Der Fuchs als Eierbringer

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Zwölf Gemeindemitgliedern wusch Pastor Gregor Myrda in Erinnerung an Jesus die Füße. ▪

KIERSPE ▪ Das am häufigsten gemalte christliche Motiv ist vermutlich die Krippe mit dem Kind, die bestbesuchtesten Gottesdienste sind die am Heiligen Abend. Trotzdem: Das wichtigste Fest der Christenheit ist Ostern.

Mit dem Palmsonntag beginnt bei den Christen die Karwoche, auch Trauerwoche genannt. Mit dem Gründonnerstag wird in den Kirchen des letzten Abendmahles gedacht, welches Jesus mit seinen Jüngern hielt. Die Feier des Abendmahles gehört zu den ältesten gottesdienstlichen Traditionen im Christentum. Ebenso erinnern sich die Christen auch an die Geschichte, wie Jesus seinen Jüngern die Füße wusch und so seine Dienstbarkeit deutlich machte. Schon 694 sind aus Spanien liturgische Fußwaschungen überliefert, seit dem 12. Jahrhundert ist der Brauch in der Gründonnerstagsmesse in Rom bekannt.

In der katholischen Kirche ist der Karfreitag ein strenger Fasten- und Abstinenztag. In der evangelischen Kirche gehört er zu den höchsten Feiertagen. Um 15 Uhr, zur Todesstunde Jesu, werden in vielen Gemeinden Gottesdienste gefeiert und seines Leidens und Sterbens gedacht. Mit der Osternacht feiern die Christen dann die Auferstehung Jesu von den Toten. In ihr wird auch die Osterkerze geweiht. Die Osterkerze steht in Verbindung sowohl mit dem Heidentum – sie symbolisierte dort das Brandopfer – als auch mit dem Judentum. Sie ist die Feuersäule des Neuen Bundes. Wie das Volk Israel damals durch die Wüste und durch das Rote Meer hindurchzog, indem es der Feuersäule folgte, so ziehen heute die Christen in der Osternacht in die Kirche ein und folgen der brennenden Flamme der Kerze, Zeichen für den auferstandenen Christus.

Auch in der Kiersper Kirchen bereiteten sich die Christen auf das kommende Osterfest mit besonderen Gottesdiensten und Andachten vor. Im Gründonnerstagsgottesdienst wusch in der katholischen Gemeinde St. Josef Pastor Gregor Myrda zwölf Frauen und Männern der Gemeinde die Füße. Mit dieser Geste wollte er ausdrücken, dass das kirchliche Amt den Charakter des Dienens und nicht des Herrschens hat. Auch verstummten ab dem Gloria die Orgel, alle Glocken und Altarschellen. Zum Ende des Gottesdienstes wurde der Altar von Decken und Schmuck abgeräumt, zum Zeichen der Trauer und zur Erinnerung an die Überlieferung, dass Jesus die Kleider vom Leib gerissen wurden.

Für Karfreitag hatte die evangelische Gemeinde zu einer Stunde zur Besinnung in die Margarethenkirche eingeladen. Der CVJM-Posaunenchor und der gemischte Chor der landeskirchlichen Gemeinschaft gestalteten die Andacht unter der Leitung von Jürgen Lebershausen. Lesungen und Auszüge aus dem Lukasevangelium erinnerten an die Leidensgeschichte Jesu. Ulrich Czastrau sprach die Gebete und Lesungen wechselweise mit der Gemeinde. Die Leidensgeschichte war auch Inhalt der vom gemischten Chor der landeskirchlichen Gemeinschaft gesungenen Lieder, die alle von Johann Sebastian Bach geschrieben worden sind.

Gut besucht war am Karsamstag die Einladung zur Speisesegnung in die Kirche St. Josef. Dieser Brauch wird in Polen gepflegt. In festlich geschmückten Körben werden die Osterspeisen zur Segnung gebracht. Sie enthalten meistens Schinken, Würste, Eier, die im Kreis der Familie am Ostersonntag verspeist werden.

Die Zeit des Fastens und der vorösterlichen Bußzeit endete mit der Feier der Osternacht am Ostersonntagmorgen. Im Atrium vor der Josefskirche war das Osterfeuer entzündet und Pastor Gregor Myrda weihte die Osterkerze als Sinnbild für den Auferstandenen. Sodann zog die Gemeinde in die dunkle Kirche und bekam dort das Osterlicht weiter gereicht. Nach und nach wurde die tiefdunkle Kirche durch das warme Licht der Kerzen erleuchtet. Mit dem Gloria erklangen alle Glocken der Kirche und auch die Altarkerzen wurden entzündet.

Noch heute wird manchmal behauptet, dass der Ursprung des Osterfestes ein altgermanisches Frühlingsfest ist, so nachzulesen bei Hubert Kersting, Westfälische Sitten und Bräuche im Jahreslauf auf der Webseite des Landschaftsverbandes Westfalen Lippe. Diese Behauptung ist falsch, es hat nie einen germanischen Vorläufer des Osterfestes gegeben. Den Termin des Osterfestes legte das Konzil von Nicäa im Jahr 325 auf den ersten Sonntag nach Frühlingsvollmond fest. Deshalb schwankt der Ostertermin zwischen dem 22. März und dem 25. April. Diesen Termin übernahmen auch die Länder nördlich der Alpen, als sie im 5. und 6. Jahrhundert christianisiert wurden. Es gibt keine Anhaltspunkte dafür, dass das christliche Osterfest ein heidnisches Frühlingsfest ablöste. Der Benediktinermönch Beda Venerabilis erfand im 8. Jahrhundert die Frühlingsgöttin Eostra oder Ostara als Namensgeberin für das Osterfest. Er hoffte, dass die englische Bevölkerung dadurch den christlichen Glauben leichter übernehmen würde. Das Wort Ostern leitet sich jedoch nicht von dem Namen irgendeiner heidnischen Frühlingsgöttin ab, sondern von dem althochdeutschen „ostarun“. Dieses Wort bezeichnet das liturgische Geschehen am Morgen des Auferstehungstages. Ostern heißt also genau genommen „Auferstehungsliturgie am Morgen“.

Der Brauch ein Ei zu verschenken stammt aus dem kirchlichen und obrigkeitlichen Bereich. Zunächst waren es österliche Zinseier, die ab dem 9. Jahrhundert als Abgaben- und Spendenpflichten an ein Kloster, eine Kirche oder ein Spital abgeführt werden mussten. Im Laufe der Zeit wurden aus den Zinseiern Schenkeier, die Kirchendienern und Spitalpersonal zu Ostern geschenkt wurden. Im 19. Jahrhundert wurden die Ostereier nur im südlichen Westfalen gefärbt. Kinder erhielten meist drei bis sechs Eier als Geschenk von ihren Paten. Im Wittgensteinischen wurden die Eier sogar mit Sprüchen versehen. Kostbar bemalte Eier galten als Liebesbeweis. Die jungen Mädchen verschenkten sie an einen von ihnen ausgewählten Jungen. Bevor sich Industriefarben durchsetzten, wurden die Eier mit Naturstoffen wie Rote Beete, Zwiebelschalen, Spinat oder Moos gefärbt. Teilweise wurden die Eier in der Kirche geweiht. Diesen Eiern schrieb man einen übernatürlichen Nutzen zu. Ihre Schalen wurden gemeinsam mit der Asche des Osterfeuers auf die Äcker gestreut, um sie ertragreicher zu machen. Der Osterhase taucht als Eierbringer erst im 17. und 18. Jahrhundert auf. In Westfalen galten der Fuchs oder der Kranich noch bis in die 1930er Jahre hinein als Eierbringer. In der Schweiz war es der Kuckuck, in Thüringen, Bayern und Österreich der Hahn. Der Osterhase ist vermutlich eine evangelische Erfindung, mit der die Protestanten den katholischen Osterbräuchen etwas entgegen zu setzen versuchten. Im Laufe des 19. Jahrhunderts verbreitete sich der Osterhase als Osterbote von den Städten auf das Land. In Westfalen begann er sich ab 1900 durchzusetzen und ist seit den 1930er Jahren allgemein bekannt (Hubert Kersting, Westfälische Sitten und Bräuche im Jahreslauf).

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