Totschlag-Prozess

Gutachten der psychiatrischen Sachverständigen

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Am Donnerstag stellte die psychiatrische Sachverständige Dr. Anette Korte die Ergebnisse ihres Gutachtens vor.

Kierspe/Köln - Am vierten Tag im Prozess wegen Totschlags gegen einen 33-Jährigen aus Kierspe stellte die psychiatrische Sachverständige Dr. Anette Korte die Ergebnisse ihres Gutachtens vor.

Dem Angeklagten wird vorgeworfen, vor vier Jahren einen 24-Jährigen vor einer Diskothek mit seinem eingegipsten Arm zu Boden geschlagen und mit Tötungsabsicht gegen seinen Kopf getreten zu haben. Die Tat soll um 5 Uhr morgens geschehen sein, der Angeklagte wurde erst um 12 Uhr von der Polizei verhaftet, die Blutuntersuchung erfolgte um 14 Uhr.

Da der Kiersper nach der Tat noch eine Bar aufgesucht und weiter getrunken haben soll, war eine genaue Bestimmung des Blutalkohols während der Tat nicht möglich. Die Gutachterin ging allerdings von mindestens zwei Promille Blutalkohol aus. Sie erklärte, dass es auch nicht auf die genaue Promillezahl ankäme, sondern darauf, wie der Alkohol auf den Angeklagten gewirkt habe. „Ich gehe nur von einem leichten oder mittelschweren Rauschzustand aus.“ – auch, wenn der 33-Jährige zusätzlich Amphetamine konsumiert habe, circa ein halbes bis ein ganzes Gramm. 

Trotz der „Mischtoxikation“ sei der Angeklagte einsichtsfähig gewesen. „Er war nicht so beeinträchtigt, dass er nicht wusste, dass er keinen Menschen schlagen darf.“ Zu der Beurteilung der Steuerungsfähigkeit des Kierspers zum Tatzeitpunkt befand die Gutachterin auf ein „geordnetes Nachtat-Verhalten“. Zum Beispiel habe er sich wahrscheinlich telefonisch nach dem Zustand seines Opfers erkundigt. Wenige Minuten vor der Tat habe er sich bei dem Bezahlen an der Kasse der Diskothek unauffällig verhalten. 

Für eine eingeschränkte Steuerungsfähigkeit spreche dagegen unter anderem, das „persönlichkeitsfremde Verhalten“ des 33-Jährigen, weil er bisher nicht als Schläger in Erscheinung getreten sei. „Ich kann insgesamt eine beeinträchtigte Steuerungsfähigkeit nicht ausschließen.“ Diese Einschätzung bedeutet eine Strafmilderung, falls das Gericht dieser Beurteilung folgt. Allerdings stellte die Gutachterin klar: „Eine aufgehobene Steuerungsfähigkeit hat auf keinen Fall vorgelegen.“ 

Zudem liege kein Grund vor, anzunehmen, dass eine Persönlichkeitsstörung vorliegt. Der Kiersper habe zwar oft seine Arbeitsstellen gewechselt und auch von Mobbing berichtet. Das, so Korte, könne darauf hinweisen, dass sich der Angeklagte schnell gekränkt fühle. „Dabei handelt es sich aber um eine emotionale Instabilität im Normbereich.“ Die Plädoyers von Staatsanwalt, Verteidiger und Nebenklage werden am Freitag erwartet. Die für den 11. März geplante Urteilsverkündung wurde auf den 22. März verschoben.

Von Sigrid Schulz

Der Fall

Ein 33-jähriger Kiersper muss sich vor dem Kölner Landgericht wegen Totschlags verantworten: Er soll am frühen Morgen des 29. April 2012 in einer Diskothek in Gummersbach mit seinem eingegipsten Arm einen 24-Jährigen niedergeschlagen haben. Anschließend habe er dem am Boden liegenden Mann gegen den Kopf getreten. Der junge Mann erlag noch am selben Tag im Krankenhaus seinen Verletzungen. Da die Staatsanwaltschaft davon ausgeht, dass der Angeklagte zumindest beim Tritt gegen den Kopf den Vorsatz hatte, den 24-Jährigen zu töten, wird der Kiersper wegen Totschlags angeklagt. Der Angeklagte war noch am Tattag festgenommen worden.
 

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