Fibel und Anlauttabelle spielen wichtige Rolle

Kaum Schreiben nach Gehör an Kiersper Grundschulen

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Das Schreiben nach Gehör spielt in den vier Kiersper Grundschulen höchsten eine sekundäre Rolle. Vielmehr wird das Schreiben von Buchstaben und dann recht schnell von einfachen Wörtern unterrichtet.

Kierspe - „Die Regeln der deutschen Rechtschreibung können und müssen von der ersten Klasse an gelernt werden“, hat NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer vor wenigen Wochen angeordnet und damit eine Diskussion um das Schreiben nach Gehör losgetreten.

Die Lehrerinnen und Lehrer der vier Kiersper Grundschulen lässt diese Anordnung aber gewissermaßen kalt, denn die Methode des Schweizer Reformpädagogen Jochen Reichen spielt, wenn überhaupt, nur eine sekundäre Rolle, wird mehr als Motivation für die Schüler gesehen, sie zum Lesen und Schreiben zu animieren. 

„Wir wollen nicht sofort den Rotstift ansetzen, wenn die Kinder mal etwas falsch geschrieben haben“, verdeutlicht Stefanie Fischer, Leiterin der Verbundschule Bismarck und Servatius, dass in der ersten Klasse auch das freie Schreiben und Malen – beispielsweise in den Montagsheften – zum Tragen kommt.

Schreiben auf Basis der Fibel

Dabei wird auf die Rechtschreibung am Anfang nur in abgespeckter Form geachtet. Gleichwohl wird in den Kiersper Grundschulen mit dem Schreiben auf Basis der Fibel begonnen. 

Dies heißt, dass am Anfang des Schreibens Schwungübungen, einzelne Buchstaben und daraus resultierende kurze Wörter stehen. Im Laufe der Zeit wird mehr Wert auf die Rechtschreibung – auch der Rechtschreiblehrgang folgt – und ebenso auf die Grammatik gelegt.

Man nutzt zwar auch Hilfsmittel wie einen Punkt unter einem kurzen Vokal und einen Strich unter einem langen oder ebenso Wortverlängerungen – Abend, Abende – , letztlich gebe es aber Wörter, die wie Vokabeln gelernt werden müssen. Thomas Block, Leiter der Verbundschule Pestalozzi und Schanhollen, sieht die Wichtigkeit des „Vokabel lernens“ für Schüler mit weniger kognitiven Fähigkeit.

Mehr Regeln nach Schuleingangsphase

Andere mit größeren kognitiven Fähigkeiten könnten sich Schreibweisen eher erschließen beziehungsweise erkennen. Neben dem Hilfsmittel Anlauttabelle – Bildern sind Buchstaben oder Buchstabenkombinationen zugeordnet – müsse auch großen Wert auf die Aussprache der Buchstaben gelegt werden. Ansonsten könne es passieren, dass die Schüler zum Beispiel das „Ell“ oder das „Ka“ auch so schreiben würden. Dann wird aus dem Lehrer ein „Ellehrer“ und aus dem Kenner ein „Kaenner“.

Spätestens mit den ersten Schreibübungen, die bei den Erstklässlern Ende des Kalenderjahres auf dem Unterrichtsplan stehen, nehmen die Rechtschreibregeln einen immer größer werdenden Raum ein. Spätestens nach der Schuleingangsphase (erstes und zweites Schuljahr), so erläutert Thomas Block, gebe es mehr Regeln. Gleichzeitig verweist der Schulleiter darauf, dass die Rechtschreibung ein Prozess sei und stets im Wechselspiel zwischen Lesen und Schreiben stehe.

Solch ein Anlauttabelle dient in den Grundschulen als Hilfsmittel für das Schreibenlernen der Erstklässler.

„Lesen hat etwas damit zu tun, sich anzustrengen“, weiß Block und meint damit, dass das Lesen von Kurznachrichten auf digitalen Geräten etwas anderes sei als das Lesen eines Buches. Daher sieht er auch als einen wesentlichen Punkt für das Sinken des Rechtschreibniveaus – in der Bundesrepublik würden mehr als 20 Prozent der Viertklässler bei der Rechtschreibung nicht die Mindeststandards erfüllen – darin, dass immer weniger gelesen werde. Nicht zuletzt auch, weil die Möglichkeiten, sich berieseln zu lassen, einfacher seien.

Profile in Richtung Leseschule schärfen

Grund genug für die Pestalozzi- und die Schanhollenschule, ihre Profile in Richtung Leseschule zu schärfen. Darauf hätte sich das Kollegium bereits vor einiger Zeit geeinigt – man sei auf dem Weg. Gleichzeitig werden aber digitale Möglichkeiten nicht verdammt. Im Gegenteil, beispielsweise bei Flüchtlingen können Tablets mit entsprechenden Programmen einschließlich Sprache-Erkennung sehr hilfreich sein. Das dies aktuell kaum genutzt wird, liege an der fehlenden Ausstattung. Also müsse man in entsprechenden Fällen weiter auf das Wörterbuch verweisen.

„Wir wollen den Kindern das Handwerkszeug an die Hand geben, damit sie auch in Zukunft weiter lernen können“, lautet für Thomas Block und seine Kolleginnen und Kollegen die Devise für den Unterricht Lesen und Schreiben. Dabei spielten, so betonen beide Schulleiter übereinstimmend, sprachliche Eigenarten – Veramerikanisierung beispielsweise durch neue digitale Medien – in der Grundschule keine Rolle. „Die Kinder können sehr gut unterscheiden, was Unterricht und was Pause ist“, weiß Stefanie Fischer.

Ebenso, dass nahezu alle Lernanfänger über erste Schreiberfahrungen verfügten, wenn sie in die Schule kommen: 98 Prozent könnten ihren Namen schreiben. Wenn das Rechtschreibniveau in den vergangenen Jahren gesunken ist, dann liege es wohl eher nicht an der Methode Schreiben nach Gehör, denn diese werde in Deutschland in Reinform nur von zwei bis drei Prozent der Schüler ausgeübt.

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