Fachmeinung gefragt auf Exkursion der Dendrologen

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Mehrere Meinungen und Vorschläge zur Luiseneiche liegen der Kommunalpolitik jetzt vor. ▪

KIERSPE ▪ Spezialisten aus dem gesamten Bundesgebiet kamen zur Regionalexkursion der Deutschen Dendrologischen Gesellschaft zusammen, um sich mit dem Thema „Westfälische Gärten und Parkanlagen – Alte Baumkultur und Naturdenkmale im märkischen Sauerland“ zu beschäftigen. „Ein wichtiger Forschungszweck dabei ist festzustellen, wie sich in dem Gebiet die gleichermaßen rheinischen wie sächsischen Einflüsse ausgewirkt haben“, erläuterte Heribert Reif vom Botanischen Garten im Dortmunder Rombergpark.

Er hatte zusammen mit dem früheren Kiersper Heinrich Kuhbier, der lange hauptamtlich und heute ehrenamtlich die botanische Abteilung am Überseemuseum in Bremen leitet, die Organisation übernommen. Bis zu 15 Teilnehmer durchstreiften an den drei Tagen von Kierspe ausgehend die Gegend. Ein erstes Fazit stand für Reif schnell fest: Zwar sind beide Einflüsse feststellbar, stärker aber der sächsische, wo Eichen als Hofbäume frei wachsen gelassen wurden. „Auch in ihrer Funktion als Blitzableiter,“ wie er anmerkte. Doch seien Linden, die aus dem französischen Raum ins Rheinland gekommen seien, ebenfalls im märkischen Sauerland verbreitet.

Begutachtet wurde am Donnerstag zunächst die Priorlinde in Hagen-Dahl und die Femelinde im benachbarten Rumscheid, dann ging es weiter in den sehenswürdigen Park von Haus Rhade mit seinen Roteichen und Linden, womit die Gruppe in Kierspe angelangt war. In der Ortslage Linden gab es ein Naturdenkmal mit der alten Linde zu sehen. Gestern war der Baumbestand im Bereich der Fabriken und alten Villenparks in Rönsahl ein erstes Ziel. Dann wurde die typische geschnittene Baumkultur sowie die Hecken und Linden des Rheinischen in der Umgebung von Wipperfürth in Augenschein genommen, bevor es wieder zurück nach Kierspe ging.

Treffen der

Fachleute

Dort trafen die Experten auf weitere Fachleute wie aus Halver Horst Willi Turk vom Baumpflegedienst Turk und Fachagrarwirt Thomas Bette sowie Gudrun Barth vom BUND Kierspe, denn nun sollte ein Besuch der von der Fällung bedrohten Luiseneiche gelten. Angeschlossen hatten sich zudem Mitglieder des städtischen Umwelt- und Bauausschusses mit dem Vorsitzenden Christian Reppel an der Spitze, um eine Fachmeinung zu hören.

Beginn war jedoch zunächst an der 250 Jahre alten Eiche gegenüber der Einfahrt des früheren Dornseifermarktes, die nicht in Mitleidenschaft gezogen werden soll, wenn für einen Nachfolgemarkt der Parkplatz neu gestaltet wird. Einigkeit herrschte unter den Dendrologen, dass ein so mächtiger Baum einen Schutzraum benötigt, der mit der doppelten Trauffläche bemessen werden müsse, was in dem Fall bis zu 500 Quadratmeter seien. Der Einsatz von Rasengittersteinen sei da keine Alternative.

Bei der Begutachtung stellte sich zudem heraus, dass es sich nicht um eine Stieleiche handelt, sondern um die sehr seltene Hybridform Quercus Rosacea. Um einen so alten Baum zu ersetzen, müssten 250 neue Eichen gepflanzt werden, die aber angesichts der modernen Siedlungstrukturen nicht genug Wasser fänden, um zu überleben, so Exkursionsleiter Heribert Reif. Eine aufgetretene Schädigung sei häufig erst nach 20 Jahren erkennbar.

Kambiumwülste

fallen auf

Ein Stück weiter an der Luiseneiche fielen Heinrich Kuhbier die starken Kambiumwülste auf: „Hier hat sich am Baum ein neuer Baum gebildet“, beschrieb er und betonte, dass er keinen Zweifel an der Standfestigkeit hege. Er wusste Beispiele, so auch in Kierspe im Bereich Auf dem Busch, wo sich aus einem solchen Wachstum wieder ein gefestigter Baum gebildet habe. Kollege Reif ergänzte, dass es einen Baum mit einem solchen Umfang von 3,60 Meter im gesamten Märkischen Kreis nicht noch einmal gebe und auch kein neu gepflanzter Baum diese Ausmaße jemals erreichen könne. Obendrein schätzte er es als wenig aussichtsreich ein, an der gleichen Stelle eine neue Eiche zu pflanzen. Zweifel äußerte er an der vielleicht gerade erst seit einem Jahrzehnt existierenden Theorie über die bruchgefährdeten Klebeäste. Er brachte mit der Sperrung des Spielplatzes und seiner Verlegung noch eine andere Idee ins Spiel, um endgültig Sicherheit hinsichtlich Astbruch und Standsicherheit zu haben, die es letztlich aber bei keinem auch noch so gesunden Baum gebe.

Thomas Bette informierte über eine erst vor wenigen Tagen durchgeführte weitere Untersuchung mit dem Arboradix, bei dem das Wurzelwerk das Ziel war, nachdem er vor Wochen den Stamm mit dem Schalltomografen begutachtet hatte. „Innen ist er kaputt gefault. Aber das Wurzelwerk scheint sich vom vitalen hinteren Bereich aus bis in vier Meter Entfernung zu erstrecken.“ Doch soll die Aufzeichnung nochmals von einem Kollegen mit mehr Erfahrung mit dem Gerät nachbeurteilt werden.

Bette schlug als kostengünstige Standfestigkeitsuntersuchung eine Zugbelastungsprüfung vor, bei der die Auswirkungen eines Orkans auf den Baum simuliert werden, und nannte als Preis dafür rund 750 Euro. Horst Willi Turk empfahl, um die Luisen eiche auch für die dort nistenden Fledermäuse zu retten, einen leichten Rückschnitt bei den Ästen und auch in der Höhe, dann könne sich aus den Kambiumbereichen etwas entwickeln und eine Gefahr für den Spielplatz sei ausgeschlossen.

Die Dendrologen machten sich anschließend auf den Weg und besuchten noch den Friedhof mit seinem alten Bewuchs, die Thingslinde und die Kaiser-Wilhelm Linde sowie die Bäume in Schulten-Hedfeld, Schmidthausen und Rhinschen-Schmidthausen. Heute geht es dann nach Meinerzhagen und ins Aggertal, wo es sich auch um Kopfbuchen dreht, die für die alte Nutzungsform des Hudewaldes stehen. ▪ rh

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