Gesamtschule: Alles ganz anders

Wechselunterricht ist eine große Herausforderung für Schüler und Lehrer

Mit farbigen Kartons werden die Schüler am Haupteingang willkommen geheißen.
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Mit farbigen Kartons werden die Schüler am Haupteingang willkommen geheißen.

Die Wege auf den Fluren in der Gesamtschule sind klar gekennzeichnet. Pfeile, Sperrflächen und Einbahnstraßen weisen den Weg – ob dies alles aber letztlich zu dem gewünschten Ziel führt, weiß kein Mensch. Seit Montag gehen die Schüler wieder in die Schule – tageweise und unter unschönen Rahmenbedingungen.

Kierspe - Gleich hinter der Tür des Haupteingangs werden die Schüler in dieser Woche auf besondere Art und Weise empfangen. Auf großen Kartons werden sie begrüßt. Verständlich, denn die Kinder und Jugendlichen mussten ihrer Schule drei Monate fernbleiben. So wollte die Landesregierung die Zahl der Kontakte beschränken und der Wechselunterricht, der zurzeit an den Schulen des Landes stattfindet, zeigt, dass dieses Ziel auch noch nicht ganz aufgegeben wurde.

Während sich die Kiersper Grundschulen dazu entschlossen hatten, die Schüler im wöchentlichen Wechsel in die Schule zu bestellen, hat sich die Gesamtschule für einen tageweisen Unterricht entschieden. Das heißt, dass die halbe Klasse, die in der einen Woche montags, mittwochs und freitags in die Schule geht, in der darauffolgenden Woche dienstags und donnerstags unterrichtet wird. Bei der anderen Hälfte der Klasse ist es umgekehrt. „Damit wollen wir verhindern, dass die Schülerinnen und Schüler den Kontakt zur Schule verlieren“, erklärt Schulleiter Johannes Heintges diese Entscheidung. Und im Gespräch wird deutlich, dass das auch so ziemlich die einzige Entscheidung war, die den Schulen überlassen wurde – alles andere regeln genaue Vorgaben des Bildungsministeriums.

So lassen diese Anordnungen aus Düsseldorf nicht viel übrig von dem, was die Gesamtschule ausmacht. Denn gerade die Vielfalt in Förderung und Fächerauswahl unterscheidet diese Schule von jenen, die im „klassischen“ dreigliedrigen Schulsystem eingeordnet werden können. Heintges: „Jetzt werden die Schüler nicht mehr in Kursen, sondern in Klassen unterrichtet. Da sitzen jetzt Schüler des E- und G-Kurses (die Einteilung nach dem Leistungsvermögen der Schüler, Anmerkung der Redaktion) nebeneinander, bearbeiten aber unterschiedliche Aufgaben. Ähnlich ist es in den Wahlpflichtfächern, auch dort sitzen die Schüler klassenweise zusammen, erarbeiten aber den Stoff aus ihren gewählten Fächern.“ Dem Schulleiter ist deutlich anzumerken, dass er von dieser Entscheidung wenig begeistert ist. Froh ist Heintges jedoch, dass ihm erlaubt wurde, zumindest im zehnten Jahrgang von dieser Vorgabe abzuweichen. Grund dafür ist, dass die Schüler dieses Jahrgangs in naher Zukunft ihre Abschlussprüfungen ablegen müssen.

Alle Sitzgelegenheiten außerhalb der Klassenräume wurden abgebaut. Die Schüler sollen sich in ihren Pausen oder Freistunden möglichst gar nicht im Gebäude aufhalten.

Die Schüler der Sekundarstufe I, die nicht am Präsenzunterricht teilnehmen, sollen nach dem Wunsch der Schulleitung nicht im Hybridunterricht beschult werden, da man im Spätherbst des vergangenen Jahres gemerkt habe, dass das nur sehr schlecht funktioniere. „Wenn Lehrer aber der Meinung sind, dass sie mit dem Hybridunterricht besser zum Ziel kommen, steht es ihnen frei, diesen zu nutzen“, sagt Heintges. Grundsätzlich wäre es jedoch so, dass den Schülern, die Zuhause sind, über ein Kommunikationsprogramm Aufgaben übermittelt werden, die dann in einer Präsenzstufe besprochen würden.
Das, was in der Sekundarstufe vermieden werden soll, ist in der Oberstufe Standard. Dort werden die Schüler im Hybridunterricht beschult – die eine Hälfte bekommt die Inhalte in der Schule, die andere Hälfte nimmt an diesem Unterricht am Tablet teil. „Aus der Oberstufe ist die Rückmeldung ganz klar, dass die Schüler lieber im Distanzunterricht geblieben wären“, so Heintges. Vor zwei Wochen sah das im zwölften und dreizehnten Jahrgang noch ganz anders aus. Da kamen die Jahrgänge in voller Stärke zurück, wurden aber dann – je nach Kursgröße – in zwei Räume aufgeteilt. Heintges: „Das ist aber jetzt nicht mehr möglich, weil wir die Räume jetzt brauchen. Heinges fügt an: „Die Schüler des jetzigen dreizehnten Jahrgangs haben erhebliche Nachteile. Nicht nur im Bezug auf den Unterricht, sondern auch bei der Gestaltung ihres Weggangs. Es gibt keine Mottowoche und keinen Abisturm. Da sind die Vorgaben des Ministeriums glasklar.“

„Doch auch für alle anderen Schüler hat sich vieles verändert. So sind alle Sitzgelegenheit außerhalb der Klassen abgebaut worden. In den Pausen dürfen sich die Kinder und Jugendlichen nur noch draußen aufhalten. Dort müssen sie auch essen und trinken. Die Mensa ist geschlossen und der Busverkehr läuft auch nicht so, wie es sein sollte“, erzählt der Schulleiter. Da auch der Ganztag gestrichen sei, habe man die Schulstunden von 60 auf 45 Minuten verkürzt und für die Sekundarstufe I die siebte Stunde gestrichen. Da aber der Fahrplan an die neuen Zeiten nicht angepasst sei, kämen Schüler zu spät zum Unterricht oder müssten diesen früher verlassen, um mit „ihrem“ Bus fahren zu können.

Heintges: „Das nehmen wir aber in Kauf, weil wir nicht möchten, dass die Schüler Freizeit auf dem Schulgelände oder im Gebäude verbringen.“ Er schildert aber auch die positiven Auswirkungen des Präsenzunterrichts auf die Schüler, vor allem auf die jüngeren unter ihnen: „In den ersten Tagen waren vor allem die Schülerinnen und Schüler des fünften und sechsten Jahrgangs ganz still, wenn sie in die Klassenräume kamen. Doch nach ein paar Minuten konnte man sehen, wie sie aufblühten und sich wohl fühlten. Da wird deutlich, wie sehr den Kindern der Kontakt untereinander, aber auch zur Schule gefehlt hat.“

Der Schulleiter macht auch keinen Hehl daraus, dass die Situation nicht nur für die Schüler sehr belastend ist, sondern auch für die Lehrer. „Wir werden immer mehr zum Polizisten, müssen Schüler ständig ermahnen, die Masken richtig zu tragen, und müssen immer wieder einschreiten, wenn die Schüler zu dicht zusammenstehen. Ich habe den Eindruck, dass die Gesundheit und der psychische Zustand der Lehrer für die Entscheidungsträger keine Rolle spielt.“ Dazu gehöre auch, dass die Lehrer der weiterführenden Schulen im Gegensatz zu ihren Kollegen an den Grund- und Förderschulen nicht geimpft seien.

Quarantäne und Vorerkrankungen

Mitte dieser Woche waren sieben Lehrer im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie krank gemeldet, in Quarantäne oder aufgrund einer Schwangerschaft nicht in der Schule. Eine einzige Lehrerin wird aufgrund ihrer Vorerkrankungen nicht im Präsenzunterricht eingesetzt. „Alle anderen Lehrer, die Vorerkrankungen haben, sind anwesend“, sagt Schulleiter Johannes Heintges. Bei den Schülern fehlten Mitte der Woche in der Sekundarstufe I insgesamt 34 Schüler und in der Oberstufe 30. Gründe dafür waren die Quarantäne durch das Gesundheitsamt oder Vorsichtsmaßnahmen der Schule, weil diese Kinder und Jugendlichen engen Kontakt zu einem Covid-19-Erkrankten hattten.

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