Haus Rhade kann auf lange Geschichte schauen

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Der größte Teil von Haus Rhade geht auf den letzten Ausbau aus den 1920er-Jahren zurück. Der mächtige Turm deutet jedoch auf ein größeres Alter hin.

Kierspe - Die Keimzelle von Kierspe war der mittelalterliche Gutshof Haus Rhade – an diese Erkenntnis erinnerte der Historiker Hans Ludwig Knau in einem weiteren Vortrag der Tagung aus Anlass von 50 Jahren montangeschichtlicher Forschungen im Volmetal.

Hochwassersicher liegt Haus Rhade ein paar Meter über der Volme – zu drei Vierteln umgeben von einer Gräfte (Wassergraben) und einer prächtigen Parkanlage. Ganz in der Nähe, an der heutigen B 54, befindet sich der Ortsteil Rhadermühle. Schon der Name deutet darauf hin, dass sich dort einst eine Mühle befand. Zwei Kornmahlgänge und ein Hafermahlgang waren dort nachweisbar – ein Hinweis, dass auf Haus Rhade auch die Pferdehaltung eine wichtige Rolle spielte. Tatsächlich handelt es sich bei dem Herrenhaus um eine der ältesten Anlagen des Märkischen Kreises und den Ursprung der Stadt Kierspe.

Erste Erwähnung im Jahr 1003

Erstmals erwähnt wurde Haus Rhade in einer Schenkungsurkunde, mit der Erzbischof Heribert von Köln das Anwesen den Benediktinermönchen übereignete, die im Jahr 1003 inmitten der Ruinen des alten Römerkastells von Deutz ein Kloster errichtet hatten. Um das Kloster lebensfähig zu erhalten, stattete der Erzbischof es mit reichem Landbesitz aus. Drei Höfe in den Niederlanden gehörten unter anderem dazu, Hof Windesheim im Erzbistum Mainz und der damalige Hof Rhade. In der Urkunde vom 16. Februar 1003 hieß es, dass Erzbischof Heribert den Hof „mit allem Zubehör“ dem Kloster zum Geschenk machte. Knau erklärt, worum es sich bei diesem Zubehör handelt: „Leibeigene beiderlei Geschlechts, die mit einiger Wahrscheinlichkeit die weit auseinanderliegenden Unterhöfe bewirtschafteten, deren Namen wir jedoch erst aus dem 17. Jahrhundert erfahren, als Rhade mit seinen nun so genannten Sohlgütern noch immer eine Einheit bildete. Wir lesen dabei die Ortsbezeichnungen Sessinghausen, Beckinghausen, Clame bei Lüdenscheid, Belkenscheid, Hinterste Berg, Borlinghausen, Bordinghausen, Varmert, Düren, Isenburg, die obere und niedere Quabecke, mehrere Güter im Dorfe Kierspe (auf dem Ufer), Schmidthausen, Blechen, Romberg, Tinghausen, Stüttinghausen und Dahlhausen bei Lüdenscheid, Hunswinkel und schließlich Herscheid.“ Das war ein ganz ordentliches Herrschaftsgebiet des Herrenhofes Rhade, der das Zentrum dieses feudalen Wirtschaftsbetriebes darstellte.

Lange Zeit wurde angenommen, dass die Mönche aus Deutz Kenntnisse aus Süddeutschland und Köln über Bergbau und Verhüttung ins Sauerland brachten. Doch die Forschungen des Lüdenscheider Lehrers und Archäologen Manfred Sönnecken hätten auch in dieser Hinsicht neue Erkenntnisse gebracht, erklärte Hans Ludwig Knau den Tagungsteilnehmern. Keramikfunde im Bereich der Eisenhütte von Haus Rhade gingen bis in das 9. Jahrhundert zurück und belegten, dass die Eisenerzeugung hier schon zur Zeit der Karolinger eine bedeutende Rolle gespielt hatte. „Es gab eine Tradition der Eisenverhüttung und Verarbeitung vor der Ankunft der Mönche.“

Margarethenkirche wurde zum Mittelpunkt

Seinen Ursprung verdankt Kierspe vermutlich seiner Kirche, die die Deutzer Mönche der Heiligen Margaretha widmeten. Die Menschen auf den zahlreichen Unterhöfen von Haus Rhade brauchten einen kirchlichen Mittelpunkt und geistliche Betreuung: „Diese Kirche wurde nicht nur zum religiösen Lebensmittelpunkt der Menschen, sie war zugleich auch Mittelpunkt der politischen Gemeinde. Alten Leuten sind noch die traditionellen Kirchwege bekannt, auf denen die Menschen aus den Kiersper Bauernschaften sonntags ihre Kirche erreichten. Die Vorsteher dieser Bauernschaften waren zugleich Kirchenvorstand und weltliche ,Beamte‘, die dem landesherrlichen Richter unterstellt waren. Als Zentrum des Glaubens war die Kirche der Platz des sonntäglichen Gottesdienstes, zur traditionellen Margarethenkirmes Anlaufpunkt und Markt, ja sogar Heiratsmarkt der Kirchspielsbewohner.“

Auch Haus Rhade hatte einst eine dem Heiligen Georg gewidmete Kapelle, in deren Turm die Kornkammer vor Feuchtigkeit geschützt war. Diese Kapelle wurde abgerissen, nachdem sie baufällig geworden war.

Das Thema Verfall hat das in seinem Kern mittelalterliche Anwesen lange Jahre begleitet und war immer wieder Anlass für Besitzerwechsel. Die derzeitigen Besitzer bemühen sich um den Erhalt der Substanz des geschichtsreichen Gebäudes, das am Anfang der Geschichte jener Stadt steht, die wir heute unter dem Namen Kierspe kennen.

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