Die rote Liste ist länger geworden

Apotheken kämpfen mit Medikamentenmangel

Standard, Extras und Tabus: Tipps rund um die Reiseapotheke
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Mit voller Tasche aus der Apotheke – das ist im Deutschland des Jahres 2020 längst nicht immer eine Selbstverständlichkeit.

Kierspe - Lieferschwierigkeiten bei Medikamenten – diese Problematik ist nicht neu, hat sich in der Corona-Krise aber noch verstärkt. Selbst essenzielle Präparate sind von den heimischen Apotheken oft nur schwer, in Einzelfällen zeitweise gar nicht zu beschaffen.

Das vom Arzt verschriebene Medikament ist erhältlich, jedoch bei einem anderen Hersteller als angegeben. Eine Alltagssituation, die jedem geläufig sein dürfte, der in den vergangenen Jahren mit einem Rezept in der Apotheke vorstellig geworden ist. Mittlerweile aber ist es damit in vielen Fällen nicht getan. Ein nahezu schon klassisches, schon vor Corona bestehendes Problem stellt die Beschaffung von Medikamenten gegen Schilddrüsenerkrankungen dar. So ist in der „Apotheke am Wildenkuhlen“ eine Mitarbeiterin Woche für Woche einen kompletten Vormittag damit beschäftigt, diese Präparate aufzutreiben, wie Inhaberin Christiane Karge berichtet.

Betroffen sind bei Schilddrüsenmedikamenten alle Hersteller, alle Stärken und alle Packungsgrößen. Dem großen Beschaffungsaufwand zum Trotz lässt sich das Worst-Case-Szenario zum Leidwesen der Apothekerin nicht immer vermeiden: „Vereinzelt habe ich sogar schon Leute wegschicken müssen“, sagt Karge. Dazu muss man wissen: Bevor das geschieht, glühen die Telefondrähte in der Umgebung heiß. Die örtlichen Apotheken pflegen ein gutes Miteinander und helfen sich gegenseitig, wenn die eine etwas im Bestand hat, was in der Nachbarschaft fehlt. Umso alarmierender ist es daher, wenn bestimmte Präparate trotzdem partout nicht aufzutreiben sind.

250 nicht lieferbare Produkte

Wie kürzlich auch im Fall von Nebivolol, einem Wirkstoff zur Behandlung von Bluthochdruck und Herzinsuffizienz, der für Patienten genauso essenziell ist wie die eingangs erwähnten Schilddrüsenmedikamente. „Nebivolol war gar nicht zu bekommen“, erzählt Christiane Karge, „weder bei uns oder in anderen Kiersper Apotheken noch in der näheren Umgebung.“ Notgedrungene Umstellungen auf andere Präparate sind natürlich möglich, doch längst nicht jeder Patient verträgt jeden Wirkstoff ohne Nebenwirkungen. Die genannten Beispiele sind nur zwei aus einer langen roten Liste, die seit der Corona-Krise rund 250 nicht lieferbare Produkte umfasst.

„Vorher waren es im Schnitt 140“, so Karge. Zuwachs erhielt diese Palette seit März unter anderem durch die Engpässe bei Desinfektionsmitteln und Schutzhandschuhen, die inzwischen aber weitgehend geschlossen sind. Gründe für diese Probleme, die sich übrigens auch auf Antibiotika wie das nur bei wenigen Anbietern erhältliche Amoxicillin erstrecken, gibt es mehrere. So ist da unabhängig von Corona die Konzentration auf nur noch wenige Produktionsstandorte.

Nachschub aus China stand still

Als Beispiel führt Christiane Karge einen der am häufigsten eingesetzten Wirkstoffe in der Pharmazie an: „Weltweit wird nur noch in sechs Fabriken Ibuprofen hergestellt. Fällt auch nur vorübergehend ein Standort aus, macht sich das natürlich sehr schnell sehr stark bemerkbar.“ Hinlänglich bekannt ist auch, dass die deutsche Pharmaindustrie aus Kostengründen zahlreiche Medikamente im Ausland produzieren lässt; unter anderem in China, wo in Covid-19-Zeiten die Produktion – und damit dann auch der „Nachschub“ – vielerorts stillstand.

Ohnehin sehen Apotheker- und Ärzteverbände die aus der Verlagerung nach Übersee entstandene Abhängigkeit kritisch. Zumal immer größeres Profitstreben und das Diktat der Wirtschaftlichkeit auch noch keinen Patienten wieder haben gesunden lassen. Schließlich und endlich führt auch die unvermittelt und sprunghaft steigende Nachfrage nach bestimmten Produkten zu Schwierigkeiten. Was in Supermärkten in den ersten Corona-Wochen Toilettenpapier und Mehl waren, war in den Apotheken ein Schmerz und Fieber senkendes Mittel: Die im Internet kursierende Behauptung, dass die Einnahme von Ibuprofen die Sterblichkeit bei SARS-CoV2-Infizierten erhöhe, erwies sich zwar als haltlos, löste aber einen wahren Ansturm auf das alternativ empfohlene Paracetamol aus.

Das Hamstern blieb nicht folgenlos: „Zeitweise war kein Paracetamol mehr zu bekommen – und das ist ja keineswegs ein Nischenmedikament“, sagt Christiane Karge, die im Bezug auf alle genannten Problemfelder vor allem eine Sorge hat: „Die Leidtragenden sind meistens leider die Patienten, die die Medikamente am dringendsten benötigen...“

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