Der Baum fiel vom Lkw - daraus wurde eine Geschäftsidee

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Heute führt Reiner Grafe das Kommando auf dem Hof in Vornholt. Das Geschäft mit den Weihnachtsbäumen hat er dabei gerne von seinem Vater Dieter übernommen.

Kierspe - Der erste Baum, den Dieter Grafe verkaufte, war von einem Lkw gefallen. Heute kommen die Bäume immer noch mit Lastwagen auf den Hof der Familie, allerdings werden diese Bäume ordnungsgemäß abgerechnet. Mehr als 60 Jahre ist die Familie mittlerweile im Geschäft mit den Bäumen tätig.

Wo kann man in Kierspe Weihnachtsbäume von einem Bauern kaufen? Eine Frage in der Kiersper Facebook-Gruppe fand eindeutige Antworten: Hettesheimer, Gelzhäuser und Grafe werden da genannt. Dass die Familie Grafe ihren Platz in dieser Auflistung findet, ist einem Zufall zu verdanken. 

„Ich stand mit einem Freund an der L 528, als ein Lkw, beladen mit Tannenbäumen, vorbeikam. Damals waren die Bäume noch lose, Netze gab es nicht. Einer der Bäume machte sich selbstständig und wurde auf die Straße geweht. Ich habe den damals aufgehoben. Wir standen noch nicht wieder richtig auf dem Seitenstreifen, da hielt ein zweiter Lastwagen direkt vor uns. Der Fahrer aus Wuppertal wollte den Baum kaufen. Das war so etwas wie eine Initialzündung“, erinnert sich Dieter Grafe an seinen ersten Baumverkauf.

Bäume für 1,60 Mark

Es ist nicht die einzige Geschichte rund um die Weihnachtsbäume, die Grafe erzählen kann. „Nach dem Krieg war der Run auf die Bäume riesig. Da musste wohl einiges nachgeholt werden.“ Wobei er einräumt, dass die ersten Bäume alles andere als ansehnlich waren, denn im Grund waren diese oft nichts anderes als ein Abfallprodukt. 

Damals wurden 20 bis 30 Jahre alte Fichten, so erzählt der Bauer, zu Bohnenstangen, Bau- und Grubenholz verarbeitet. Die Spitzen habe man abgeschnitten und als Weihnachtsbäume verkauft.

Doch schon bald wurden Kulturen ausschließlich für Weihnachtsbäume angelegt. „Damals kamen die Schrotthändler aus dem Ruhrgebiet, die sich die Wagen volluden und die Bäume dann im Pott verkauften“, erzählt Grafe. 1,60 Mark hätten die in den 1960er-Jahren für einen Baum bezahlt. 

Im Direktverkauf seien die Bäume je nach Größe und Güte für 3 bis 3,50 Mark weggegangen. „Damals wurde noch um 5 Pfennige gefeilscht, heute sind es immer gleich 5 Euro.“ Doch verhandeln wollen Grafes auch eigentlich nicht, wenn sie verkaufen. Deshalb wird heute nach Größe verkauft. 15 bis 16 Euro kostet dann der Meter – wobei die meisten Bäume so um die zwei Meter nachgefragt werden.

Ärger mit Diebstählen

„Damals habe ich an so manchem Tag, den ich an der L 528 zugebracht habe, geradem einmal 15 bis 20 Mark eingenommen.“ Gelegen habe das an der enormen Konkurrenz zu jener Zeit. „Da standen auf einer Strecke von drei Kilometern vier Händler. Doch die anderen haben mit den Jahren alle aufgegeben.“ Sicher auch, weil man schon für dieses Geschäft gemacht sein musste. Traktoren mit Verdeck gab es nicht – und einen Bauwagen hätte niemand aufgestellt.

Dieter Grafe hat vor 62 Jahren mit dem Verkauf von Weihnachtsbäumen angefangen.

Ein anderes Ärgernis seien die Diebstähle aus den Kulturen gewesen. „Da hieß es immer, ich hole mir den Baum aus Großvaters Berg. Meist hatte der Großvater keinen Wald, aber jeder wusste, was gemeint war.“ Die Kiersper seien dann bei Tageslicht in den Wald gegangen und hätten einen Baum mit einem Grasbüschel im obersten Astkranz markiert. Im Schutz der Dunkelheit sei der Baum dann geschlagen worden. „Wenn ich so ein Grasbüschel gesehen habe, dann habe ich das schnell entfernt und in einen besonders hässlichen Baum gehängt“, lacht Grafe.

Die Zeit der vielen Diebstähle sei vorbei – genau wie die der Fichten. Gerade einmal fünf Prozent der Bäume machten diese noch aus. Heute würde vor allem nach Nordmanntannen gefragt – in früheren Jahren auch gerne nach gut duftenden Blaufichten. Gerade diese hinterließen mit ihren starren und spitzen Nadeln deutliche Spuren an den Händen von Käufern und Verkäufern, denn Geräte, um die Bäume einzunetzen gab es noch nicht. 

„Mit Bindegarn haben wir die Bäume eingewickelt.“ Und aus Mangel an Kombis und Dachgepäckträgern hätten die Bäume oft meterlang aus dem Kofferraum geragt. Beim Käfer wurde der Baum zwischen Stoßstange und Wagen verkeilt und an den Kühlrippen des Motors festgebunden.

Zuhause seien die Bäume dann oft noch einmal „behandelt“ worden, erzählt der Profi. Da habe man Löcher in den Stamm gebohrt und Äste hineingesteckt, um dem Baum ein gleichmäßigeres Aussehen zu geben. Beim Schmücken seien Wachskerzen erste Wahl gewesen und das Lametta habe man nach Weihnachten abgenommen, gebügelt und bis zum kommenden Jahr eingelagert. 

Lametta ist heute nicht mehr gefragt und Lichterketten haben die Kerzen meist ersetzt. Ein Ausbessern der Bäume sei auch nicht mehr notwendig, zumindest, wenn auf einen Baum erster Wahl zurückgegriffen werde.

Bäume werden schon im September markiert

Rund 50 Prozent entsprächen heute dieser Kategorie. Zweite und dritte Wahl würden 30 Prozent ausmachen – der Rest sei unverkäuflich. „Doch gerade die dritte Wahl, die von den fliegenden Händlern angeboten wird, übt einen Preisdruck auf die Bäume der ersten Wahl aus“, bedauert Grafe, der betont, dass es bei ihm nur Bäume der höchsten Kategorie gebe. 

Um das sicherzustellen, fährt er in jedem September in die Nähe von Winterberg, um die Bäume auszusuchen und zu markieren – dazu kommen noch die Tannen, die auf den eigenen Flächen angebaut werden.

Los geht der Verkauf übrigens schon Ende November. Gewerbetreibende würden dann Bäume ordern, die im oder am Geschäft aufgestellt würden. Bei den Privatleuten sei der dritte Advent am Umsatzstärksten. Und so erwartet auch Grafe am kommenden Wochenende einen Ansturm auf die frischgeschlagenen Bäume. Vorbereitet ist die Familie – mittlerweile sogar mit einer Netzmaschine, die die Bäume automatisch einzieht. 

Ein anderes Gerät erlaubt das Verpacken in Folie, um das Wageninnere zu schonen. Zum Aufwärmen werden in einer Garage Glühwein und Würstchen angeboten und vor der Tür findet ein kleiner Weihnachtsmarkt statt. Ganz besondere Gäste waren übrigens schon da. Der Wuppertaler, der vor 62 Jahren den ersten Baum kaufte, kommt immer noch und immer am zweiten Advent – dann aber mit seiner ganzen Familie. Grafe: „Das dürften so 25 Leute sein.“

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