Das Leben besteht nur aus Sorge um die eigene Familie

+
Sein Leben besteht nur aus der Sehnsucht nach seiner Familie. Doch erst nach einer Anerkennung als Flüchtling hat er eine Chance auf den Zuzug seiner Familie.

Kierspe - Die Verzweiflung ist dem jungen Mann in den Augen abzulesen. Das Leben von Marwan M. ist bestimmt von dem täglichen Gang zum Briefkasten seiner Unterkunft am Korteberg.

Denn er wartet auf einen Interviewtermin des Bundesamtes für Migration und Flucht, denn nur daraus kann sich eine Anerkennung ergeben und damit die Chance, endlich seine Frau und seine beiden Kinder nachholen zu können. Doch das Amt rührt sich nicht, obwohl M. nicht nur aus einem Kriegsgebiet kommt, sondern als kurdischer Jeside in der arabischen Welt keinen sicheren Ort finden kann – und der IS ihn sofort töten würde, bekäme er den 29-Jährigen in die Hände.

Die Bundesrepublik Deutschland klassifiziert Flüchtlinge, unterscheidet zwischen politisch Verfolgten und sogenannten Wirtschaftsflüchtlingen. Und auch die, deren Fluchtgründe als ausreichend betrachtet werden, werden noch einmal in Klassen eingeteilt. Die meisten Bürgerkriegsflüchtlinge aus dem Irak oder Syrien bekommen nur einen subsidiären Schutz – befristet auf ein Jahr. Doch nicht einmal diese niedrige Stufe hat Marwan M. Dabei gehört er gleich zu zwei verfolgten Gruppen und kann nicht einmal in der Türkei mit Hilfe rechnen, denn dort sind Kurden derzeit nicht gerne gesehen – von Jesiden ganz zu schweigen.

Ursprünglich war es die Religionsgemeinschaft der Jesiden, aus denen sich das kurdische Volk entwickelte. Doch mit den Jahrhunderten nahmen die meisten Kurden den muslimischen Glauben an, der Mehrheitsreligion in ihren Heimatstaaten war. Nur eine Minderheit blieb Jesiden und damit Anhänger einer der ältesten Religionen der Welt.

Jesidische Frauen und Mädchen als IS-Sexsklaven

Nach Auswanderungswellen in den 1980er-Jahren war es still geworden um diese Menschen, die in nahezu allen Siedlungsgebieten Repressalien zu erdulden hatten und haben. Doch 2014 wurde ihre Existenz auf grausame Weise der westlichen Welt ins Gedächtnis gerufen. Die vorrückende Terrororganisation IS ging gnadenlos gegen die Jesiden vor, tötete Tausende Männer, Frauen und Kinder. Und die Frauen und Mädchen, die nicht ermordet wurden, fristen beim IS ein Leben als Sexsklaven.

M. war einer derjenigen, denen im August 2014 die Flucht ins Sindschar-Gebirge gelang. Mit seiner Frau und der damals einjährigen Tochter harrte er in dem Gebirge aus – ohne ausreichende Lebensmittel und kaum geschützt durch schlechtbewaffnete kurdische Kämpfer. Immer wieder schlich sich der heute 29-Jährige nachts in ein kurdisches Dorf, um dort etwas zu essen zu besorgen. Später kamen die wenigen Überlebenden in ein Zeltlager in der Nähe von Mossul. Dort wurde auch der Sohn von Marwan M. geboren. Zu viert lebte die Familie in dem Lager – in der drückenden Hitze des Sommers und der schneidenden Kälte des Winters. Da sich die Familie die Flucht mit den beiden Kleinkindern nicht zutraute, machte sich M. allein auf den Weg – und erreichte nach einer „Reise“, die in Bussen, Zügen und großen Abschnitten zu Fuß zurückgelegt wurde, im Oktober 2015 Deutschland, seit November 2015 lebt er in Kierspe.

Seit April 2015 nichts vom BAMF gehört

Aber die Hoffnung, in Deutschland als Mitglied einer verfolgten Minderheit Anerkennung zu finden, erfüllte sich bislang nicht. Er konnte zwar im April des vergangenen Jahres einen Asylantrag stellen, doch seit dem hat er von der Bundesbehörde nichts mehr gehört.

Als vor rund zwei Wochen die Vorbereitungen zum Sturm der vom IS besetzten Stadt Mossul begannen, bekam der junge Mann regelrechte Panikattacken, da seine Frau immer noch in dem Lager nur unweit dieser Stadt lebte. Um nicht flüchtenden IS-Kämpfern in die Hände zu fallen, machte sie sich mit den beiden kleinen Kindern erneut auf. Tagelang hatte der 29-Jährige keinen Kontakt zu seinen Lieben. Mittlerweile weiß er, dass seine Frau mit den Kindern die Türkei erreicht hat. Dort lebt sie von dem Geld von Verwandten, die in der Türkei eine neue Heimat gefunden haben.

Marwan M. wird vom Vereins "Menschen helfen" unterstützt

Unterstützt wird M. in Kierspe vom Verein „Menschen helfen“. Die Mitglieder haben sich mehrfach an die Stadtverwaltung gewendet, um das Verfahren zu beschleunigen und auch die Bundestagsabgeordnete Petra Crone informiert. „Die Stadtverwaltung hat uns mitgeteilt, dass sie nach mehrfachen Kontaktversuchen vom BAMF mitgeteilt bekommen habe, dass man eine Bearbeitung der Altfälle bis zum Frühjahr des kommenden Jahres anstrebe, das gelte auch für den Fall von M.“, erklärt Karin Schmid-Essing vom Verein „Menschen helfen“. Allerdings befürchtet Schmid-Essing, dass der Flüchtling ebenfalls nur den subsidiären Schutz bekommt und dann frühestens nach zwei Jahren einen Antrag auf Familiennachzug stellen kann: „Ich weiß nicht, wie er das psychisch aushalten soll.“

Schmid-Essing weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass das Europäische Parlament in diesem Jahr den Sacharow-Preis an zwei jesidische Frauen überreichen wird, um auf die Situation dieser Menschen hinzuweisen. Das kanadische Parlament spreche gar von einem Völkermord und plane eine Luftbrücke, um Jesiden ins eigene Land zu holen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare