Heike Deuschle: Den halben Schwarzwald verarbeitet

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Seit 40 Jahren arbeitet Heike Deuschle bei Blumen Varnhorn – und all die Jahre an der Seite ihrer Chefin Petra Schürmann (rechts). Eine Bewerbung hat die Jubilarin noch nie geschrieben.

Kierspe – „Eine Bewerbung habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht geschrieben“, sagt Heike Deuschle und lacht. Bereits in der Schulzeit hat sie sich für den Beruf der Floristin interessiert und ist bis heute dabei geblieben – 40 Jahre im gleichen Unternehmen.

Als Schülerpraktikantin der Kiersper Gesamtschule war Deuschle damals zu Varnhorn gekommen, hatte danach während der Schulzeit auch immer ausgeholfen und 1980 dann mit der Lehre begonnen. Geführt wurde das Geschäft damals noch von Karl Varnhorn und dessen Frau Ingrid Varnhorn-Becker – und damals arbeitete auch schon die Tochter der Unternehmensgründer Petra Schürmann dort.

So gesehen hat Deuschle in ihrem Berufsleben nicht gerade viele Arbeitskollegen kennengelernt. Dafür hat sie aber den mehrfachen Wandel in der Branche erlebt.

„Als ich anfing, da gab es auf den allermeisten Beerdigungen noch -zig Kränze. Manchmal denke ich, ich habe den halben Schwarzwald verarbeitet. Heute hat sich das geändert, da haben wir längst nicht mehr so viele Kränze zu binden“, erzählt die Floristin. Dabei ist das Binden des Grabschmucks doch heute so viel einfacher. Damals, als sie anfing, hat sie noch mit ihrer jetzigen Chefin und deren Bruder Moos gesammelt, um eine Grundlage für den Kranz zu bekommen, heute verwendet sie Strohunterlagen, die vorgefertigt geliefert werden.

Auch das Einkaufsverhalten der Kunden habe sich mit den Jahren stark verändert, seien es früher vor allem Topfpflanzen und Schnittblumen gewesen, zu denen die Kunden griffen, sind es heute verstärkt Dekoartikel, die sich in dem Ladenlokal an der Kölner Straße auch in Hülle und Fülle finden.

Auch bei den Blumen-Trends habe sich vieles verändert – und manches komme wieder, berichtet Deuschle. „Früher gab es Nelken in ganz vielen Farben, dann waren die plötzlich verschwunden – jetzt feiern diese Blumen ein Comeback.“ Gleiches gelte für Trockenblumen, die seit einiger Zeit wieder nachgefragt würden, auch von jüngeren Kunden. Nur eins habe sich nie verändert, der Wunsch nach roten Rosen. Deuschle: „Die sind ein Dauerbrenner, natürlich vor allem zum Hochzeits-, Valentins- und Muttertag.“

Apropos Valentinstag, der spielte, so erinnert sich die Kiersperin, vor 40 Jahren kaum eine Rolle, genau wie Halloween damals nahezu unbekannt gewesen sei. Doch eines hat sich für Heike Deuschle nie geändert, „der Spaß an der Arbeit“. „Mir macht es einfach Spaß, aus nichts etwas zu erschaffen“, sagt sie. Wie wichtig ihr die Arbeit ist, wurde klar, als sie aufgrund der eigenen Kinder pausierte. Da hat sie so mancher Weg mit dem Kinderwagen ins Ladenlokal geführt. „Generell habe ich ja mehr Zeit auf der Arbeit als mit der Familie verbracht.“ Aber auch außerhalb der Arbeitszeit spielten Blumen immer eine große Rolle. Nach Arbeitsende hat sie auf dem Nachhauseweg noch so manche Bestellung ausgeliefert oder bei der KAB Kurse im Herstellen von Blumensträußen gegeben. Deuschle: „Danach fragt heute niemand mehr. Da schauen sich die Menschen lieber ein Youtube-Video an.“

Was sich aber nie verändert habe, sei das gute Miteinander im Geschäft und der Kontakt zu den Kunden. Während letzterer bei auch schon mal längeren Gesprächen im Geschäft gepflegt wird, sind es die Betriebsausflüge, die den Zusammenhalt fördern. „Das ist doch Doping für die Seele“, beschreibt es die Floristin.

Doch bei aller Freude am Gespräch, die immer wieder aufkommenden Gerüchte einer Schließung stören sie sehr. Und auch Chefin Petra Schürmann widerspricht energisch, dass etwas an diesen Gerüchten stimmen könnte. „Wir werden nicht schließen. Das Geschäft gibt es seit 58 Jahren – und der 60. Geburtstag soll nicht der letzte sein, den wir hier feiern“, sagt Schürmann. Deuschle freut’s, denn auch wenn sie bereits seit 40 Jahren in dem Betrieb arbeitet, bis zur Rente sind es noch weit mehr als zehn Jahre. Und wenn sie eins nicht möchte, dann ist es, dass sie noch irgendwann die erste Bewerbung ihres Lebens schreiben müsste.

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