Hebamme: Karger Lohn für „schönsten Beruf der Welt“

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Johanna Bielau kennt die Schattenseite ihre Berufes als Hebamme. Trotzdem ist dieser Beruf für sie der schönste der Welt. Nun ist die Politik gefordert, dass das auch so bleibt.

Kierspe - Haben Schwangere in Zukunft nur noch die Möglichkeit, in Krankenhäusern zu entbinden? Eine Frage, mit der sich nun auch die Politik befasst. Denn neben einer schlechten Einkommenssituation haben die Hebammen auch extrem hohe Prämien für ihre Haftpflichtversicherungen zu zahlen. Die Bundesregierung hat Hilfe zugesagt, aber noch keine konkreten Beschlüsse gefasst. Johanna Bielau ist eine von mehr als 21 000 Hebammen in Deutschland. Sie kennt die Probleme ihrer Branche, auch wenn sie selbst nicht von allen Misslichkeiten betroffen ist.

Von Johannes Becker

Seit 16 Jahren betreut Johanna Bielau Mütter und Neugeborene in Kierspe, Meinerzhagen, Halver, Marienheide, Breckerfeld und Schalksmühle. 20 Kilometer rund um ihren Wohnort darf sie für Mütter in der Zeit vor der Geburt und für Familien in der Zeit danach wirken. Da bietet sich der Wohort Kierspe an, wenngleich sie ihre Praxisräume in Meinerzhagen und Halver betreibt.

Sie steht in der Geburtsvorbereitung in allen Belangen zur Verfügung, „natürlich in Zusammenarbeit mit dem zuständigen Gynäkologen.“ Bis zu 16 Termine für Beratung, medizinische Hilfe und Geburtsvorbereitung sind dafür vorgesehen. Dann sehen die Mütter die 38-Jährige erst nach der Geburt wieder. Acht Wochen lang – bei Bedarf auch länger – steht die Hebamme dann den Familien zur Seite, um zu beraten, Rückbildungsprozesse zu bekleiden oder die Wundversorgung zu übernehmen. „Wir sind dann in allen Bereichen Ansprechpartner, um den Familien zu helfen, mit der neuen Situation klar zu kommen“, erklärt sie.

Reich werden kann eine Hebamme dabei allerdings nicht. 8,50 Euro beträgt der Stundenlohn im Schnitt, dafür wird aber auch eine Erreichbarkeit rund um die Uhr erwartet und auch an den Wochenenden ist die Fachfrau gefordert. „Da muss man schon viele Stunden arbeiten, um auf ein akzeptables Monatsentgelt zu kommen. So einen Beruf kann man nur ausüben, wenn dieser auch Berufung ist. Trotzdem bleibt er für mich der schönste Beruf der Welt.“

Nur als geburtshelfende Hebamme ist Bielau nicht gefordert. Um Zeit für die eigene Familie mit drei Kindern zu haben, hat sie sich gegen diese Aufgabe entschieden. „Und heute betreue ich so viele Mütter, da wäre gar keine Zeit mehr, in diesem Bereich tätig zu werden.“

Hätte sie sich anders entschieden, stände sie nun vor existenziellen Problemen. Denn mittlerweile gibt es kaum noch eine Haftpflichtversicherung, die Hebammen aufnimmt – und wenn, dann müssen trotz des überschaubaren Verdienstes enorme Summen gezahlt werden.

Lag die Prämie für eine Haftpflichversicherung 1998 noch bei 180 Euro im Jahr, waren es 2003 bereits 1350 Euro. Ab Juni dieses Jahres sollen Prämien von mehr als 5000 Euro gezahlt werden.

„Das gefährdet die freie Wahl des Geburtsortes extrem. Dann kann im Grunde nur noch im Krankenhaus entbunden werden. Da ist die Versorgung in unserer Region ja noch ganz gut, doch in anderen Gebieten der Republik sieht das ganz anders aus“, erklärt Bielau.

Die Politik hat Hilfe versprochen, so steht es zumindest im Koalitionsvertrag. Doch wann diese kommt, dazu haben sich die regierenden Parteien noch nicht geäußert.

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