Waldsterben

2020: Die letzte Chance für den Wald

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Noch funktioniert das Geschäft mit China: Es gibt aber Befürchtungen, dass auch dieser Markt zum Erliegen kommt, wenn das nächste Jahr wieder extrem trocken wird.

An dem desolaten Zustand des heimischen Waldes haben auch die starken Niederschläge der vergangenen Wochen nichts geändert. Allerdings würde nur ein nasser Sommer 2020 die Chance bieten, dass sich die dramatische Situation nicht zur Katastrophe entwickelt.

Kierspe – „Noch stehen viel mehr Fichten im Wald, die nicht geschädigt sind als kranke und tote Bäume“, da ist sich Förster Uwe Treff sicher. Aber er ist sich auch sicher, dass ein weiterer trockener Sommer im kommenden Jahr die Situation deutlich verändern könnte. Dann würde auch er von einer Katastrophe sprechen, sagt der Förster.

Außerdem schaut der Förster mit Sorge der nun erst beginnenden Sturmsaison entgegen. „Früher habe ich mir Gedanken gemacht, wenn Orkanböen angekündigt wurden, nun habe ich schon ein ungutes Gefühl, wenn ich das Wort Sturmböen höre“, sagt Treff, hinter dem auch ohne nennenswerte Sturmschäden ein ereignisreiches Jahr liegt. 

Der Blick auf die nackten Zahlen hilft da wenig: 6000 bis 8000 Festmeter Holz werden üblicherweise im Jahr im Bereich Kierspe und Rönsahl eingeschlagen, in diesem Jahr waren es mit bislang etwa 12 000 Festmetern gar nicht so viel mehr. Treff: „Wir haben aber nur Käferholz geschlagen und keinen einzigen gesunden Baum.“ Dabei sei es aber noch bei weitem nicht gelungen, alle kranken Bäume aus dem Wald zu holen. Das habe logistische Gründe, weil nicht alle geschädigten Bäume gut zugänglich seien, aber vor allem damit, dass die Waldarbeiter an der Kapazitätsgrenze arbeiten würden und auch damit, dass es immer schwieriger werde Abnehmer zu finden. 

„Wir haben aber auch Waldbesitzer, die interessiert das alles nicht, die lassen ihre Bäume einfach stehen“, so Treff. Lediglich im Bereich der Wegesicherung dürfe der Landesbetrieb Wald und Holz in solch einem Fall tätig werden. „Bei uns wird das Eigentumsrecht durch die Schäden, die der Borkenkäfer angerichtet hat, nicht aufgehoben. Das ist in Bayern anders“, erzählt der Förster. 

Ein Hoffnungsschimmer sei, dass der Verkauf des Holzes nach China nach wie vor funktioniere, „allerdings mit der Tendenz fallender Preise.“ So sei man von 44 Euro gekommen und mittlerweile bei 41 Euro gelandet. Treff: „Ich gehe aber davon aus, dass wir nach den nächsten Verhandlungen weniger als 40 Euro pro Festmeter bekommen.“ Heimische Sägewerker würden derzeit noch 45 Euro zahlen, jedoch ließen sich dort nur noch ganz geringe Mengen absetzen. „Das heißt aber nicht, dass dort nichts getan wird. Die heimischen Sägewerker sägen so viel sie können und haben auch deutlich mehr Holz abgenommen als in den Vorjahren. Aber auch die müssen eine Möglichkeit finden, ihr Produkt zu verkaufen“, erklärt der Forstfachmann. 

Mit Sorge schaut der Förster auf das kommende Jahr – und das nicht nur wegen der Stürme, die in die geöffneten Bestände greifen und dort zu riesigen Schäden führen könnten. Denn auch, wenn es ein „normales“ oder feuchtes Jahr wird, rechnet Treff mit Schäden, „allerdings im normalen Bereich. Also deutlich weniger als in diesem Jahr. Wenn es wieder trocken wird, dann nehmen die Schäden im Vergleich zu diesem Jahr noch einmal deutlich zu.“ Bei einem solchen Szenario sei an eine Vermarktung des Holzes nicht mehr zu denken, da ist sich der Kiersper sicher. 

In Hessen sei man bereits jetzt so weit, dass man den Einschlag mangels Absatzchancen eingestellt habe. Sorgen macht ihm aber auch, dass er keinen Rat wisse, mit welchem Baum die geräumten Flächen wieder aufgeforstet werden können. „Wir haben keinen Baum der Zukunft“, macht er unmissverständlich klar. Treff rät den Waldbesitzern, die Flächen erst einmal liegen zu lassen und auf eine Naturverjüngung durch sogenannte Pionierbaumarten zu setzen. Zu diesen Arten zählt er Birke, Eberesche, Vogelkirsche und Salweide. „Aber man sollte nicht einfach wachsen lassen, sondern auch diese natürlich wachsenden Bäume als Wald pflegen, um eine Ausbreitung von Brombeere, Adlerfarn und Bültengras zu verhindern“, so der Förster. Jetzt, wo sich alle von der Fichte abwenden würden, sieht Treff aber auch eine weitere Gefahr: „Wer hier kein Nadelholz mehr anbauen will, der bekommt es in Zukunft aus Ländern, in denen die Nachhaltigkeit keine Rolle spielt.“ Allerdings warnt er auch, einfach so weiter zu machen. „Viele Waldbesitzer haben in den vergangenen Jahrzehnten auf allen Flächen und in allen Lagen Fichten angebaut. Das rächt sich nun. Wir müssen in Zukunft genau schauen, wo wir Nadelbäume anpflanzen – und auch, welche Nadelbäume wir nutzen.“

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