Richter: „Sie haben Glück gehabt“

Kierspe/Lüdenscheid - Am 2. November 2015 stank es einem Vermieter an der Friedrich-Ebert-Straße derart, dass er die Polizei anrief. Auch die Beamten stellten einen starken Marihuana-Geruch im Hausflur fest und begehrten Einlass in die Wohnung, der ihnen nur zögerlich gewährt wurde.

Neben der damals 22-jährigen Mieterin trafen sie deren Freund und noch zwei Besucher an, die allerdings relativ zügig entlassen wurden. Gerechtfertigt durch den Verweis auf aktuelle Gefahren nahmen die Beamten die Wohnung ohne richterlichen Durchsuchungsbeschluss unter die Lupe. Und sie fanden auf dem Wohnzimmertisch vier Portionen eines weißen Pülverchens, das zur Aufnahme durch die Nase bereits vorbereitet war, sowie überall verteilt viele kleine Portionen von Marihuana und Amphetamin sowie zwei Feinwaagen.

Erst ein Diensthund mit entsprechend feiner Nase fand unter der Couch und zwischen den Matratzen auch die allerletzten Vorräte in Kultur- und Turnbeutel, Brillenetui und zahlreichen Tupper-Dosen. Fünf Zehn-Euro-Scheine auf dem Tisch stützten den Verdacht des Vermieters, dass das ständige Kommen und Gehen in der Wohnung auf einen regen Handel mit Betäubungsmitteln zurückging. Aber wer handelte mit dem Zeug?

Die Mieterin versicherte in ihrem Strafverfahren im Amtsgericht Lüdenscheid, dass die Ware den beiden von der Polizei entlassenen Besuchern gehört habe. Das klang bei Fundorten wie dem Bett eher unwahrscheinlich. Aber noch immer blieben zwei Personen als mögliche Besitzer übrig, was die Beweisführung nicht gerade erleichterte. Das zeigte sich umgekehrt nun auch im Strafverfahren gegen den mittlerweile 39-jährigen Mitbewohner der Wohnungsmieterin: Er habe zum Zeitpunkt der Durchsuchung nicht mehr in der Wohnung gewohnt, sei obdachlos gewesen und habe „mal hier, mal da“ geschlafen - so auch ausnahmsweise in der Wohnung der jungen Frau. „Da bin ich zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen“, beteuerte er seine Unschuld. Gerade mal zehn Minuten sei er an jenem Abend des 2. November 2015 in der Wohnung gewesen und habe kaum mehr gemacht als eine Zigarette zu rauchen.

Die vier Portionen Amphetamin auf dem Tisch erzählten eine andere Geschichte, aber diese bestätigte im Gerichtssaal natürlich keiner der Beteiligten. Eine 20-jährige Zeugin erinnerte sich nicht an das Nasen-Pülverchen auf dem Tisch. Ein weiterer Zeuge, mit dem der Angeklagte merkwürdige Kurznachrichten ausgetauscht hatte, wollte nach kurzer Befragung keine Fragen mehr beantworten. Seine früheren Angaben bei der Polizei, dass der Angeklagte mit Drogen handele, wollte er nicht mehr bestätigen.

Es fehlte nur noch der zweite Gast jenes Abends, der seiner Ladung nicht nachgekommen war. „Viel mehr wäre auch von weiteren Zeugen nicht zu erwarten“, seufzte Richter Thomas Kabus und verdonnerte den säumigen Zeugen zu einem Ordnungsgeld von 150 Euro. Den Angeklagten sprach das Schöffengericht schließlich frei. Die Indizien seien nicht hinreichend für eine Verurteilung - auch wenn der Verdacht bleibe, sagte Richter Thomas Kabus und setzte hinzu: „Sie haben schlicht und ergreifend Glück gehabt.“

90 Tagessätze zu je 15 Euro muss der Angeklagte dennoch zahlen: Am 1. Dezember 2015 hatte ihn die Polizei mit einer kleinen Menge Marihuana erwischt. Nach der Verhandlung erschien plötzlich der säumige Zeuge und nahm die Kunde von einer saftigen Rechnung entgegen. Und der Angeklagte kehrte zurück in seine Justizvollzugsanstalt, wo er wegen einer nicht gezahlten Geldstrafe eine Ersatzfreiheitsstrafe von 80 Tagen absitzt.

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