Hilfe bei Teilhabe am gesellschaftlichen Leben

KIERSPE ▪ Die gestiegenen Antragszahlen beweisen es: Kinder und Jugendliche aus Familien mit geringem Einkommen sind auf Unterstützung bei der Förderung von Bildung und Teilhabe angewiesen. So hatte es vor ein paar Jahren auch das Bundesverfassungsgericht gefordert, als es ein Existenzminimum ebenfalls für Kinder und Jugendliche in diesem Bereich angemahnt hatte.

Durch das Bildungs- und Teilhabegesetz sind junge Menschen aus solchen Familien nicht mehr von Kultur, Sport und Freizeit, Mittagessen, Ausflügen und Klassenfahrten, Schülerfahrkosten und Lernförderung ausgeschlossen, wenn das Geld nicht reicht, sondern sie erhalten finanzielle Unterstützung.

Vor Ort kümmern sich um die Beratung der Familien Sibylle Wiehle und Tatjana Bekker. Wie wichtig die Betreuung und Begleitung der Betroffenen ist, dokumentierte sich in der Vergangenheit auch darin, dass die Inanspruchnahme erst weit hinter den Erwartungen zurückblieb. Nicht zuletzt auch, weil viele Menschen sich scheuen, einen Antrag zu stellen und damit zu offenbaren, dass sie bedürftig sind.

Das sollte geändert werden. Dieser Aufgabe stellen sich die zwei Frauen seit Mai dieses Jahres. Die Sozialarbeiterin Sibylle Wiehle kennen die Bürger schon von ihrer Tätigkeit als Streetworkerin her. Sie ist wie die Diplomsozialpädagogin Tatjana Bekker beim Diakonischen Werk des evangelischen Kirchenkreises Lüdenscheid-Plettenberg beschäftigt. Ihre Tätigkeit nehmen die zwei im Rahmen eines Projektes im Auftrag der Kommune wahr.

Anspruchberechtigt ist ein Personenkreis, der entweder Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch (SGB) II wie besonders Arbeitslosengeld und Sozialgeld erhält, Sozialhilfe nach dem SGB XII, Wohngeld oder Kinderzuschlag. Dabei soll den Menschen der Weg möglichst leicht gemacht werden, so dass sie schnell und unbürokratisch Hilfe erhalten. Daher gibt es nur einen Antrag, der aus einem Blatt besteht. Trotzdem tun viele Menschen sich schwer damit, diesen auszufüllen. Aber auch dabei helfen die beiden Frauen.

Im Rahmen des Bildungs- und Teilhabepaketes gibt finanzielle Unterstützung bei Klassenfahrten und Ausflügen. Ein Schulbedarfspaket, in dessen Rahmen immer zum 1. August 70 Euro und zum 1. Februar 30 Euro gewährt werden, dient zur Anschaffung von Schulranzen sowie Schreib-, Rechen- und Zeichenmaterialien. Auch für die Schülerbeförderungskosten, also den Schulbus, erhalten Anspruchsberechtigte einen Zuschuss und zur Mittagsverpflegung. Für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren gibt es zudem ein Budget von zehn Euro monatlich für Mitgliedsbeiträge und Unterrichtsentgelt von Vereins-, Kultur- oder Ferienangeboten, so dass sie bei Musikunterricht, Sport, Spiel und Geselligkeit mitmachen können. Ein weiterer Bereich ist die Lernförderung. Sie ist dafür gedacht, wenn Kinder, wie das manchmal der Fall ist, Unterstützung benötigen, um die Lernziele in der Schule zu erreichen.

Aktuell freuen sich die Frauen, dass es im Juli einen Erlass des Landes Nordrhein-Westfalen zur Umsetzung des Paketes gab, mit dem ein großes Problem gelöst wurde: „Denn schwierig gestaltete sich immer die Beantragung von Leistungen, die Anspruchsberechtigte für Nachhilfe erhalten, weil eine Voraussetzung war, dass die Versetzung des Schülers gefährdet sein musste“, erläutert Bekker. Wiehle ergänzt, dass das bei der Gesamtschule, wo es kein Sitzenbleiben gibt, oder auch in Grundschulen natürlich nicht vorkommt.

Der Erlass regelt ausdrücklich, dass auch Schüler, die formal nicht versetzungsgefährdet sind, Zugang zu Lernförderung erhalten. Damit fallen die Einschränkungen für Gesamtschulen, Förderschulen oder die Schuleingangsphase weg. Eine Entscheidung solle immer einzelfallabhängig getroffen werden.

Der Erlass geht sogar noch weiter: Zudem wird nun ausdrücklich die Erreichung eines höheren Lernniveaus gefördert, das der Verbesserung der Chancen auf dem Ausbildungsmarkt, der weiteren Entwicklung im Beruf und damit der Fähigkeit dient, später den Lebensunterhalt aus eigenen Kräften bestreiten zu können.

Außerdem sollen die bisher enthaltenen Beschränkungen wie Herstellung der Sprachfähigkeit, Lese- und Rechtschreibschwäche sowie Dyskalkulie, Erreichen einer besseren Schulformempfehlung sowie Schuleingangsphase, Förderschulen und Gesamtschulen nicht mehr von vornherein zu einem Ausschlussgrund führen.

Wie Bekker und Wiehle berichten, ist damit das Hauptproblem bei der Umsetzung des Bildungs- und Teilhabepaketes beseitigt. Die anderen Bereiche wie Unterstützung bei Klassenfahrten und Mittagessen, Anschaffung von Schulbedarf und Vereinsaktivitäten liefen auch bislang schon dagegen gut.

Zurzeit werden von Wiehle und Bekker rund 25 bis 30 Klienten betreut. Für Interessierte werden auch die neuen Faltinfoblätter in deutscher, türkischer und russischer Sprache bereitgehalten. Es gibt eine offene Sprechstunde, die immer mittwochs von 14 bis 16 Uhr zusammen mit der Kleiderkammer und dem Café Kaffeeklatsch des Vereins Hand in Hand im ehemaligen Gemeindehaus Felderhof stattfindet. Erreichbar sind die zwei in ihrem Büro ansonsten telefonisch unter der Rufnummer (02359) 295032. Über die Sprechstunden hinaus sind auch Terminvereinbarungen möglich.

Rolf Haase

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