Feuchtigkeit wird den Kiersper Wald nicht retten

Förster legt sich fest: letzte große Fichtenbestände verschwinden

Es wird nicht viel übrig bleiben vom Fichtenwald. Das gilt nicht nur für Kierspe, sondern für ganz Deutschland und weite Teile Europas.
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Es wird nicht viel übrig bleiben vom Fichtenwald. Das gilt nicht nur für Kierspe, sondern für ganz Deutschland und weite Teile Europas.

Kierspe – Wenn der Blick von Uwe Treff nach draußen und gen Himmel geht, dann freut er sich, denn die nasskalte Witterung macht dem Borkenkäfer das Leben schwer – aber auch dem Waldbesucher, denn dieser findet in Zukunft viele zerstörte und zerfahrene Wege vor. Letztlich hat der Kiersper Förster aber keinen Einfluss darauf, denn das Holz muss aus dem Wald, und die Wege werden wieder instandgesetzt – irgendwann.

Die Freude über die erschwerten Lebensbedingungen für den Käfer hält aber auch nicht lange, denn dieser hat in den vergangenen drei Jahren derart große Schäden angerichtet, dass auch eine deutlich kleinere Population als in den Vorjahren den restlichen Fichtenbeständen den Garaus machen kann.

Bis 2018 freuten sich Waldbesitzer, Sägewerker und Förster beim Blick in den Wald. Denn dort standen die Fichten und deren Holzpreis war auf einem Höchststand. Bis zu 98 Euro wurde für den Festmeter bezahlt – und alle warteten darauf, dass der Preis für den Festmeter Fichtenstammholz über die Marke von 100 Euro klettern würde. Solche Gedanken sind jetzt nur noch Träume und Geschichten für nachfolgende Generationen, die keine oder nur noch vereinzelte Fichten in den heimischen Wäldern sehen werden.

Wir raten nach wie vor zur Naturverjüngung, um eine Bodenbedeckung, die Herabsetzung der Verdunstung, das Verhindern der Verunkrautung und die Bindung von Kohlendioxid zu erreichen.

Uwe Treff, Förster

„2018 machte uns vor allem die Trockenheit zu schaffen, die die Fichten schwächte. Die Käferpopulation explodierte erst 2019 und dann noch einmal 2020“, erinnert sich Treff.

In der Folge mussten riesige Bestände Jahrzehnte alter Bäume gefällt werden. In normalen Jahren wurden in den Wäldern rund um Kierspe 6 000 bis 8 000 Festmeter Holz geschlagen, in diesem Jahr waren es rund 40 000 Festmeter, von denen knapp 30 000 bereits abgerechnet sind, und weitere 10 000, die zwar bereits abgewickelt sind, aber noch nicht abgerechnet. Allerdings fiel diese Rechnung ganz anders aus als in den Jahren bis 2018, denn derzeit werden lediglich 34 Euro pro Festmeter gezahlt. Zieht man davon die 25 bis 28 Euro ab, die der Waldbesitzer für Fällen und Transport bezahlt, bleibt letztlich nicht einmal genug übrig, um die Flächen neu zu bepflanzen – wobei auch niemand sagen kann, welche Bäume dem Klima der Zukunft werden standhalten können.

„Wir raten nach wie vor zur Naturverjüngung, um eine Bodenbedeckung, die Herabsetzung der Verdunstung, das Verhindern der Verunkrautung und die Bindung von Kohlendioxid zu erreichen“, erklärt der Förster.

Nach wie vor werden auf dem Parkplatz Handweiser große Mengen Holz in Container verpackt – mit dem Reiseziel China.

Aber auch die fehlenden Zuschüsse machen es den Waldbesitzern schwer, sich für eine Neuanpflanzung zu entscheiden. „Die staatlichen Hilfen von 8 bis 12 Euro pro Festmeter geschlagenes Holz gibt es derzeit nicht, da der Fördertopf leer ist. Wir hoffen auf frisches Geld im kommenden Jahr“, so Treff.

Gegen eine Neuanpflanzung spricht auch nach Aussage des Försters, dass es zu wenig Pflanzenmaterial gibt und das wenige noch vorhandene sehr teuer ist. „Dazu kommt, dass alle Neuanpflanzungen außer der Buche gegen den Verbiss durch Wildtiere geschützt werden müssen, wobei der Verbissschutz teurer ist als die Pflanze selbst“, so Treff. Würde eine Fichte mit 60 bis 70 Cent zu Buche schlagen, wären es bei anderen Bäumen – zu denen als Nadelbäume Lärche, Douglasie, Weißtanne oder Küstentanne gehören – vier bis fünf Euro.

Ich habe auch Waldbesitzer, die lieber kein Geld verdienen wollen, als Geschäfte mit China zu machen.

Uwe Treff, Förster

Im kommenden Jahr rechnet Treff damit, dass die letzten großen Fichtenbestände in Kierspe verschwinden. „Wir werden dann auch sehen, dass die ersten Flächen, die wir 2018 frei räumen mussten, wieder grün werden“, sagt Treff. In der Konsequenz rechnet er mit einer weiterhin „sehr gedämpften“ Stimmung bei den Waldbesitzern und auch damit, dass viele Bestände stehen bleiben, weil entweder die Waldbesitzer aufgeben oder weil die Bäume an Hängen stehen, an denen es sich wirtschaftlich nicht lohnt zu fällen. „Ich habe aber auch Waldbesitzer, die lieber kein Geld verdienen wollen, als Geschäfte mit China zu machen“, so Treff. Denn nach wie vor geht der allergrößte Teil des Holzes in das asiatische Land. Ein kleiner Teil geht nach Korea und ein wenig des Holzes auch an die heimischen Sägewerke, doch diese haben in diesem Jahr gerade einmal 1500 Festmeter des Kiersper Holzes abgenommen.

Eine Waldsperrung, um Spaziergänger zu schützen, sieht der Kiersper Förster im kommenden Jahr (noch) nicht. An den Straßen und in der Nähe der Bebauung sehe das anders aus. Dort habe man schon angefangen, die Bäume zu fällen, um Gefahren abzuwenden. „Das wird es aber entlang der Waldwege nicht geben. Das Betreten des Waldes geschieht auf eigene Gefahr. Da ist es sicher ratsam, den Blick stärker nach oben zu richten“, warnt Treff. Wie die Situation der Waldbegehung in den Folgejahren zu beurteilen sei, müsse man sehen.

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