Haltloses Chaos, Liebe, Lügen und Leidenschaft

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Manch erbitterten verbalen Schlagabtausch lieferten sich Kaufmann Pandolfo und Dottore Lombardi. ▪

KIERSPE ▪ Monatelang hatten sie auf diesen Tag hingefiebert. Die Zwölftklässler der Gesamtschule verbrachten in den vergangenen Wochen freiwillig mehr Zeit in der Schule. Jede freie Minute wurde zum proben genutzt, Requisiten wurden gebastelt und Kostüme entworfen. „Der Diener zweier Herren“ sollte aufgeführt werden. Die Mühe zahlte sich aus: Mit tosendem Applaus belohnten die Premierenzuschauer die Schüler.

Seit Anfang des Schuljahres hatte der Literaturkurs des zwölften Gesamtschuljahrgangs unter der Leitung von Andrea Heetmann-Thiel für seine Auftritte am Mittwoch- und Donnerstagabend im Pädagogischen Zentrum geprobt. Mit „Der Diener zweier Herren“ von Carlo Goldoni stand ein Stück aus dem 18. Jahrhundert auf den Spielplan, das der Theatergattung der „Commedia dell`Arte“ angehört. Ausdrucksstark hauchten die jungen Akteure in ihren selbst gefertigten Masken und Kostümen den Charakteren des habgierigen Kaufmanns, des streitsüchtigen Dottore, des schelmischen Dieners und der verzweifelten Liebenden Leben ein.

„Begonnen haben wir mit Sprech- und Improvisationsübungen, bevor Requisiten und Kostüme Gestalt annahmen“, verriet Kursleitern Heetmann-Thiel. Eine besondere Herausforderung habe aber vor allem die Gestaltung der Masken bedeutet, die ein Markenzeichen der „Commedia dell`Arte darstellen. Wichtig war ihr auch, dass wirklich jeder der 33 Schüler als Schauspieler, in der Technik oder beim Anfertigen von Masken, Requisiten und Kostümen eine eigene Aufgabe fand und in das Projekt eingebunden war.

Gerade vereinbaren der venezianische Kaufmann Pandolfo (Jonas Cölsche) und Dottore Lombardi (Maria Sieme) auf der Bühne die Hochzeit ihrer Kinder, als der totgeglaubte Verlobte von Rosaura, Pandolfos Tochter, erscheint. Dabei handelt es sich allerdings in Wahrheit nicht um Rasponi, sondern um dessen Schwester Beatrice (Jessica Grabinski), die in Männerkleidern mit ihrem Diener Truffaldino (Wiebke Triphan) auf der Suche nach ihrem Geliebten Florindo ist, der ihren Bruder im Kampf tötete.

Damit beginnt ein komplikationsreiches Verwirrspiel, in dem sich vermeintliche Nebenbuhler duellieren wollen, verzweifelte Liebende todunglücklich sind und wohlhabende alte Männer wie Streithähne auf einander losgehen. Zwischen allen bewegt sich der ewig hungrige Diener Truffaldino, der nur daran denkt, endlich einmal satt zu werden. Aus diesem Grund verdingt er sich neben Beatrice auch noch Florindo als zweitem Herren und macht damit das Chaos perfekt. Mit einem Gemisch aus Klugheit und Einfalt stapft Truffaldino in jedes Fettnäpfchen, redet sich aber mit Lügengeschichten immer wieder heraus. Diese gipfeln schließlich darin, dass die Liebenden Beatrice und Florindo denken, der jeweils andere sei tot und sich erst in letzter Minute zufällig wiederfinden. Beim Happy-End auf der Bühne sind dann aber alle glücklich: Die jungen Liebenden fallen sich in die Arme, die reichen alten Herren versöhnen sich und der Schelm Truffaldino ergattert mit dem Dienstmädchen Blandina eine besonders hübsche Braut.

Mit anerkennendem Beifall dankten die überwiegend jungen Zuschauer dem engagierten Ensemble. Bravourös meisterten die jungen Schauspieler in der turbulenten Komödie ihre teilweise langen Textpassagen, die – in der ungewohnten Sprache des 18. Jahrhunderts gehalten – eine besondere Herausforderung darstellten. Mit den fantasievollen Details ihrer Masken und Kostümen ließen sie die stereotypen Charaktere des Stücks auf witzige Weise lebendig werden.

Martina Haski

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