Gericht lässt sich milde stimmen

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Symbolfoto

Kierspe - Sechs Monate Haft ohne Bewährung kassierte ein heute 22-jähriger Kiersper am 13. Juni im Amtsgericht Lüdenscheid. Letzte Station vor der Vollstreckung der Haftstrafe war nun das Landgericht Hagen, das über die Berufung des jungen Mannes zu entscheiden hatte.

Durch die Beschränkung der Berufung auf das Strafmaß gab er zu, dass er sich bei einem Polizeieinsatz am 28. Oktober 2017 in Lüdenscheid gegen die Fixierung gewehrt hatte und mit versuchten Kopfstößen auf die Beamten losgegangen war. Das war als tätlicher Angriff gegen Vollstreckungsbeamte gewertet und – aufgrund mehrerer Vorstrafen – recht hart bestraft worden.

Alkohol hatte bei dem Geschehen eine nicht unerhebliche Rolle gespielt: Etwa 1,5 Promille hatte der Angeklagte bei der Tat im Blut. Im Landgericht schilderte der 22-Jährige seinen schwierigen und nicht immer leichten Lebenslauf. Nach dem Besuch diverser Förderschulen, die er letztlich ohne Abschluss verließ, schickte ihn das Jugendamt für sieben Monate auf Reisen mit einem Zirkus. Falsche Freunde, Alkohol, erste Straftaten: Mit 18 Jahren saß er zum ersten Mal für 18 Monate im Knast, nachdem er 2014 wegen einer gemeinsamen räuberischen Erpressung zu einer Jugendstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten verurteilt worden war.

Danach verlor er eine Ausbildungsstelle und die Freundin. „Das war die Zeit, wo ich auch die Straftat gegen den Beamten gemacht habe“, blickte er zurück auf Zeiten, in denen er nach der Haft noch ziemlich von der Rolle war. Doch die Berufungsverhandlung bot ihm Gelegenheit zu schildern, dass sich in seinem Leben vieles zum Besseren verändert hatte: „Den Alkohol habe ich unter Kontrolle“, erklärte er den Richtern.

Sein Arbeitgeber attestierte ihm „eine bisher einwandfreie Arbeitsleistung“. Die sechsmonatige Probezeit habe der 22-Jährige erfolgreich überstanden. Nun habe er Aussicht auf eine dauerhafte Beschäftigung. „Ich bin dabei, alle meine Schulden abzubezahlen“, erklärte der junge Mann. Und eine neue Freundin habe er auch. Die Staatsanwältin konnte bestätigen, dass sich sein Lebenswandel geändert hatte: „Es gibt keine offenen Strafverfahren.“

Und so hoffte Verteidiger Christoph Gebauer in seinem Plädoyer auf eine Bewährungsstrafe aufgrund von „Perspektiven, die damals nicht gegeben waren“. Die Berufungskammer sah das ebenso und änderte das Urteil des Amtsgerichts in der von allen Beteiligten beantragten Richtung ab. „Hier und heute müssen wir prüfen: Kann der Angeklagte gefestigte soziale Verhältnisse vorweisen?“, erklärte der Vorsitzende Richter Dieter Krause. Die Kammer bejahte diese Frage und setzte die Strafe zur Bewährung aus. Die vom Amtsgericht verhängten sechs Monate wurden zudem auf fünf reduziert. Einen kleinen Denkzettel hielten die Richter dennoch für angebracht: 80 Stunden sozialer Arbeit muss der Angeklagte als Bewährungsauflage ableisten.

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