Gestorben wird auch bei Eis und Schnee

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Mehr als 6000 Gräber befinden sich auf den Friedhöfen in Meinerzhagen und Kierspe. Gepflegt werden die Anlagen von Jens Volkenrodt und seinem Kollegen. ▪

KIERSPE ▪ Hätte Jens Volkenrodt noch seinen alten Job, dann hätte er im Winter Ruhe. Denn als Greenkeeper auf dem Golfplatz in Varmert gab es bei Schnee und Eis nicht viel zu tun. Und auch wenn sein jetziger Arbeitsplatz eine ruhige Umgebung bietet, Arbeit gibt es auch im Winter mehr als genug. Denn seit mittlerweile gut elf Jahren ist der 41-Jährige Friedhofsgärtner in Kierspe. Gemeinsam mit seinem Kollegen Andreas Mühlhoff kümmert er sich um die beiden Kiersper Friedhöfe mit ihren mehr als 6000 Gräbern.

Neben Hecken schneiden, Blumenbeeten pflegen, Kompostkübel leeren, Wege instand halten, Rasenmähen und dem Schneeräumdienst auf dem Gelände des Friedhofs sind es vor allem die Vorbereitung von Beerdigungen, die in den Arbeitsbereich des Friedhofsgärtners fallen. Und da immer gestorben wird, müssen Grabstellen auch dann ausgehoben werden, wenn der Schnee einen halben Meter hoch auf dem Gelände liegt.

„Bei einem normalen Reihengrab ist das auch kein Problem. Doch bei den sogenannten anonymen Gräbern auf der grünen Wiese ist es nicht so einfach, die richtige Stelle zu finden“, so Volkenrodt. Mit Maßband und Augenmaß muss er sich dann auf die Suche machen. Doch vor dem Ausheben der Grube muss die Fläche erst einmal vom Schnee befreit werden. Dann wundert es den Friedhofsgärtner schon mal, wenn Kiersper ihr Unverständnis darüber äußern, dass auf dem Friedhof die Wege und die Flächen, die für Bestattungen vorgesehen sind, vom Schnee befreit werden. „Würden wir damit erst kurz vor der Beerdigung beginnen, dann kämen wir überhaupt nicht mehr durch.“ Und da der Tod keine Rücksicht auf das Wetter nimmt, fallen eben auch viele der rund 150 Bestattungen in Kierspe in die Winterzeit. Dann hat der 41-Jährige aber nicht nur mit dem Unverständnis der Volmestädter zu kämpfen, sondern auch mit dem Frost: „Jetzt unter dem Schnee war der Boden kaum gefroren. Wir haben aber auch schon Temperaturen gehabt, bei denen der Boden mehr als 20 Zentimeter tief gefroren war.“ Dann muss er mit dem Minibagger gar nicht mehr anrücken. Dann sind Presslufthammer und Muskelkraft gefragt, um die Erde zu lockern. Erst danach geht es mit Hilfe des Baggers mindestens 1,7 Meter tief in die Erde. Später wird das Grab noch verschalt und es werden Gitterroste am Rand verlegt, damit die Sargträger sicheren Stand haben. Natürlich muss der Friedhofsgärtner die Grube über Nacht abdecken, um nächtliche „Besucher“ vor einem Sturz in die Tiefe zu bewahren.

Am Tag der Beerdigung tauscht er dann Arbeitshose und -jacke gegen den schwarzen Anzug und geleitet den Trauerzug an die richtige Stelle. Danach gilt es, die Kleider wieder schnell zu wechseln, um in Arbeitskluft das Grab zu füllen, die Verschalung zu demontieren und die Kränze auf dem Erdhügel zu arrangieren. Es soll schön aussehen, wenn die Verwandten am gleichen Tag noch mal wiederkommen.

Später wird er den Erdhügel auch wieder entfernen und Mutterboden auftragen, damit das Grab bepflanzt werden kann.

Doch nicht nur bei den Beerdigungen bereitet der tiefe Schnee der vergangenen Wochen Schwierigkeiten, er hat auch den Arbeitsplan der beiden Gärtner durcheinander gebracht. Hätten die beiden doch normalerweise nach dem wochenlangen Harken und Aufnehmen des Laubes mit dem Grünschnitt begonnen, mussten sie in diesem Winter zusehen, wie diese „Arbeitsplätze“ unter der weißen Pracht verschwanden. Das muss im Frühjahr alles nachgeholt werden.

Doch trotz all der Arbeit, Volkenrodt ist mit seinem Beruf zufrieden: „Mir macht die Arbeit Spaß. Ich sehe, was ich getan habe und freue mich, wenn die gepflegte Anlage die Zustimmung der Besucher findet.“

Doch es gibt auch belastende Momente: „Immer wenn wir ein Grab für ein Kind ausheben müssen, dann ist es nicht so einfach. Doch es ist auch eine Aufgabe, den Trauernden zur Seite zu stehen.“ Das tut er auch dann, wenn er mit Verwandten von Verstorbenen auf der Anlage unterwegs ist, um eine Grabstelle auszusuchen.

Der Beruf bringt es wohl mit sich, dass sich Volkenrodt auch über das eigene Ableben Gedanken macht. Er weiß genau, wie er beerdigt werden möchte und auch wo – am liebsten jedenfalls auf dem Kiersper Friedhof und nicht auf dem seiner Heimatstadt Meinerzhagen. ▪ Johannes Becker

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