Freie Wähler: Stadt Kierspe soll für alle Schüler Decken kaufen

Kuscheldecken statt Kälte

Alle 20 Minuten ertönt in der Gesamtschule der Gong. Dann werden die Fenster geöffnet. Um sich vor der Kälte zu schützen, ziehen die Schüler ihre Jacken an. Nun schlagen die Freien Wähler vor, dass die Stadt allen Schülern eine Decke spendiert.	Foto: Becker
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Alle 20 Minuten ertönt in der Gesamtschule der Gong. Dann werden die Fenster geöffnet. Um sich vor der Kälte zu schützen, ziehen die Schüler ihre Jacken an. Nun schlagen die Freien Wähler vor, dass die Stadt allen Schülern eine Decke spendiert. Foto: Becker

Kierspe – Kuschlige Decken statt lausiger Kälte, dass ist die Idee der Freien Wähler. Die FWG möchte, dass die Stadt rund 2000 Decken anschafft, die dann den Schülern der Volmestadt helfen sollen, durch die Kälte der gut belüfteten Klassenzimmer zu kommen. Bei den Schulleitern stößt die Idee auf geteiltes Echo.

„Trotz der widrigen Umstände in Pandemiezeiten und trotz aller Infektionsschutzmaßnahmen muss es oberstes Gebot bleiben, den Schülern ein bestmögliches Lern- und Unterrichtsklima zu bieten“, formuliert es Peter Christian Schröder, Vorsitzender der FWG. Gemeinsam ist er mit dem neuen Rats- und FWG-Mitglied Georg Würth bei Dorette Vormann-Berg, Leiterin des Sachgebiets Zentrale Verwaltung, vorstellig geworden, um die Stadtverwaltung davon zu überzeugen, Decken für alle Kiersper Schüler anzuschaffen.

Zuvor haben sich die beiden mit jüngeren und noch schulbesuchenden FWG-Mitgliedern beraten. Dabei zitieren sie Willi Breitenbach mit den Worten: „In einem Fach sitze ich tatsächlich auch am Fenster, noch ist es mit Jacke auszuhalten.“ Jannik Hentschel sagt: „Zwar halten wir es derzeit mit Jacke noch aus, doch anderen Schülern ist es bereits viel zu kalt. Man friert und kann sich dadurch nicht richtig konzentrieren – da wären Decken durchaus hilfreich.“ Georg Würth berichtet von dem Gespräch einer Mutter, deren fünf- und siebenjährige Kinder die Gesamtschule besuchen: „Die Mutter sagt, dass die beiden Kinder durchgefroren seien, wenn sie nach der Schule nach Hause kämen, trotz Unterhemd, T-Shirt, Pollover, Strickjacke und Winterjacke. Doch auch diese Kleidung, so die Mutter, würde an blaugefrorenen Fingern nichts ändern.“ Darüber hinaus sagt Würth, dass ihm die Mutter geschildert habe, dass sie durch die Maskenpflicht wöchentliche Kosten von rund 40 Euro habe.

Man friert und kann sich dadurch nicht richtig konzentrieren – da wären Decken durchaus hilfreich.

Jannik Hentschel, Schüler/FWG

Ein Grund, warum die FWG den Eltern die Kosten für die Anschaffung der Decken nicht aufbürden möchte. „Da kommen ja auch nicht alle Decken in Frage, schließlich müssen diese schwer entflammbar sein“, sagt Würth, der Jahrzehnte die Kiersper Feuerwehr geleitet hat. Man habe mit einem Kiersper Einzelhändler gesprochen, der geeignete Decken für 7,50 Euro das Stück anbiete, „weil er uns einen Großkundenrabatt gewährt“.

Damit kämen rund 15 000 Euro Kosten auf die Stadt zu. Diese könnten trotz klammer Haushaltslage gut finanziert werden, da brauche man nicht einmal drei Gehälter des Beigeordneten, auf den die Stadt seit dem 1. November verzichte, führt Schröder aus. Und auch die Energiekosten, die sich derzeit auf niedrigem Niveau befänden, würden der Stadt sicher einen gewissen Spielraum geben.

Bismarck- und Servatiusschule

Und während die Stadt, vertreten durch Dorette Vormann-Berg, auf Nachfrage der Meinerzhagener Zeitung sagt, dass man die Umsetzung der Idee prüfe, ist die Antwort der Schulleiterin Stefanie Fischer (Bismarck-Servatius-Schule) klar: „Nein, das ist keine gute Idee. Allein schon aus Gründen des Brandschutzes und der Hygiene.“ Gerade die kleineren Kinder des ersten und zweiten Jahrgangs hätten Schwierigkeiten sich zu merken, was ihnen und was ihrem Sitznachbarn gehöre. Fischer: „Außerdem haben wir uns in der Lehrerkonferenz gegen Decken ausgesprochen. Wir setzen da eher auf übereinandergetragene Kleidungsstücke, den sogenannten Zwiebellook. Außerdem behindern Decken, in die sich die Kinder einhüllen, beim Schreiben. Auch sehe ich Probleme mit der Lagerung und Reinigung. Und dann besteht da auch die Gefahr, dass die Kinder ausrutschen könnten, wenn sie auf eine Decke treten.“

Nein, das ist keine gute Idee. Allein schon aus Gründen des Brandschutzes und der Hygiene.

Stefanie Fischer, Rektorin

Bislang habe es vonseiten der Schüler und der Eltern auch noch keine Beschwerden gegeben, berichtet die Rektorin weiter. An „ihren“ beiden Schulen werde alle 20 Minuten und zwischen den einzelnen Schulstunden für mehrere Minuten gelüftet. „Wie das alles funktioniert, wenn es draußen noch kälter wird, müssen wir sehen“, so Fischer.

Pestalozzi- und Schanhollenschule

Thomas Block, Rektor an der Pestalozzi- und Schanhollenschule, sagt spontan: „Ich hätte lieber Mund-Nasen-Schutz als Decken. Als ich bei der Stadt um mehrere hundert Masken gebeten habe, habe ich gerade einmal 20 bekommen.“ Zu den Decken sagt er, dass er nicht wisse, ob deren Einsatz eine so gute Idee sei. „Wir hatten ja auch vor der Corona-Pandemie Hygienekonzepte. Darin stand ganz klar, dass man auf größere Stoffmengen in den Klassenräumen verzichten solle, sogar die Jacken sollen vor den Klassen bleiben“, erklärt Block. Der Verzicht auf Jacken sei in den Klassenräumen jetzt natürlich nicht mehr möglich. „Die ziehen die Schüler an, wenn wir alle 20 Minuten die Fenster öffnen. Bislang hat es noch keine Beschwerden gegeben, aber es fängt ja jetzt erst an, richtig kalt zu werden. Da muss man sehen, wie sich das entwickelt und was der ständige Temperaturwechsel mit den Kindern macht“, sagt Block.

Ich hätte lieber Mund-Nasen-Schutz als Decken.

Thomas Block, Rektor

Bedenken hat der Schulleiter vor allem hinsichtlich der Hygiene: „Wer soll die Decken waschen. Der Klassenlehrer? Oder nehmen die Kinder die dann immer mit nach Hause? Auch frage ich mich, wie das mit einer Desinfektion funktionieren soll. In der Turnhalle müssen wir jeden Kasten desinfizieren. Da kann ich mir nicht vorstellen, dass man die Decken mittags im Klassenraum zusammenlegt und morgens einfach wieder so verwendet“, so Block abschließend.

Gesamtschule

Wenige Meter neben der Schanhollenschule hat man an der Gesamtschule mit Decken schon Erfahrungen gesammelt. „Es gibt tatsächlich etliche Schüler, die eigene Decken mitbringen. Ich habe auch schon Kolleginnen mit Wärmflaschen gesehen“, erzählt Schulleiter Johannes Heintges, der anfügt: „Auch im Hinblick auf das Temperaturempfinden bildet unsere Schule die gesellschaftliche Bandbreite ab.“

Für ihn wäre die Anschaffung von Luftreinigungsgeräten die erste Wahl, doch aufgrund der geringen Menge Geldes, die die Landesregierung für den Kauf solcher Geräte zur Verfügung stelle, kämen diese wohl nur in Räumen zum Einsatz, die gar nicht belüftet werden können, vermutet Heintges.

Es gibt tatsächlich etliche Schüler, die eigene Decken mitbringen. Ich habe auch schon Kolleginnen mit Wärmflaschen gesehen.

Johannes Heintges, Schulleiter

An der Gesamtschule sind die Schüler von dem Lüften, dass alle 20 Minuten erfolgt und an das mit einem Schulgong erinnert wird, besonders betroffen. Denn dort dauert eine Schulstunde tatsächlich 60 Minuten – dazu kommt noch das Lüften in den sogenannten Fünf-Minuten-Pausen, die Schülern und Lehrern die Zeit für den Raumwechsel verschaffen soll – dann allerdings nur, wenn der Raum nach der Stunde weiterhin genutzt wird.

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