Günter Henseler reist durch die Rechtsgeschichte

+
Günter Henseler blättert in einem der alten Protokolle. ▪

KIERSPE ▪ Die Suche nach seinen Ahnen führte Günter Henseler auf eine Reise quer durch die Jahrhunderte. Er fand Intrigen, Liebesgeschichten und Morde. Manches rührte ihn zu Tränen, anderes ließ ihm kalte Schauer über den Rücken laufen.

Aber von vorne: Vor 15 Jahren entschied sich Günter Henseler dazu, seine Vorfahren zu erforschen. Und weil diese aus dem Siegkreis stammen verbrachte er viel Zeit im Siegburger Stadtarchiv. Eine Zeit lang beobachtete Dr. Andrea Korte-Böger den eifrigen Familienforscher bei seiner Arbeit. Irgendwann kamen die Rechtshistorikerin und der Kiersper dann ins Gespräch. „Sie war neugierig, was ich ständig im Archiv mache“, erzählt Henseler. Er erzählte ihr, dass er in alten Protokollen des Schöffengerichts nach seinen Vorfahren suche. „Naja, irgendwann meinte Frau Korte, dass ich, wenn ich schon dabei bin, doch gleich alle Bücher lesen und übersetzten kann.“ Und er probierte es aus.

Aus einem Scherz wird seine größte Leidenschaft

Was zunächst mit einem Scherz begann, entwickelte sich schnell zu einer großen Leidenschaft. Alle 31 Protokollbücher hat Henseler bereits eingelesen. Übrigens sehr zum Leid seiner Ehefrau. „Im Winter muss sie besonders viel auf mich verzichten“, sagt der 79-Jährige, während er in seinem alten Ledersessel im Arbeitszimmer seines Hauses in Kierspe sitzt. Auf dem Schreibtisch liegen unzählige Bücher. Einige davon sind mehrere hundert Jahre alt. Geschrieben in der deutschen Kurrentschrift. Lesen können sie nur die wenigsten. „Ich hatte da Anfangs auch keine Ahnung von, denn ich komme aus der Wirtschaft“, erzählt Henseler. Nach und nach habe er sich aber eingelesen und später einen Paläographie-Kurs absolviert.

Im Sommer schraube er die Übersetzung etwas zurück, um Zeit mit seinen zehn Enkeln zu verbringen. Es gebe aber keinen Tag, an dem er nicht arbeite – in der Regel seien es acht bis zehn Stunden.

Protokolle schlummerten halbes Jahrtausend

Die Protokolle des Siegburger Schöffengerichts – ein halbes Jahrtausend haben sie im Archiv geschlummert. 250 Jahre Rechtsgeschichte sind in 31 Büchern lückenlos dokumentiert Niemand traute sich bislang an ihre Übersetzung heran. „Ich denke, das liegt daran, dass es Computer noch nicht so lange gibt. Das alles mit der Hand zu schreiben, ist nahezu unmöglich,“ meint der 79-Jährige. Die moderne Technik erleichtert ihm zwar die Arbeit, einfach ist sie deshalb aber noch lange nicht. Und wie übersetzt er die alten Schriften so, dass es für den Normalverbraucher „genießbar“ ist? „Ich halte mich an die Richtlinien der Archivschulen und ediere die Texte“, erklärt der Kiersper. Das bedeutet, er ändert lediglich die Groß- und Kleinschreibung, sinngemäß ist die Übersetzung sehr genau. Dr. Andrea Korte-Böger erstellt dann daraufhin ein Regest, also eine inhaltliche Zusammenfassung des Protokolls. Alles zusammen erscheint dann zeitlich sortiert in einem Buch.

Gestern erschien bereits der fünfte Band mit den Zeitzeugnissen. Im städtischen Museum präsentierten Henseler und Korte-Böger das neue Exemplar, von dem es übrigens rund 200 gibt, zusammen mit dem Bürgermeister und dem Verleger. Und am 3. Mai wird der 79-Jährige für seine Arbeit mit dem Rheinlandtaler des Landschaftsverbands Rheinland (LVR) ausgezeichnet. „Das ist eine große Ehre und ich freue mich schon auf diesen Tag“, sagt er. Im feierlichen Rahmen wird Henseler die Auszeichnung in den Räumen der Siegburger Kreisverwaltung verliehen.

Aber was ist das eigentlich für ein Gefühl, so tief in die Geschichte einzudringen? Ist es beklemmend, macht’s Spaß? „Es ist eine Mischung aus allem“, meint der Kiersper. Nur eines steht fest: Es gebe kein besseres Geschichtsbuch. In den Standardwerken werde immer nur über wichtige, einflussreiche Persönlichkeiten berichtet. In den Mitschriften des Siegburger Schöffengerichts sei Leben pur – das Leben der Bevölkerung, eben das Leben „des kleinen Mannes“. Und gibt es etwas, das den 79-Jährigen so richtig berührt hat? „Ohja, eine Geschichte hat mich einfach nur erschüttert“, erzählt er und wird ernst. Eine Mutter habe nachts in Abwesenheit ihres Mannes so viel getrunken, dass ihr Baby am Erbrochenen erstickt sei, ohne dass sie es gemerkt hat. Aber das ist nur eine Geschichte, auf die Henseler stieß. Er könnte vermutlich hunderte erzählen. ▪ Lisa-Marie Weber

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare