Frühförderstelle hilft Finn

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Verstecktes Lernen: Das Spiel „Rush-Hour“ schult die Kognition, das logische Denken und die Koordination. J

KIERSPE ▪ „Ohne die Unterstützung durch die Frühförderstelle wäre unser Sohn heute nicht auf dem Stand, auf dem er ist“, erzählt Tanja R., Mutter des fünfjährigen Finn dankbar. Finn war ein Extrem-Frühchen, musste aufgrund einer Schwangerschaftsgestose zu Beginn der 29. Schwangerschaftswoche durch einen Not-Kaiserschnitt geholt werden. Bei seiner Geburt wog Finn 1160 Gramm und war 37,5 Zentimeter groß.

Den ersten Lebensmonat verbrachte Finn auf der Kinderintensivstation, weitere vier Wochen auf der Frühchenstation. Von all dem merkt man Finn nichts mehr an: Heute ist Finn fünf Jahre alt; ein großer, stabiler und fröhlicher Junge. Und doch unterscheidet sich Finn von anderen Kindern: Einmal die Woche geht er zu seiner Logopädin – und einmal die Woche zur Frühförderstelle der Lebenshilfe. Beides macht ihm viel Spaß.

In den Räumen der Frühförderstelle durften wir Finn bei einer Therapiestunde begleiten: Da wird getobt, gesprungen und gespielt. Und ohne dass Finn es gemerkt hat, hat er eine Menge gelernt. Beim „Rush-Hour“, einem Stau-Puzzle, werden die Kognition, das logische Denken und die Koordination geschult. „Im Kriechtunnel geht es um Körperwahrnehmung, Planung und Strategie. Beim Weitsprung werden das Selbstvertrauen, die Koordination der Bewegungsabläufe und die Bewegungssteuerung sowie die Einschätzung der eigenen Fähigkeiten gestärkt,“ erzählen die Therapeutinnen Raphaela Mund (Diplom-Heilpädagogin) und Anke Holthaus (Heilpädagogin). „Die Förderung der Sprache fließt auch immer mit in die heilpädagogische Arbeit ein“, ergänzt Mechthild Reer-Stracke, Leiterin der Frühförderstelle. „In seiner Entwicklung war Finn immer in der Regelzeit, allerdings immer am unteren Durchschnitt. Da er ein Extrem-Frühchen war, hatten wir keine Schwierigkeiten damit. Erst im Kindergarten, bei einer Untersuchung des Gesundheitsamtes, fielen sprachliche und motorische Defizite auf. Aber dafür, dass Finn so früh geboren wurde, hat er relativ wenige Beeinträchtigungen. Das hätte viel schlimmer ausgehen können“, berichtet die Mutter.

Seitdem werden die Defizite bei einer Logopädin und in der Frühförderstelle der Lebenshilfe aufgearbeitet. „Die Angebote sind für uns als Eltern völlig kostenfrei“, berichtet Tanja R. „Die heilpädagogischen Maßnahmen werden vom Märkischen Kreis finanziert.“

Finn ist eines von etwa 40 Kindern im Alter von null bis etwa sechs Jahren, die derzeit in der Frühförderstelle der Lebenshilfe, Zweigstelle Kierspe, gefördert und betreut werden. Dies sind Kinder mit Behinderungen, sowie von Behinderung bedrohte Kinder, entwicklungsverzögerte Kinder und Risikokinder (zum Beispiel nach einer Frühgeburt). Oft werden Eltern bereits kurz nach der Geburt eines Frühchens oder eines Kindes mit Entwicklungsauffälligkeiten von den Ärzten im Krankenhaus an die Frühförderstelle verwiesen. In vielen Fällen stellen aber auch der Kinderarzt oder die Kindertagsstätten den Kontakt her, wenn diese Auffälligkeiten in der Entwicklung beobachten und Frühförderung für angemessen halten. Manchmal melden sich aber auch Eltern selbst bei der Frühförderstelle, weil sie Sorgen und Bedenken hinsichtlich der Entwicklung ihres Kindes haben. Geboten werden individuelle Hilfen für Kinder und deren Eltern von der Geburt bis zum Schulalter.

Die heilpädagogische Förderung findet in den Räumen der Frühförderstelle, in der häuslichen Umgebung oder in der Kindertagesstätte statt. Sie erfolgt als Einzelförderung oder in einer kleinen Gruppe.

Den Eltern entstehen keinerlei Kosten, denn nach dem Gesetz hat jedes Kind, das in seiner Entwicklung von Störungen, Beeinträchtigungen oder Behinderung bedroht ist, einen Rechtsanspruch auf Hilfe. Die Kosten werden von den Sozialhilfeträgern getragen.

Für die Entwicklung von Kindern sind gerade die ersten Lebensjahre von besonderer Bedeutung. „Oft fallen Kinder mit Entwicklungsverzögerungen im sprachlichem Bereich erst im Kindergarten auf und sind dann schon vier oder fünf Jahre alt, wenn sie zu uns kommen“, so Mechthild Reer-Stracke, Leiterin der Frühförderstelle. Sie betont, dass viele der betreuten Kinder später eine reelle Chance haben, eine Regelschule zu besuchen und problemlos am gemeinschaftlichen Leben teilnehmen können.

Voraussichtlich im kommenden Jahr wird die Frühförderstelle auch interdisziplinär arbeiten können, das heißt, in Absprache mit Pädagogen/innen und medizinisch-therapeutisch arbeitenden Mitarbeiter/innen bestehend aus Krankengymnasten, Ergotherapeuten, Logopäden und Psychologen erfolgt die Förderung des Kindes und die Begleitung der Eltern während des Förderprozesses. Zudem soll die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Ärzten, Kindertageseinrichtungen, Therapeuten sowie anderen fachlichen Institutionen wie Kliniken oder Beratungsstellen einen Schwerpunkt bilden. Das Einzugsgebiet der Frühförderstelle Kierspe umfasst die Gebiete Kierspe, Rönsahl, Meinerzhagen, Valbert, Halver und Oberbrügge.

Das 20-jährige Bestehen feiert die Frühförderstelle am Freitag, 25. November, in der Zeit von 14 bis 18 Uhr, mit einem Tag der offenen Tür. Interessierte sind herzlich eingeladen, sich die Räumlichkeiten an der Friedrich-Ebert-Straße 275 anzuschauen. Die Mitarbeiter werden alle Fragen rund um die Arbeit in der Frühförderstelle beantworten. Für das leibliche Wohl ist gesorgt. Anlässlich des 20-jährigen Bestehens werden zahlreiche Aktivitäten für Kinder geboten, darunter Filzen, Basteln oder Schatzsuche. Zudem können leckere Adventsüberraschungen hergestellt werden. Der Höhepunkt des Nachmittags wird das Kinder-Kunstprojekt der freischaffenden Künstlerin Ilona Weber sein.

Von Christina Grégoire

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