„Bin heilfroh, dass wir G9 haben“

An der Kiersper Gesamtschule wird das Abitur erst nach insgesamt 13 Schuljahren abgelegt. - Archivfoto

Kierspe - In Meinerzhagen werden Unterschriften gesammelt, um das Abitur nach 13 Schuljahren wieder einzuführen und damit das sogenannte G8-Abitur zu beenden. An der Kiersper Gesamtschule gibt es solche Gedanken nicht, dort fand und findet die Abi-Prüfung am Ende der 13. Klasse statt.

Von Johannes Becker

Zum Glück für die Schüler, wie Schulleiter Johannes Heintges meint. „Ich bin heilfroh, dass wir G9 haben“, bringt Heintges seine Gedanken auf den Punkt. Denn nach seiner Meinung gehe es in der Schule nicht nur um die Vermittlung von Wissen, sondern auch um die Entwicklung der Persönlichkeit.

„Gerade im Hinblick auf die Persönlichkeitsentwicklung habe ich große Zweifel an der Sinnhaftigkeit von G8. Denn junge Menschen wollen sich ausprobieren, Sport treiben und Lebenserfahrung sammeln. Doch dazu gehört Kreativität und die braucht Zeit. Außerdem ist es sicher nicht schlecht, auch etwas mehr Zeit zu haben, wenn man sich mal auf einem persönlichen Holzweg befindet“, erklärt der Schulleiter. Und weiter: „Krisen gehören zum Leben, die können eher in einer 13-jährigen Schullaufbahn aufgefangen werden als in einer zwölfjährigen.“

Ein Argument der Gegner des Turbo-Abiturs ist, dass die Schüler aufgrund der hohen Stundenzahl keine Zeit mehr für Freunde, Vereine oder Hobbys finden würden. Doch wie sieht das an einer Gesamtschule im Ganztagesbetrieb aus?

„Grundsätzlich haben die Schüler der Jahrgänge 10 bis 12 am Gymnasium die gleiche Stundenzahl wie die Jahrgänge 11 bis 13 an der Gesamtschule. In den unteren Jahrgängen könnten das weniger sein. Sind es aber kaum, da wir aufgrund des Ganztages eine größere Breite an Fächern anbieten. Außerdem können die Kinder im Rahmen des Aufenthaltes an der Gesamtschule einen großen Teil ihrer Wochenaufgaben unter Betreuung durch einen Lehrer in den Arbeitsstunden erledigen. Dadurch haben sie dann außerhalb der Schule auch sehr viel mehr Freizeit. Und an den AG-Tagen besteht auch die Möglichkeit, statt an einer Arbeitsgemeinschaft teilzunehmen, einen Verein zu besuchen. Außerdem haben wir ja auch nicht an jedem Tag bis 16 Uhr Unterricht“, so Heintges.

Darüber hinaus erwähnt der Schulleiter die zahlreichen Praktika und Berufsvorbereitungsangebote, die ab der Klasse 8 angeboten werden und für die in einer um ein Jahr kürzeren Schulzeit sicher in diesem Maße keine Zeit bliebe.

Doch die Reformen sind auch an den Gesamtschulen nicht spurlos vorbeigegangen. So war ursprünglich von der damaligen CDU-FDP-Landesregierung geplant worden, dass auch die Gesamtschulen G8 einführen sollten. Und obwohl es anders kam, müssen die Schüler heute ein Jahr früher ihre Wahlpflichtentscheidung treffen. 

Heintges: „Es sind vor allem im handwerklichen Bereich weggefallen – zu Gunsten der Fächer Deutsch, Mathematik und Englisch.“ Eine Entwicklung, die er nicht nur begrüßt, da der Unterricht jenseits der Hauptfächer nicht mehr so stattfinden könne, wie er für die Schüler wichtig sei.

Ganz klar begrüßt Heintges aber das Zentralabitur, bei dem alle Schüler des Bundeslandes die gleichen Themen bearbeiten würden. Dadurch sei endgültig entkräftet, dass man an einer Gesamtschule sein Abitur leichter bekomme als an einem Gymnasium. Wobei allerdings die Abiturnoten der Kiersper Gesamtschüler, das räumt der Schulleiter ein, immer etwa 0,1 schlechter seien als der Landesschnitt.

Die Ursache dafür sieht SchulleiterHeintges auch darin, dass viele Schüler (rund 65 bis 70 Prozent), die an der Gesamtschule ihr Abitur bestehen, von den Grundschulen ursprünglich gar keine Gymnasialempfehlung erhalten hätten.

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