Die Kiersper Feuerwehr lernt, mit Pöblern umzugehen

+
Bei dieser Übung mit den bunten Bällen ging es um die Perspektive, die sich natürlich verändert, wenn man sich weiter bewegt und einen anderen Standort einnimmt.

Kierspe - „Wir betreten Neuland“, machte Georg Würth, Leiter der Freiwilligen Feuerwehr Kierspe deutlich. In Zusammenarbeit mit der Stadt war es gelungen, den Chef des niederbayrischen Unternehmens Selbstschutz Lindh nach Kierspe zu holen, um für Mitglieder der Wehr, aber auch Verwaltungsmitarbeiterinnen aus dem Rathaus, einen Grundkurs im Bereich Deeskalation und Eigensicherung durchzuführen.

Der Feuerwehrchef kann sich nur an einen Fall erinnern, der schon mehr als zwei Jahre zurückliegt, wo der Besitzer eines brennenden Gebäudes unbedingt in dieses hinein wollte, um noch Sachen zu retten – was jedoch zu gefährlich war. Gleichwohl nimmt die Aggressivität und auch Gewaltbereitschaft von Menschen gegenüber Rettungskräften insgesamt immer mehr zu.

Dabei seien das Zeigen des Mittelfingers und mal ein derber Spruch des wartenden Autofahrers – so, wie es auch in Kierspe mal vorkommt – die eher harmloseren Sachen. Doch wenn sich ein Feuerwehrmann, der ja helfen will, wiederholt solchen Beleidigungen oder gar mehr ausgesetzt sieht, befürchtet Georg Würth, werde er möglicherweise die Lust verlieren, in der Wehr aktiv zu sein.

Christopher Lindh führte bei der Freiwilligen Feuerwehr ein Deeskalationstraining durch.

Um dem vorzubeugen, wurde das Seminar von Christopher Lindh gebucht. Mit dabei waren auch einige Verwaltungsmitarbeiterinnen, die ständig beziehungsweise häufig mit Publikumsverkehr – wie im Bürgerbüro – zu tun haben. Denn auch dort kommt es zu aggressivem Verhalten.

So trafen sich die 19 Frauen und Männer aus der Verwaltung und der Feuerwehr, um den „GS 1“, die Grundausbildung „Deeskalation und Eigensicherung“, zu absolvieren. Ob auch noch der Hauptkurs bei Selbstschutz Lindh gebucht wird, ist noch nicht geklärt. Kiersper werden voraussichtlich erst einmal nach Niederbayern fahren und sich das Ganze ansehen.

Während in solch einem Hauptkurs die verschiedenen Szenarien durchgespielt werden und es auch Videoanalysen gibt, ging es in dem Grundkurs um viel Theorie, die durch kleinere Übungen aufgelockert wurden. Perspektivwechsel, Distanzzonenherstellung, selbstbewusstes Auftreten, die eigenen Fähigkeiten selbst einschätzen, ein Bewusstsein dafür schaffen, wie Körpersprache und Ton der Stimme eingesetzt werden sollten, waren die Stichworte des Trainings, das Christopher Lindh im Gerätehaus Stadtmitte durchführte.

Dabei machte er insbesondere deutlich, dass ein Perspektivwechsel in den meisten Fällen sehr hilfreich sei. Denn je nach Standort hätten beide Recht, nannte Lindh ein Beispiel, der Feuerwehrmann, der die Straße wegen eines Einsatzes sperrt, und der Autofahrer, der eilig zu einem Termin muss. Mit einem „Das geht jetzt nicht anders“ würde man möglicherweise den Autofahrer noch aufgebrachter machen.

Christopher Lindh (rechts) spielte mit den Teilnehmern auch eine Reihe von Möglichkeiten der Eigensicherung durch.

Dagegen hätte es eine ganz andere Wirkung, wenn man ihm im freundlichem Ton erkläre, was gerade passiert und ihm den Tipp gebe einen anderen Weg zum Termin zu fahren, weil das schneller sei als auf die Aufhebung der Sperrung zu warten. Dabei helfe der Wechsel der Perspektive, des Standpunkts, machte Christopher Lindh den Kursteilnehmern deutlich und zeigte dies mit einer einfachen Übung: Auf dem Boden wurden verschieden farbige Bälle gelegt, um die sich alle im Kreis aufstellten. Für jeden einzelnen stellte sich das Bild anders dar – und veränderte sich deutlich, wenn man sich weiter (um die Bälle) bewegte.

Es müsse nicht zur verbalen Gewalt kommen, auch wenn der Ton immer aggressiver werde, fügte Georg Würth hinzu. Auch sollte man nicht immer nur auf die Bürger schimpfen, die aus ihrer Sicht natürlich auch recht hätten. Der Feuerwehrchef stellte aber auch klar, dass „wir uns nicht beleidigen lassen müssen“. Gerade in diesem Punkt sieht er seine Fürsorgepflicht für die Einsatzkräfte, die bei häufigen Beleidigungen und aggressiven Konfrontationen die Lust an der Arbeit verlieren könnten.

Schließlich handelt es sich um ehrenamtliche Kräfte. Und die wissen nun, wie sie deeskalierend auf aggressive Besucher im Bürgerbüro und auf Autofahrer oder Gaffer bei Straßensperrungen und anderen Einsatzszenarien reagieren beziehungsweise diesen begegnen können. Zweifellos werden sie auch mit den anderen Feuerwehrleuten darüber sprechen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare