Die Bahn hält in Rönsahl

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Helmut Bremecker ist begeistert von „seiner“ Eisenbahn.

Rönsahl - Er war einmal das Arbeitstier der Deutschen Bahn – der Schienenbus. Eisenbahnfreunde sprechen von den Baureihen VT 95 und VT 98. Bis in die 1990er-Jahre waren die roten Fahrzeuge noch unterwegs. In Rönsahl fährt der markante Zug noch immer, wenn auch nur als Modell auf einer großen Anlage in der Historischen Brennerei.

Der Journalist ist immer auf der Suche nach Pseudonymen, um sich nicht ständig zu wiederholen. Doch bereits in der Ausbildung wird er gewarnt, dass sich nicht jedes Pseudonym eignet. So sei eine Stiege etwas ganz anderes als eine Treppe und könne daher auch nur schlecht als Pseudonym für einen solchen Aufgang genutzt werden. Doch das, was in der Historischen Brennerei zu finden ist, kann mit ruhigem Gewissen als Stiege bezeichnet werden. Steil geht es hinauf auf den Dachboden der Historischen Brennerei an Rönsahls Hauptstraße.

Doch es sind nicht stehengelassene Säcke mit Korn oder gar ein paar Flaschen dessen, was sich aus dem Getreide brennen lässt, die immer wieder Helmut Bremecker, Horst Becker und (wenn es die Zeit erlaubt) auch Stefan Becker die Stiege hinaufsteigen lassen, sondern eine Modelleisenbahn – genauer gesagt, drei Modelleisenbahnen.

Es muss so in den frühen 1960er-Jahren gewesen sein, als Dr. Christoph Luyken gemeinsam mit seinem Vater in seinem Elternhaus in Gummersbach die Anlage aufbaute. Mit viel Liebe und noch mehr technischem Geschick haben die beiden eine Landschaft entworfen, für die es kein historisches Vorbild gibt, die dafür aber großstädtischen Verkehr, Industrieansiedlungen und Wohnidyll auf engstem Raum vereinigt. Engster Raum – weil so viel auf der Anlage zu sehen ist, ansonsten nimmt diese Modellbahn schon viel Raum auf dem Dachboden ein.

Gleich dahinter lassen die drei Eisenbahnfreunde derzeit eine weitere Landschaft entstehen. Doch losgegangen ist alles vor ein paar Jahren mit der Anlage des – sich mittlerweile im Ruhestand befindlichen – Allgemeinmediziners. Luyken hatte den drei Modellbahnfreunden und damit auch dem Brennereiverein die Anlage angeboten. Zahlen mussten sie nichts dafür, dafür aber selbst alles abbauen und abtransportieren. „Wir mussten alles in vier Teile zerschneiden, damit wir die Anlage durchs Treppenhaus tragen konnten“, erinnert sich Bremecker an den Umzug der Modelleisenbahn in Spurbreite H0.

Kaum waren die Einzelteile zusammengebaut, kam das nächste Angebot. Aus einer Erbmasse heraus bekam der Verein eine Materialspende. Insgesamt 27 Loks und rund 50 Waggons gab es für die Bahnfreunde. Dazu dann noch Gebäude, die ein Rönsahler kostenlos zur Verfügung stellte. Um all diese Schätze präsentieren zu können beziehungsweise fahren zu lassen, reichte die zur Verfügung stehende Fläche von Luyken nicht aus.

Horst Becker lässt das Gras „wachsen“.

Direkt hinter der ersten Anlage wurde auf einer riesigen Sperrholzplatte erweitert. Die Arbeiten an diesem Teil der Modelleisenbahn sind auch der Grund, warum die beiden Beckers und Bremecker auch eher die Hand am Pinsel haben als am Trafo. Gilt es doch, große Mengen Grases aufzutupfen, um der neuen Landschaft ein ansprechendes Aussehen zu geben. In einem Detail unterscheiden sich die beiden Modelllandschaften auf jeden Fall. Während auf der ersten Anlage auch Oberleitungen als Energielieferant zur Verfügung stehen, sind es im Bereich des „Neubaus“ nur Mittelkontakte.

Insgesamt können auf der neuen Anlage fünf Züge gleichzeitig fahren. Über eine Verbindung geht es dann in die „alte“ Landschaft. Nicht kompatibel ist eine weitere, deutlich kleinere Modelllandschaft, die Dieter Waldhelm aufgebaut und dem Verein zur Verfügung gestellt hat.

Doch wie kam es dazu, dass die drei Rönsahler heute so manche Stunde auf dem Dachboden des historischen Gebäudes verbringen? Horst Becker: „Wir waren schon immer von Modellbahnen begeistert.“ Und Bremecker ergänzt: „Als die Brennerei gekauft wurde, haben wir hier gestanden und gedacht, bei der Größe des Dachbodens können wir hier einen ICE fahren lassen.“ Obwohl dieser Zug mittlerweile auch schon fast 30 Jahre alt ist, so richtig gut würde er nicht in die Landschaften passen. Dann schon eher der Schienenbus, der gemütlich seine Runden dreht.

Der kleine rote Zug passt auch viel besser zur verwendeten Technik. Denn digital ist hier nichts. „Der Aufwand der Umrüstung wäre auch viel zu groß“, sagt Bremecker. Er ist es auch, der einen kleinen Schatz mit in die Brennerei gebracht hat. In einer aufwendig gestalteten Pappschachtel verbergen sich zwei Dampfloks und eine E-Lok. Die Fahrzeuge, die im Original von den Firmen Borsig, AEG und Schwarzkopff gebaut wurden, gehören zur Sonderedition „750 Jahre Berlin“. Gut 600 Mark mussten Bahnfreunde damals für die drei Loks auf den Tisch legen. Was sie heute kosten würden, wissen die drei nicht. Doch ein Risiko wollen sie nicht eingehen, deshalb stehen die drei Fahrzeuge auch nicht auf der Anlage, sondern bei einem der drei Bahnfreunde zuhause.

Das Besondere an den drei Berlin-Loks ist vor allem der Anstrich. Denn das typische Schwarz der Dampfloks oder die Farben der Deutschen Bahn sucht man vergebens. Stattdessen präsentieren sich die historischen Lokomotiven in Grau. Fotografieanstrich nennt der Fachmann diese Lackierung, in der die Prototypen der Originale vor die Linse zur Aufnahme rollten.

Jenseits solcher Besonderheiten verbindet die Anlage in Rönsahl etwas mit fast allen anderen Modelleisenbahnen: Sie wird wohl nie fertig. Becker: „Wir haben noch so viel Schienenmaterial, damit können wir noch deutlich erweitern.“

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