Landwirte blicken vorsichtig optimistisch 2013 entgegen

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Der Vorstand der Kiersper Landwirte, bestehend aus Reiner Grafe (von links), Karl-Peter Dyck, Michael Krämer, Ralf Crummenerl, Heinz Wennekamp und Peter Frettlöh blickt vorsichtig optimistisch dem neuen Jahr entgegen und zieht eine Bilanz von 2012. ▪

KIERSPE ▪ Das Jahr begann mit klirrendem Frost, der der Landschaft schweren Schaden zufügte. Anschließend setzte sich die eher negative wirtschaftliche Entwicklung bis zum Herbst fort. Erst dann verbesserte sich der Milchpreis auf dem Markt wieder etwas, so dass eine Entspannung eintrat. Jetzt hoffen die Bauern, dass diese Trendwende zum Positiven 2013 so weitergeht. Das ist das Fazit, das der Vorstand des landwirtschaftlichen Ortsverbandes gestern anlässlich des bevorstehenden Jahreswechsels zog.

Allgemein begrüßt wurde von den beiden Vorsitzenden Heinz Wennekamp und Reiner Grafe sowie den anderen Vorstandsmitgliedern, Ortslandwirt Ralf Crummenerl, Schriftführer Michael Krämer, Kassierer Peter Frettlöh und Karl-Peter Dyck als Vertreter der Nebenerwerbslandwirte, dass die Genossenschaft Berg und Mark sich in diesem Jahr klar für den Standort Kierspe ausgesprochen hat, indem sie die Niederlassung an der Bundesstraße 54 aus der Insolvenzmasse des Immobilienmaklers Hellerforth erworben hat und damit nun selbst Eigentümer ist. So sei die seit Jahren währende leidige Diskussion über die Präsenz vor Ort endlich vorbei, wie die Vorstandsvertreter betonten. In dieser Entscheidung dokumentiert sich ihrer Meinung nach außerdem, dass die Landwirtschaft untrennbar mit der Region verbunden sei. So wende sich die Genossenschaft heute auch nicht mehr nur an die Bauern selbst, sondern das Angebot werde darüber hinaus genauso von vielen anderen Bürgern genutzt. In der Niederlassung erhielten alle Kunden eine fundierte fachliche Beratung rund um Anbaufragen und den häuslichen Garten, die deutlich über das hinaus gehe, was beispielweise in Baumärkten geleistet werden könne.

Die Landwirte erinnerten dann an den strengen Frost von um die minus 20 Grad im Januar und Februar, der sich besonders ungünstig auswirkte, weil kein Schnee lag. „Die gesamte Wintersaat ging kaputt“, berichtete Reiner Grafe. „Wir mussten auf unserem Hof elf Hektar Weizen komplett nachsähen. Bei 300 Euro Saatgut pro Hektar entstand uns überschlagsmäßig ein Schaden von rund 3500 Euro“, rechnete der Bauer aus Vornholt vor.

Ebenfalls beim Grünland schlug der strenge Frost zu: Dabei sei die verbreitete Annahme, dass dieses einfach nachwachse, völlig falsch, wie Heinz Wennekamp erklärte. Denn das Ziel sei, dass auf den Weiden möglichst wertvolle Gräser wachsen, was nur durch gezieltes Säen funktioniere. Beim Grünland kostete die Nachsaat eines Hektars auch immerhin 100 Euro. „Pro Kilo Saatgut fallen vier Euro an“, machte der Bauer aus Höhlen aufmerksam, der ergänzte, dass die Preise hier aufgrund des hohen Bedarfs um 40 Prozent höher lagen als noch im Vorjahr. Teilweise gab es noch nicht einmal ausreichend Saatgut auf dem Markt.

Im April mussten dann alle Betriebe nachsäen, weil die Wintersaat durch den Frost zerstört worden war. Damit jedoch nicht genug: Im Weiteren ließ die Qualität des Getreides wie auch vom Mais sowie genauso des Grases aufgrund zu geringer Sonneneinstrahlung zu wünschen übrig. Es gab keinen guten Energieeintrag. „Uns fehlen 120 bis 130 Sonnenstunden im Jahr, das lässt sich nicht ausgleichen“, hieß es seitens der Bauernführung gestern. Parallel stiegen die Futtermitelkosten: So wurde für Kraftfutter 30 bis 35 Prozent mehr verlangt.

Erst im Herbst setzte dann Entspannung ein, nachdem unter anderem der Milchpreis anzog, weil die Molkereien weniger Milch zu verarbeiten hatten und es teilweise sogar zu Lieferengpässen bei einzelnen Produkten kam. Das lag unter anderem an der geringer ausgefallenen Produktion aufgrund der schlechteren Futterqualität, betonen die Landwirte.

Pro Liter Milch erzielten die Bauern bis April 33 Cent. Dann aber kamen die Preisverhandlungen mit dem Einzelhandel und in Folge sank der Milchpreis auf 27 Cent im Sommer, was zwar mehr als schon einmal in anderen Tiefphasen war, allerdings trotzdem einige Landwirte bis an die Liquiditätsgrenze brachte, weil parallel die Kosten explodierten: Neben den Saat-, Futtermittel- und Strohpreisen, hier fielen beispielsweise bis zu 17 Euro pro Doppelzentner an, schlugen besonders die Energiekosten zu Buche. Zu nennen sind neben den Strompreisen vor allem die gestiegenen Kosten für Dieselkraftstoff von 20 bis 30 Cent mehr oder aber Heizöl. Hinzu kam der Rückgang der Milchproduktion aufgrund der ungünstigen Bedingungen, was sich in zusätzlich geringeren Einnahmen niederschlug. „Insgesamt ergab sich eine Schlechterstellung, die durchaus mit dem dem katastrophalen Jahr 2009 vergleichbar war, als der Milchpreis bei nur 20 bis 21 Cent lag“, führte Wennekamp aus. Im Herbst stabilisierte sich der Milchpreis aufgrund der zur Verfügung stehenden geringeren Milchmengen dann wieder. Im Fall der Milchwerke Hochwald liegt er derzeit bei 31 Cent. Etwa zwei Drittel der Kiersper Landwirte beliefern die Molkerei in Erftstadt. Von dem restlichen einen Drittel geht die Milch noch immer zu Campina nach Köln.

Der Bauernvorsitzende erinnerte kurz an den Milchpreis im Jahr 1984 von 62 Pfennig, der damit etwa genauso hoch lag wie heute. jedoch wäre damals beispielsweise Dieselkraftstoff für 75 oder 80 Pfennig zu haben gewesen, während heute teilweise um die 150 Cent dafür bezahlt werden müssten, also ungefähr das Vierfache.

Informiert wurde gestern, dass es gegenwärtig in Kierspe noch 17 Vollerwerbsbetriebe gibt, die allesamt Milchviehwirtschaft betrieben. Dabei hätten sich die Unternehmensgrößen bei mindestens 80 bis 100 Milchkühe pro zu ernährender Familie eingependelt. Der Strukturwandel, so Heinz Wennekamp, sei vor Ort bereits sehr weit fortgeschritten. Trotzdem gehe die Entwicklung, dass sich die Zahl der Betriebe immer mehr reduziert, aller Voraussicht nach noch weiter. Zudem gebe es zunehmend größere Betriebe, was zum einen an der Wirtschaftlichkeit liege, zum anderen aber auch an den höheren Auflagen, was Technik-, Qualitäts- sowie Tierschutzstandards angehe. Das bedinge vielfach Neubauten bei Ställen und Melkständen. Allerdings seien die Arbeitsbedingungen für die Landwirte dadurch heute auch deutlich besser geworden, wenn die Belastungen durch die Betriebsführung auch zugenommen hätten. Ohne das hohe Maß an Technisierung und Automation seien Milchviehbetriebe von 100, 200 und mehr Kühen auch kaum mehr zu managen.

Hingewiesen wurde seitens Heinz Wennekamp, Reiner Grafe, Ralf Crummenerl, Michael Krämer, Peter Frettlöh und Karl-Peter Dyck schon einmal auf den Termin der Ortsverbandsversammlung am Dienstag, 29. Januar, um 10.30 Uhr im Hotel Unter den Linden. Vorgesehen ist unter anderem ein Referat zum Thema „Generationswechsel in der Landwirtschaft“ von Dr. Gerhard Wesselmann von der WGZ-Bank in Münster. Vorher treffen sich um 9 Uhr die Mitglieder der Jagdgenossenschaft zu ihrer Versammlung, bei der diesmal auch Neuwahlen anstehen.

Rolf Haase

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