeit in Kierspe weiter. „Für uns ist das kein Stress, wir sind das gewohnt“, erklärt der Zirkuschef. Wenn es um den Auf- und Abbau geht, packen alle mit an: Frauen, Kinder und die 35 Artisten. Bereits in der siebten Generation führt Neigeirt den Zirkus. „Das Zirkusleben ist nicht mehr das, was es einmal war“, erzählt er. Bald würden vermutlich alle kleinen und mittelgroßen Zirkusse nicht mehr bestehen können.

„Wir sind kein reiner Familienbetrieb. 70 Menschen wollen von uns Leben. Hinzu kommen 40 Tiere, da bin ich mittlerweile schon mehr Geschäftsmann als Artist. Mit Romantik hat das gar nichts mehr zu tun“, so Neigeirt. Insbesondere das Futter für die Tiere bereite ihm Sorgen. Kamele, Lamas, Ziegen und Pferde bräuchten Heu und das sei in diesem Jahr nun einmal sehr knapp. Der schlechte Sommer habe die Futter-Preise in die Höhe getrieben. Hinzu käme, dass dadurch in einigen Regionen so wenig Heu verfügbar sei, dass das vorhandene bereits verkauft sei. „Wir sind darauf angewiesen vor Ort unser Futter zu kaufen, anders ist das logistisch nicht möglich.“ Die Tiere seien für den Zirkus jedoch unverzichtbar: „Artisten begeistern nicht mehr so, wie früher. Die Menschen sind verwöhnt, aber Tiere ziehen immer, die sind gerade in Städten eher Besonderheiten.“ Damit die Tiere aber Leistung bringen würden, sei es wichtig, dass sie genug Futter und Platz hätten. In Kierspe war dies kein Problem: Auf einer angrenzende Wiese können die Tiere toben.

„Geeignete Plätze zu finden ist immer schwerer, auch dieser Platz hier ist eigentlich zu klein“, so der Zirkuschef. Als erstes würden immer die Tiere ihr Quartier bekommen und dann würde entschieden, welche Wagen neben dem Zelt noch Platz finden könnten. In dieser Woche seien daher viele Artisten und einige Materialwagen in Lüdenscheid und Halver untergebracht und nicht, wie üblich, um das Zirkuszelt.

„Früher, wenn wir aufbauten, standen zahlreiche Kinder und Schaulustige drum herum. Für sie war es aufregend, einen Blick hinter die Kulissen zu erhaschen“, erinnert sich der Chef. Heute würden die Schüler einfach vorbei gehen. 1000 Leute passen in das Zelt, doch wenn pro Vorstellung 100 kämen, sei das schon ein tolles Ergebnis. „Die Menschen sind überflutet mit Angeboten. Wir müssen ständig neue Attraktionen bieten, um weiterhin bestehen zu können.“ Das sei jedoch nicht mehr so schwierig, wie vor einigen Jahren, denn dadurch, dass viele Zirkusse Pleite seien, sei der Markt voller guter Artisten. Attraktion in Kierspe wird die Westernshow und Nilpferd Paddy sein. „Wir passen unser Programm an die Besucher an.“ Das mache für ihn auch den Reiz aus: „Ich liebe es, wenn sich der Vorhang öffnet und die Musik ertönt. Klar habe ich Sorgen, vor allem was die Zukunft meiner Kinder betrifft, aber ich könnte mir kein anderes Leben vorstellen.“

Von Freitag bis Montag öffnet Zirkus Hansa seine Tore. Die Vorstellungen beginnen wie folgt: Freitag um 16 Uhr, Samstag um 15 und um 19 Uhr, Sonntag um 11 und um 14.30 Uhr sowie am Sonntag um 14.30 Uhr. Eintrittskarten sind für Kinder ab acht Euro, für Erwachsene ab zehn Euro erhältlich.

Lydia Machelett

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