Luyken gegen Lockerung bei Krankschreibungen

Spätestens nach drei Tagen müssen Arbeitnehmer eine Krankmeldung vorlegen. - Archivfoto: dpa

Kierspe - Wegen jedem Kratzen im Hals gleich zum Arzt? Mediziner der Universität Marburg sind der Meinung, solche Forderungen belasten nur unnötig die Hausärzte und sprechen sich für eine Lockerung bei den Krankschreibungen aus. Der Obmann der Kiersper Ärzte Dr. Christoph Luyken sieht das allerdings ganz anders.

Von Johannes Becker

Wenn es der Arbeitgeber nicht anders verlangt, muss der Arbeitnehmer spätestens nach dem dritten Tag der Abwesenheit durch Krankheit einen „gelben Schein“ vorlegen, der den Ausfall wegen Krankheit bescheinigt und das voraussichtliche Datum der Rückkehr an den Arbeitsplatz angibt. Diese Praxis beschere den Hausärzten nur zusätzliche Arbeit, argumentieren Mediziner aus Marburg und setzen sich für eine Lockerung der Regelung ein.

Die Drei-Tage-Regelung

Im Entgeltfortzahlungsgesetz ist geregelt, dass ein Arbeitnehmer erst nach drei Tagen eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung bei seinem Arbeitgeber vorlegen muss. Allerdings kann der Chef die Bescheinigung auch bereits ab dem ersten Tag verlangen. Das hat das Bundesarbeitsgericht 2011 auch noch einmal bestätigt (5AZR886/11). Konkret ging es um die Klage einer Rundfunkredakteurin, die von ihrem Arbeitgeber nach einer Krankmeldung aufgefordert worden war, künftig schon am ersten Krankheitstag ein Attest vorzulegen. Die Mitarbeiterin hielt diese Regelung für willkürlich und schikanös, vor allem da bei ihr kein Missbrauchsverdacht hinsichtlich Arbeitsunfähigkeit bestanden habe. Ihr Arbeitgeber hielt ihr entgegen, dass er die Anweisung nicht begründen müsse – und bekam diese Ansicht auch vom Gericht bestätigt.

In einem Gespräch mit der „Welt am Sonntag“ teilte der Leiter des Marburger Forscherteams Wolfram Herrmann mit, dass die Studie der Forscher zu dem Schluss komme, dass Krankschreibungen ein besonders häufiger Grund für kurzfristige Besuche beim Hausarzt seien. Nach Meinung der Mediziner sollten Arbeitnehmer die Möglichkeit bekommen, sich bis zu einer Woche selbst krank melden zu können.

Dazu äußerte sich der CDU-Gesundheitspolitiker Jens Spahn ebenfalls in der WamS: „In Deutschland ist die Zahl der durchschnittlichen Arztbesuche auch deswegen so hoch, weil die Patienten nur für Rezepte, Verlaufskontrollen oder auch Krankschreibungen immer zum Arzt müssen.“ Er begrüße deshalb den Vorschlag, wenn diese Regelung nicht dazu führe, die bereits jetzt hohe Zahl an Fehltagen weiter zu steigern.

Ganz anders sieht das der Obmann der Kiersper Ärzte Dr. Christoph Luyken: „Ich halte von einer solchen Regelung aus ärztlicher Sicht gar nichts. Das führt letztlich nur dazu, dass Krankheiten verschleppt werden. Gerade bei einer Grippewelle, wie wir sie derzeit erleben, muss abgeklärt werden, ob der Patient nur eine Erkältung hat oder ein echtes Grippevirus.

Bereits jetzt ist die Situation nicht ohne Risiken. Denn dadurch dass viele Medikamente nicht mehr auf Kassenrezept verordnet werden dürfen, kommen die Patienten nicht mehr zum Arzt und medikamentieren sich selbst. Auch dabei werden immer wieder Krankheiten verschleppt.“ Doch Luyken sieht hinter dem Vorschlag auch „einen weiteren Schritt gegen die niedergelassenen Ärzte.“ Es seien, wenn überhaupt, die Rentner, die zu häufig den Hausarzt aufsuchen würden, bei jüngeren Patienten erlebe er das eigentlich nie.

„Aber auch als Arbeitgeber wäre es mir nicht recht, wenn ich nicht wüsste, was mit meinen Mitarbeitern los ist und wann ich mit einer Rückkehr rechnen kann“, so Luyken abschließend. Damit teilt der Kiersper Arzt die Ansichten der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände. Diese teilt mit: „Die gesetzlichen Regelungen zu Krankschreibungen haben sich in Deutschland insgesamt bewährt. Sie führen nicht zu unnötigen Arztbesuchen.“

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