Margarethenkirche: Auge in Auge mit der Gemeinde

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Auch nach Jahrhunderten behält die Margarethenkirche noch so manches Geheimnis für sich. Doch erneut haben sich mit Hans Ludwig Knau und Roland Pieper zwei Experten dem Gebäude und seiner Geschichte genähert.

Kierspe – Spätestens in den frühen 1820er-Jahren war es mit einem erholsamen Schlaf während des Gottesdienstes vorbei. Von seiner Kanzel hatte der Pfarrer jeden Platz in der Kirche im Blick – umgekehrt galt das natürlich auch.

An den Schlaf der Gemeindemitglieder hat sicher niemand gedacht, als man sich entschloss, die baufällig gewordene Margarethenkirche am Anfang des 19. Jahrhunderts neu aufzubauen und auf die Pfeiler im Inneren zu verzichten. Vielmehr wollte man den Platz, den das Gotteshaus zu bieten hatte, in seiner vollen Größe nutzen. So vermuten das auch Hans-Ludwig Knau und Roland Pieper.

Der frühere Ortsheimatpfleger Knau beschäftigt sich schon seit Jahren mit der alten Kirche und hat schon so manches Wort über diese verloren und viele Zeilen über das Gebäude geschrieben. Nun hat er das erneut getan, aber nicht alleine. Gemeinsam mit dem freien Wissenschaftspublizisten und Fotografen Roland Pieper aus Münster hat er im neuen „Märker“ einen 20-seitigen Artikel zur Margarethenkirche veröffentlicht. Nicht erst seit seiner Promotion gilt Pieper als ausgewiesener Kirchenkenner in Westfalen.

Die beiden Kirchenkenner lenken bei ihren Betrachtungen den Blick auch noch einmal auf die Entstehungsgeschichte und vermerken, dass es nach wie vor keine Hinweise auf das Aussehen der Kirche oder Kapelle gebe, die vor dem 14. Jahrhundert an gleicher Stelle gestanden haben muss.

Doch von dem Gebäude, das ab 1330 inmitten des Dorfes und damit zentral im damaligen Kierspe stand, sind noch heute die Umfassungsmauern mit den gotischen Fenstern vorhanden.

Das Taufbecken stammt aus dem 13. Jahrhundert – und ist Sinnbild der vom Rheinland ausgehenden Christianisierung entlang der Heidenstraße.


Doch auch die exponierte Lage des Gotteshauses rettete dieses nicht vor dem Verfall, der Anfang des 19. Jahrhunderts sich so darstellte, dass nur eine grundlegende Sanierung notwendig wurde, die letztlich einem Neubau gleich kam – inklusive des tatsächlichen Neubaus des Turms. Ursächlich für diesen Verfall dürfte, so vermuten Knau und Pieper, die Besetzung des Grafschaft Mark durch französische Truppen gewesen sein, die zur Folge hatte, dass das Kirchspiel Kierspe der Bürgermeisterei Meinerzhagen zugeschlagen wurde. Aber auch die Zeit des 30-jährigen Krieges hatte ihre Spuren an der Kirche hinterlassen.

Auf Grundlage von Schriftquellen, so schreiben Knau und Pieper, lasse sich ein Bild der mittelalterlichen Kirche gewinnen: „Danach handelte es sich um eine dreischiffige, drei- oder vierjochige und zumindest teilweise gewölbte Hallenkirche.“

Der Neubau, so wollten es die neuen Landesherren, die Preußen, sollte so preiswert wie möglich erfolgen – unter Verwendung der beim Umbau und Abbruch des Turmes geretteten Baumaterialien. Letztlich wurde der in Hamm residierende Landesbaumeister Philipp Leonhard Pistor beauftragt, den Um- und Neubau zu betreuen.

Dieser Pistor, so schreiben die beiden Autoren, sei kein Einheimischer, aber auch kein Fremder gewesen. Durch seine Heirat mit einer Meinerzhagenerin war ihm die Region bekannt – und nach seinen Plänen wurde Meinerzhagen nach dem großen Brand von 1791 wiederaufgebaut. Der Zufall wollte es, dass der Neubau des Turms der Jesus-Christus-Kirche in Meinerzhagen zeitgleich mit dem Abriss und Neubau des Turms der Margarethenkirche erfolgte.

In der Grafik des Designer Thomas Clever ist die Dachkonstruktion gut zu erkennen.


Mit dem Abbruch des Turms in Kierspe wurde vor genau 205 Jahren – im August 1815 – begonnen. Die Bauarbeiten verzögerten sich durch Missernten, die ihre Ursache in einem Vulkanausbruch in Indonesien hatten.

Pistor hatte durchgesetzt, dass der neue Turm seine markante Spitze bekam und ein Bogenbohlendach. „Zugestanden“ hätten diese der kleinen Dorfkirche eigentlich nicht – doch aufgrund der Lage und ihrer Sichtbarkeit war es dem Baumeister ein Anliegen, ein repräsentatives Gebäude zu schaffen. In ihrem Innenraum sollte die Kirche deutlich anders erscheinen und nicht mehr an den katholischen Ursprung des Gebäudes erinnern. Da nach protestantischer Sicht nur noch eine Kanzel und ein Altar benötigt wurden, konnte 1923/24 der Kanzelaltar mit Sakristei und Sängerempore eingebaut werden.

Was noch fehlte, war eine Orgel. Und an dieser Stelle säen Knau und Pistor Zweifel an der Geschichte vom Entwurf Karl Friedrich Schinkels. Er, der Leiter der Oberbaudeputation und Herr über alle preußischen Baumaßnahmen zu Beginn des 19. Jahrhunderts, soll höchstpersönlich den Entwurf der Orgel zu Papier gebracht haben. Zwischenzeitlich wurde aber im Nachlass des Orgelbauers Christian Roetzel eine Zeichnung gefunden, die als „Conzept nach Kierspe den 8ten April 1823“ unterschrieben ist. In einer Bildunterschrift finden die beiden Autoren einen Kompromiss und schreiben: „Das Orgelgehäuse von 1827/28 entwarf Karl Friedrich Schinkel in Zusammenarbeit mit Orgelbauer Christian Roetzel, der auch das weitgehend erhaltene Orgelwerk schuf.“

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