"Hobbyretter" feiern zehnjähriges Bestehen

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Freizeit heißt für sie Bereitschaftsdienst: Die ehrenamtlichen Helfer vor Ort Fares Bäcker, Carmen Bendt (vorne), Alexander Kalcher, Christian Bendt, Jan Schwarze, Cedrick Berges und Patric Weiler.

Kierspe - Um 22.03 Uhr riss der Piepser Jan Schwarze aus dem Schlaf. Auf dem Display leuchtete das Alarmstichwort "Krampfanfall" auf. Minuten später saß der 23-Jährige im rot-weißen Fahrzeug des DRK Kierspe auf dem Weg zum Notfall.

Von Martin Meyer

Seit genau zehn Jahren ergänzen die ehrenamtlichen Helfer vor Ort den regulären Rettungsdienst bei Notlagen der Kiersper Bürger. In dieser Zeit haben die Helfer rund 1 800 Einsätze im Stadtgebiet gefahren.

Mit Blaulicht und Martinshorn kam der Helfer zeitgleich mit seinem 46-jährigen Kollegen Fares Bäcker am Einsatzort an, wo sie einen blassen und kaltschweißigen Patienten im Wohnzimmer vorfanden. „Wir haben sofort das Bewusstsein, die Atmung und den Puls des Mannes kontrolliert und einen Herz-Kreislauf-Stillstand festgestellt“, erklärt Jan Schwarze, der kurz daraufhin per Herz-Druckmassage mit der Reanimation des Mannes begonnen hatte.

„Die Überlebenswahrscheinlichkeit sinkt mit jeder Minute, in der man nichts tut, um zehn Prozent“, sagt Fares Bäcker. Der Helfer führte den Patienten mit einem Beatmungsbeutel Sauerstoff zu.

Die Initiative zweier Rotkreuzler vor zehn Jahren brachte die Aktion "Helfer vor Ort" in Kierspe ins Rollen. Sie meldeten sich bei der Rettungsdienststelle, um ehrenamtlich bei Notfällen erste Hilfe zu leisten.

Der damalige Rotkreuzleiter Fares Bäcker hatte zusammen mit dem DRK-Vorsitzenden Jochen Reiffert zuvor Gespräche mit Politik, anderen Hilfsorganisationen vor Ort und Verwaltungen geführt.

Am 18. Dezember 2003 unterzeichneten Reiffert und der damalige Landrat Aloys Steppuhn die Vereinbarung zur „Verbesserung der Versorgung der Kiersper nach lebensbedrohlichen Notfällen“.

Kommt es im Stadtgebiet zu einem Notfall, der über den Notruf 112 Rettungsdienst und Notarzt alarmiert, etwa bei Herz-Kreislaufproblemen, Atemnot, Schlaganfall, einem Sturz aus großer Höhe oder einem Suizid, klingeln auch bei zwei ehrenamtlichen Helfern die Einsatz-Melder.

Vor deren Haustüren steht je ein Einsatzfahrzeug, mit dem sie zur Einsatzstelle fahren. Da die Helfer in Kierspe wohnen, können sie häufig ein paar Minuten früher am Ort des Geschehens sein und kompetente Erste Hilfe leisten. Dieser Zeitvorteil kann Leben retten, sind sich die aktiven Helfer sicher.

Die Situation am Einsatzort spitzte sich zu – Jan Schwarze und Fares Bäcker kämpften um das Leben des Patienten. Mit einem sogenannten automatischen, externen Defibrilator musste dem Mann mehrfach ein elektrischer Schock gegeben werden. Mittlerweile war auch der Rettungsdienst vor Ort.

Während die ehrenamtlichen Helfer den Patienten weiter behandelten, konnten die Sanitäter ihr Material vorbereiten. „Das ist ein riesiger Vorteil. Die Behandlung des Patienten kann so konstant weiter gehen“, meint Bäcker, der auch stellvertretender Vorsitzender des DRK-Ortsvereins ist.

Mit vereinten Kräften konnte der Mann stabilisiert und zügig zum Rettungswagen gebracht werden. Die Helfer vor Ort packten bis zum Abstransport ins Krankenhaus nach Lüdenscheid mit an. „In diesem Moment, als wir draußen am RTW standen und der Mann ins Krankenhaus gebracht wurden, war ich total glücklich. Dafür machen wir das“, so Schwarze.

Da die Helfer in ihrer Freizeit retten, stehen sie zwischen 18 und 6 Uhr und an Wochenenden rund um die Uhr zur Verfügung. Nach ihrer Bereitschaftszeit, für die sich jeder freiwillig nach den eigenen zeitlichen Möglichkeiten in den Dienstplan eintragen kann, übergeben sie das Einsatzfahrzeug, den Funkmeldeempfänger und die Notfallausrüstung an den nächsten Helfer im Plan. „Ich bin bei jedem Einsatz nervös. Wir sind zwar Hobbyretter, aber eine Reanimation ist ein standardisiertes Programm, das wir mehrfach im Jahr üben“, erklärt Fares Bäcker.

Im Laufe der vergangenen zehn Jahre fuhren bisher insgesamt 45 Rotkreuzler als Helfer vor Ort zu Notfällen. Derzeit sind zwölf Helfer im Einsatz. „Das ist viel zu wenig“, betont der ehemalige Leiter des DRK-Kierspe. „Bei 20 Helfern würde ich nachts wesentlich besser schlafen.“

Seit einigen Monaten sind auch Rotkreuzler aus dem Bereitschaftsdienst für die Aktion Helfer vor Ort unterwegs. Dennoch werden weitere freiwillige Kräfte, zum Beispiel aus dem hauptberuflichen Rettungsdienst oder notfallmedizinischen Bereich sowie Bundeswehrsanitäter, dringend gesucht. Bäcker: „Wir leben vom ehrenamtlichen Engagement und können deshalb Hilfe aus jeder Richtung gebrauchen.“

Durch ihre Initiative wurde mehr als nur einmal Leben gerettet – und die ehrenamtlichen Helfer vor Ort beleben das ganz Kiersper DRK. Um auch den Menschen einen Eindruck von ihrer Tätigkeit zu vermitteln und das zehnjährige Bestehen der Aktion zu feiern, laden die Helfer am 6. September zum ein Familientag mit Blick hinter die Kulissen ein.

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