Groß, modern und sehr teuer

Feuerwehr nimmt neues Flaggschiff in Betrieb

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Tausche alt gegen neu. Das Hilfeleistungslöschfahrzeug (hinten) ersetzt ab sofort das 26 Jahre alte Löschfahrzeug der Kiersper Wehr. Der alte Wagen wurde bereits ausgeräumt und wartet auf einen neuen Besitzer.

Kierspe – Wenn ein Mitdreißiger ganz selbstverständlich das Garagentor öffnet und einen 425 000 Euro teuren Wagen herausfährt, ist er entweder von Beruf Sohn, ein erfolgreicher Unternehmer – oder Feuerwehrmann.

Christian Dörseln ist auf jeden Fall Feuerwehrmann, genau wie Christian Schwanke, beide sind zum neuen Gerätehaus gekommen, um das neue Fahrzeug der Wehr zu präsentieren – und dabei gleich noch mit dem alten, jetzt ausgemusterten Wagen, zu vergleichen. Längst vorbei die Zeiten, in denen alte Feuerwehrautos auch alt aussahen. Das Löschfahrzeug, das jetzt ausgemustert wurde, hat zwar schon 24 Jahre auf den Rädern, aber von seiner Form ähnelt es doch sehr dem, was heute aktuell ist. Kein Wunder, dass die Stadt Kierspe hofft, bei der Versteigerung von Behördenfahrzeugen auch noch einen guten Preis zu erzielen. 

Das würde dann wenigstens ein wenig die Kosten für das neue „HLF 20“ senken. Denn das neue Hilfeleistungslöschfahrzeug ist nicht nur das größte Fahrzeug der Kiersper Wehr, sondern auch ihr teuerstes. 425 000 Euro musste die Stadt auf den Tisch legen, um das 8,60 Meter lange, 2,50 Meter breite und 3,30 Meter hohe Fahrzeug samt Umbau und mitgekaufter Ausrüstung zu erwerben. 

Dafür überzeugt der allradgetriebene Wagen auch mit seinen Eckdaten, nicht nur weil er auf einem 16-Tonnen-Fahrwerk aufgebaut ist (die anderen schweren Fahrzeuge der Kiersper Wehr verfügen über ein 14-Tonnen Fahrwerk), sondern auch bei der Leistung seiner Pumpe. Förderte der jetzt ausgemusterte LF 16 noch 1200 Liter Wasser pro Minute, sind es nun 3000. Bezieht man das nur auf den eigenen Tank von 1600 Litern Löschwasser und 100 Litern Schaum, wäre jeder Einsatz schnell beendet. 

Sprungretter an Bord

Als das alte Fahrzeug 1996 nach Kierspe kam, befand sich in seinem Laderaum ein sogenannter Sprungretter, der Menschen bei Sprüngen aus einer Höhe von bis zu 16 Metern retten konnte – vorausgesetzt sie trafen das vier mal vier Meter große Luftkissen. „Zweimal haben wir den Sprungretter aufgebaut, zum Einsatz ist er aber glücklicherweise nie gekommen“, erzählt Christian Schwanke. 

Die beiden Einsätze hatten aber auch eine gewisse Dramatik: einmal mussten Kinder vom Balkon eines brennenden Hauses gerettet werden, das andere Mal wurde mit dem Sprungretter ein SEK-Einsatz abgesichert, bei dem man befürchtete, dass ein Geiselnehmer aus einem oberen Stockwerk springen könnte. 

Einen Sprungretter hat auch das neue Fahrzeug, allerdings auch viele Geräte, die es auf dem alten Wagen nicht gab. Das liegt daran, dass der alte Wagen noch dem Löschzug 2 zugeordnet wurde, bei dem Brandschutz und das Retten aus Tiefen und von Höhen Markenkern waren. Jetzt, nach der Fusion, erledigen die Mitglieder des neuen Zuges eine größere Bandbreite an Aufgaben. So führt der neue Wagen auch Spreizer für den Einsatz bei Unfällen mit und ein Hydraulik-Aggregat, mit dem sich schwere Gegenstände anheben lassen. Früher wäre eine solche Ausrüstung vor allem an den Löschzug 1 gegangen, der sich neben dem Brandschutz auch der technischen Hilfeleistung verschrieben hatte. 

Moderne Technik

Doch nicht alles an dem neuen Wagen ist auch wirklich neu. So wurde zwar ein großer Teil der Ausrüstung neu angeschafft, aber mit Leitern, Schläuchen und einem Stativ für die Beleuchtung am Einsatzort sind auch Gegenstände an Bord, die bereits in und an dem alten Wagen ihren festen Platz hatten. Sicher nicht vermissen werden die Wehrleute die alten Rundumleuchten. „Da musste schon mal jemand dem rechten Blaulicht einen Schlag verpassen, damit sich das Innenleben auch drehte“, erinnert sich Dörseln. An dem neuen Wagen fehlen diese Rundumleuchten mit sich drehendem Innenleben, die im Behördendeutsch übrigens Rundumkennleuchten heißen. Stattdessen blitzen dort LED auf und geben ihr Licht in alle Richtungen ab. 

Mehr Komfort

Aber auch an die Besatzungen wurde bei dem neuen Fahrzeug gedacht. So fahren nun Trittbretter automatisch aus, wenn die Türen geöffnet werden. Damit haben gerade die Atemschutzträger einen deutlich leichteren Ausstieg als bei den „Trittleitern“ an dem alten Wagen, die senkrecht nach unten führten.

Acht statt neun

Ihren Atemschutz können in dem neuen Wagen nun gleich vier Wehrleute während der Fahrt anlegen, in dem alten Wagen waren es nur zwei. Dafür fällt allerdings ein Sitzplatz weg. Somit finden in dem neuen Hilfeleistungslöschfahrzeug nur noch acht Freiwillige einen Platz, in dem alten Wagen waren es noch neun. Doch auch dort saßen die Wehrleute schon auf gepolsterten Sitzen. „Wir haben nun auch eine Pneumatikversorgung an Bord, die beispielsweise die Reinigung der Ausrüstung deutlich erleichtert“, freut sich Dörseln. 

Ausbildung

Ausgebildet wurden bislang vor allem die Wehrleute, die auch mit der Planung der Neuanschaffung zu tun hatten. Diese werden nun ihr Wissen an ihre Kameraden weitergeben. Dies dauert nun allerdings länger, da auch bei der Wehr die Corona-Vorschriften nicht wegfallen. Dörseln: „Aber bei den Übungen und Einsätzen lernt man den Wagen ja auch bereits kennen.“

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