Gegen Schulmilch

„Für mich lieber Kakao“: Grundschüler in Kierspe wollen keine Milch

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Drei von vier Grundschulen in Kierspe bieten Schulmilch an. Die EU will mit ihrem Schulprogramm eine gesunde Ernährung fördern. Aber auch nach der Abschaffung von gezuckerter Erdbeer- und Vanillemilch entscheiden sich die meisten Schüler für Kakao.

Kierspe - Schulmilch hat eine lange Tradition. Bereits nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Milch Bestandteil der sogenannten Schulspeisung, die in der Nachkriegszeit die Lebensqualität der zum Großteil unterernährten Kinder verbessern sollte.

Mittlerweile ist die Schulmilch, zumindest teilweise, auf dem Rückzug, zumal auch die mit Zucker versetzten Getränke wie Kakao, Erdbeer- und Vanillemilch nicht als gesund gelten. Seit 1978 wird sie von der Europäischen Union gefördert.

Denn einerseits gehöre sie zu einer ausgewogenen Ernährung dazu, andererseits sollen Kinder, die ohne Frühstück zur Schule kommen, unterstützt werden. Aber dabei war eigentlich nicht die Rede von Milchmischgetränken. Die Kritik daran wird immer größer. Einige Bundesländer wollen die gezuckerte Milch komplett abschaffen.

Kinder für Milch nicht zu begeistern

Wie sieht das an den Grundschulen in Kierspe aus? Wofür entscheiden sich die Kinder? Denn seit diesem Schuljahr werden die Sorten Erdbeer- und Vanillemilch von Nordrhein-Westfalen nicht mehr gefördert – zu viel Zucker war der Grund. Es gibt nur noch Milch und Kakao.

„Kakao ist für die Kinder wichtig, die für Milch pur nicht zu begeistern sind“, erklärte das Verbraucherministerium – auch wenn der, streng genommen, ebenfalls zu den gezuckerten Milchmischgetränken gehört. Die EU weist in ihrer Verordnung für das aktuelle Schuljahr allerdings stärker als bisher darauf hin, aus gesundheitlichen Gründen den Kindern eher reine Trinkmilch anzubieten als Kakao.

Auf der Internetpräsentation von Landliebe, dem größten Schulmilch-Lieferanten, steht zur Subventionierung der EU: „So kann die Milch auch weiterhin ein wichtiger Bestandteil einer ausgewogenen Ernährung von klein auf sein.“ Aber gehört Schokomilch zu einer ausgewogenen Ernährung, wie es die Unternehmen behaupten? In Schokomilch ist immerhin fast doppelt so viel Zucker enthalten wie in einer normalen Milch.

Aus einer Statistik, die im Auftrag von Landliebe durchgeführt wurde, geht jedoch hervor, dass Kinder, die in der Schule Schokomilch trinken, eine höhere Leistungsfähigkeit aufweisen – allerdings nur im Vergleich zu Kindern, die nichts frühstücken. Wenn Schüler die Wahl zwischen Kakao und Milch haben, ist für die meisten Kinder klar: „Für mich lieber Kakao“.

Bei Landliebe läuft gegen diese meist getroffene Entscheidung momentan eine Kampagne mit dem Werbespruch „Für mich lieber Milch“, um mehr Schüler für pure Milch zu begeistern. Doch bei den Grundschülern in Kierspe kommt Milch nicht gut an: An der Servatiusschule gibt es schon seit Jahren mangels Nachfrage keine Schulmilch mehr.

Wie Schulleiterin Stefanie Fischer weiter erklärt, gibt es auch an der Bismarckschule seit langer Zeit keine Erdbeer- und Vanillemilch. Dafür aber 92 Mädchen und Jungen, die morgens Kakao trinken sowie weitere 17 Schüler, die für das Pausenfrühstück eine Flasche Milch erhalten. Das sind insgesamt immerhin 45 Prozent der aktuell 243 Grundschüler.

Während nicht der hohe Zuckergehalt, sondern die geringen Bestellungen der Kinder an der Bismarckschule dazu führten, dass es die Milchmischgetränke mit Vanille- und Erdbeergeschmack nicht mehr gibt, werden sie an der Pestalozzi- und der Schanhollenschule noch nachgefragt, allerdings in kleinen Stückzahlen.

An der Pestalozzischule nehmen die Klassenlehrerinnen und -lehrer sieben Bestellungen für Vanillemilch und neun für Erdbeermilch entgegen. Vier Kinder trinken dort die pure Milch, aber 27 Kakao. Von den 149 Kindern der Schanhollenschule bestellen je drei Milch und Erdbeermilch, elf Vanillemilch und 24 Kakao.

Pestalozzischule: Bestellungen rückläufig

„Wir haben unabhängig von der Förderung zu Beginn dieses Schuljahres über das Thema gesprochen“, sagt Schulleiter Thomas Block, dass man die Zahlen der Schulmilchbestellungen beobachten und vor den Sommerferien des kommenden Jahres wieder darüber sprechen werde, ob es künftig weiterhin Schulmilch geben werde.

Denn schon jetzt stehe der Aufwand – Bestellungen entgegennehmen, Geld einsammeln et cetera – in kaum einem Verhältnis zu den zwei bis drei Flaschen, die pro Klasse bestellt würden. Als eine Alternative sieht der Schulleiter die Trinkstationen in den Klassen. „Den Kindern steht immer ein Kasten Mineralwasser zur Verfügung“, weist Block darauf hin, dass niemand durstig bleiben muss.

Natürlich sprechen die Inhaltsstoffe in der Milch für sich: Kalzium, Eisen und Magnesium sowie die Vitamine A, D, E und K, um nur einige aufzuzählen. Vor allem Kalzium spielt beim Aufbau der Knochen und Zähne eine wichtige Rolle. Kinderarzt Friedemann Totzek sieht nicht nur den Kakao in der Schule als Ursache für den zu hohen Zuckerkonsum.

Gleichwohl sei es ein Trugschluss, Kakao – der als Alternative zur Milch angeboten wird – als gesund zu deklarieren. Wichtiger sei ein gutes Frühstück Zuhause und in der Pause, betont der Kinderarzt. Dabei sollten die Eltern ebenfalls darauf achten, dass ihre Kinder keine Getränke mit hohem Zuckergehalt mit in die Schule nehmen – auch dies passiert nicht selten, wissen die Schulleiter und ihre Lehrerkolleginnen.

EU-Schulprogramm

Das EU-Schulprogramm ist neu. Zuvor gab es ein Schulobst und -gemüseprogramm und das Schulmilchprogramm. Seit diesem Schuljahr sind die Programme zum EU-Schulprogramm zusammengeführt worden. So wurde auch die jährliche Finanzierung von 20 Millionen auf 250 Millionen Euro erhöht: 100 Millionen Euro werden für Milch, 150 Millionen für Obst und Gemüse bereitgestellt. Durch das Programm sollen wieder mehr Kindern diese Lebensmittel verzehren und ihre Vorliebe dafür sollte gefördert werden.

Milchpreise

In Schulen, in denen Schulmilch verkauft wird dürfen die Maximal-Preise nicht überschritten werden.

– 0,25 Liter Milch dürfen maximal 30 Cent kosten, Bio-Milch 35 Cent.

– 0,25 Liter Kakao kosten 40 Cent, Kakao aus Bio-Milch 47 Cent.

– 0,25 Liter Vanille- oder Erdbeermilch kosten 45 Cent.

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