Im Krieg enden die Pläne für die Kierspetalsperre

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Der Zweite Weltkrieg war bereits in vollem Gange, als die ersten Arbeiten an der Kierspetalsperre begannen. Unter anderem wurde ein Einlaufbauwerk aus Beton errichtet. Es findet sich oberhalb der Ortschaft Hemecke.

Kierspe - Das Ende der Kierspetalsperre wurde nicht an einem Schreibtisch im Volmetal, in Kierspe-Dorf oder beim Ruhrtalsperrenverein in Essen getroffen, sondern rund 3000 Kilometer östlich in Wolgograd, oder auch Stalingrad, wie die Stadt damals noch hieß.

Am 31. Januar 1943 kapitulierte dort die sechste Armee – letztlich eine dramatische Wendung im Zweiten Weltkrieg. Zivile Bauwerke traten damals endgültig in den Hintergrund, die verbleibenden Ressourcen wurden lieber verwendet, um das verbrecherische System aufrechtzuerhalten und einen sinnlosen Krieg weiterzuführen. Nach dem Krieg machte dann der technische Fortschritt ein Festhalten an den Talsperrenplänen unnötig. 

Der Landschaftswächter Hermann Reyher hatte sich Mitte Januar an die Meinerzhagener Zeitung gewandt, um über eine Talsperre zu berichten, die im Kierspetal hinter Haus Rhade errichtet werden sollte. Nach seinem damaligen Kenntnisstand war kaum etwas über das Bauwerk bekannt – ein Irrtum, wie sich nach der Veröffentlichung des Berichts in der MZ herausstellen sollte. „Acht Anrufer meldeten sich bei mir, darunter auch Zeitzeugen“, erzählt Reyher bei einem erneuten Termin vor Ort. Dabei bekräftigt er noch einmal, dass beim Ruhrverband keine weiteren Unterlagen zu dem geplanten Bau der Sperre außer der erwähnten Karte zu finden gewesen seien, ganz anders im Stadtarchiv. 

Auf Hinweis des früheren Ortsheimatpflegers Hans Ludwig Knau und Nachfrage beim Stadtarchivar Martin Witscher kam eine rund acht Zentimeter dicke Akte zum Vorschein, in der die Planungen und Vorarbeiten zum Bau aufgeführt sind, ergänzt mit einer Originalkarte auf Karton, die zeigt, welche Ausmaße der künstliche See hätte haben sollen. Demnach gab es bereits 1893 die ersten Überlegungen, im Volmetal Talsperren zu bauen. So ist in einem behördlichen Schreiben erwähnt: „Die Volmetalsperren sollen unserer Heimat Segen bringen, sowohl den Arbeitnehmern und Arbeitgebern, Beschäftigung und Verdienst.“ Letztlich ging es um neue Sperranlagen an den Bachläufen von Glör, Jubach und Kierspe. 

Um diese errichten zu können, wurde am 2. Juni 1901 die „Volmetalsperren-Genossenschaft“ als Erbauer und Betreiber in Hagen gegründet. Ziel der Mitglieder war es demnach, eine geregelte Wasserführung der Volme zu gewährleisten, vor allem zum Nutzen der vielen wasserkraftbetriebenen Betriebe von Kierspe bis Hagen. Großes Interesse hatte auch der Ruhrtalsperrenverein, welcher „übers Jahr hinweg eine gute Trinkwasserversorgung erreichen und sichern wollte.“ Umgesetzt wurden die Pläne in den folgenden Jahren nur teilweise mit der Fertigstellung der Jubach- und Glörtalsperre in den Jahren 1905 beziehungsweise 1904. 

Auch fast 40 Jahre nach ihrer Errichtung ist der Graben, in dem später die Sperrmauer gebaut werden sollte, deutlich zu sehen.

Die ersten konkreten Überlegungen für die Kierspetalsperre, die sich in der Akte finden, stammen vom 1. März 1905. Dieses Datum trägt eine „Denkschrift“ des Regierungsbaumeisters Bock, der darin schreibt, es gäbe häufig trockene Sommer und das Fassungsvermögen der Jubach- und Glörtalsperre reiche nicht aus für den geregelten Volmefluss. 

Reyher: „Diese eigentlich vertrauliche Denkschrift ist wohl öffentlich geworden. Denn in der Folge wurden große Anlagen- und Baufirmen auf das Projekt aufmerksam und wandten sich in der Zeit zwischen 1905 und 1908 an die Gemeinde Kierspe mit Ausschreibungsanfragen. Die Unternehmen kamen dabei aus Köln, Duisburg, Dortmund und Freiburg.“ 

Danach finden sich für die Zeit bis in die 1930er-Jahre keine weiteren Unterlagen in der Akte. Reyher vermutet, dass die Pläne zum Bau der Sperre aufgrund des Ersten Weltkriegs, der verheerenden Inflation, zahlreicher Regierungskrisen in der Weimarer Republik sowie der Weltwirtschaftskrise keine Umsetzung erfuhren. Ab 1933, die Nationalsozialisten hatten die Regierung übernommen, finden sich dann wieder Dokumente. So schrieb der Arnsberger Regierungspräsident am 22. Juni 1933 an den Landrat in Altena, dass der Bau der Kierspetalsperre „demnächst“ in Angriff genommen würde. Darüber wurde auch der Kiersper Bürgermeister informiert. 

Doch Finanzierungsprobleme sorgten für einen erneuten Planungsstillstand. Ging es doch immerhin um 3,5 Millionen Reichsmark, die für den Bau veranschlagt waren – und über deren Verteilung zwischen den staatlichen Stellen, dem Ruhrtalsperrenverein und der Vollmetalsperren-Genossenschaft gestritten wurde. So findet sich das nächste „demnächst“, mit dem der Bau angekündigt wird, erst wieder 1939. Es ist in einem Schreiben des Regierungspräsidenten an den Landrat enthalten. Letztlich informierte der Lüdenscheider Bürgermeister seinen Kollegen in Kierspe, dass die Genossenschaft am 12. Juni 1940 mit dem Bau beginnen wolle. 

Hermann Reyher mit den Unterlagen aus dem Stadtarchiv.

Kurz zuvor, am 10. Mai 1940, hatte Deutschland sein Nachbarland Frankreich überfallen. So zwang man die französischen Kriegsgefangenen, an dem neuen Bauprojekt mitzuarbeiten. „Der Kiersper Zeitzeuge Peter Hageböck erlebte als Junge (wohl 1941) das Anlegen von Ersatzwegen und Ausheben von Gräben. Er sprach von sogenannten Franzosengräben“, erzählt Reyher. Der MZ-Mitarbeiter Klaus Schliek konnte ein Betonbauwerk am geplanten Schlammbecken oberhalb von Hemecke benennen, das heute noch dort zu sehen ist – wenngleich es nach Informationen eines Anliegers aufgrund einer Anordnung der Wasserbehörde abgebaut

Die konkreten Planungen

Wären die Pläne zum Talsperrenbau umgesetzt worden, wäre wohl ein imposanter See entstanden, denn hinter der Mauer sollte sich das Wasser bis auf eine Höhe von 38 Meter stauen. Insgesamt hätte der See rund zehn Millionen Kubikmeter Wasser aufnehmen können. Das Niederschlagsgebiet wurde mit einer Fläche von neun Quadratkilometern ausgewiesen und hätte sich zum größten Teil in Kierspe, zu einem kleinen Teil aber auch in Halver befunden. Begrenzt wäre dieses Gebiet in Kierspe durch die heutige L 528, Neuenhaus, Vor der Mark, Hölterhaus, Lohfeld, Romberg, Vornholt und Berkenbaum. In Halver endet das Gebiet in Schmidthausen, Hohl, Brüninghausen und Sticht. Die Talsperre selbst wäre in Kierspe an die Ortschaften Lammecke, Feld, Hemecke, Berken und Loh gestoßen. Halzenbach und Berkermühle hätten sich auf dem Grund des künstlichen Sees befunden.

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