Maßnahmen müssen verhältnismäßig sein

Autofahrer "enteignen", Türen eintreten, über "Rot" fahren - diese Grenzen dürfen Wehrleute überschreiten

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Behinderungen durch Gaffer sind ein großes Problem während der Einsätze. 

Kierspe - Bei Rot über die Kreuzung fahren, Autos enteignen, Türen eintreten – wenn es im wahrsten Sinne des Wortes brenzlig wird, darf die Feuerwehr einige Grenzen überschreiten. Was genau die Blauröcke im Ernstfall dürfen und wie sich die Bürger in dem Fall verhalten sollten, verrät Daniel Rösges, Unterbrandmeister der Kiersper Feuerwehr.

„Es ist schon einmal vorgekommen, dass ein Landwirt uns seinen Trecker zur Bergung eines Unfallwagens ausleihen musste“, erinnert sich Daniel Rösges. Beim Brand der Turnhalle neben der Kiersper Gesamtschule im Oktober 2006 mussten die Wehrleute sogar noch einen Schritt weiter gehen: „Um an Wasser zu kommen, haben wir die Tür zum benachbarten Schwimmbad eingeschlagen und das Wasser aus dem Becken gepumpt“.

Besonders wenn Menschenleben auf dem Spiel stehen, darf die Feuerwehr nicht zimperlich sein. „Doch alles muss in Relation zum Einsatz stehen“, ergänzt Christopher Eichert, der zuständig ist für die Öffentlichkeitsarbeit.

„Wir haben im Einsatz Sonderrechte, die uns zum Beispiel von den Vorschriften der Straßenverkehrsordnung befreien“. Geschwindigkeitsbegrenzungen, Einbahnstraßenregelungen oder rote Ampeln dürfen also ignoriert werden. Das bedeutet allerdings nicht, dass alles erlaubt ist, sobald man in einem roten Auto mit blauen Lichtern sitzt. 

Verkehrsteilnehmer müssen die Straße räumen

Die Rettung einer Katze vom Apfelbaum oder das Abstreuen einer Ölspur rechtfertigen solche Ausnahmefahrten natürlich nicht. Wenn es aber wirklich mal schnell gehen muss, ist auch das richtige Verhalten der anderen Verkehrsteilnehmer entscheidend. 

Rösges: „Wenn sich ein Einsatzfahrzeug mit Blaulicht und Martinshorn nähert, muss der Weg sofort frei gemacht werden“. Dabei sollte ruhig reagiert und das Auto an den Straßenrand gefahren werden. Mit dem Blinker wird angezeigt, dass der Einsatzwagen erkannt wurde und die Straße frei gemacht wird. 

Ungemütlich wird es für die Verkehrsteilnehmer, die die Feuerwehr aufhalten, indem sie die Straße zu lange blockieren: 245 Euro Strafe, einen Punkt in Flensburg und einen Monat Fahrverbot kostet solch eine Behinderung. Christopher Eichert ist nicht nur im Team der Kiersper Wehrmänner, sondern auch Polizist. Er verrät: „Die Polizei notiert sich die Kennzeichen der Autos, die einen Einsatzwagen nicht schnell genug vorbei lassen“. 

Gute Vorbereitung ist das A und O

So ärgerlich es auch sein mag, wenn auf der Straße wertvolle Zeit verloren geht, so wichtig ist aber auch, dass die Feuerwehrleute selbst schon im Vorfeld für einen reibungslosen Ablauf sorgen. „Beim Fahren verliert man vielleicht ein paar Sekunden“, erklärt Rösges. „Viel mehr Zeit kann eingespart werden, wenn wir gut vorbereitet sind und uns die Kleidung immer griffbereit hinlegen oder den kürzesten Weg zum Gerätehaus kennen“. 

Richtig ärgerlich ist es für die Brandbekämpfer, wenn eine Straße nicht passiert werden kann, weil die parkenden Autos sie bei der Durchfahrt behindern. Eichert: „Beim Parken muss immer ein Abstand von drei Metern zum äußeren linken Fahrbahnrand frei gelassen werden“. Das große Löschfahrzeug wieder rückwärts aus der zugeparkten Straße zu manövrieren kostet richtig viel Zeit. Die falsch geparkten Fahrzeuge können von der Feuerwehr abgeschleppt oder zur Anzeige gebracht werden. 

Filmen von Unfallopfern absolut tabu

Ein weiteres Problem bei den Einsätzen sind die Behinderungen durch Gaffer. „Es ist nicht so schlimm, wenn jemand stehen bleibt und aus sicherem Abstand zusieht“, so der Unterbrandmeister. Störend seien nur die Neugierigen, die zu aufdringlich werden und die Einsatzkräfte so bei der Arbeit behindern. 

Was überhaupt nicht gerne gesehen wird, sind Voyeure, die alles mit ihrem Handy aufzeichnen müssen. „Verletzte oder Verstorbene zu filmen ist absolut tabu. Das Filmen an sich ist schon eine Straftat, wenn das Video anschließend verschickt oder veröffentlicht wird“, so Daniel Rösges. 

Dickes Lob für die Kiersper

Doch die Zahl der Neugierigen ist zum Glück kleiner geworden. Das liegt laut Daniel Rösges auch am Internet: „Früher standen die Gaffer schon vor einem Einsatz hier am Gerätehaus und haben uns dann verfolgt, wenn wir losgefahren sind. Das passiert heute nicht mehr, weil wir zeitnah die Infos im Internet veröffentlichen und niemand mehr seine Neugierde vor Ort stillen muss“. 

Ein dickes Lob sprechen die beiden Feuerwehrleute den Kierspern aus: „Die stehen hinter ihrer Feuerwehr. Bei Einsätzen werden uns schon mal Plätzchen oder Kaffee angeboten. Es wird uns und anderen Ehrenamtlern eine recht hohe Wertschätzung entgegengebracht!“

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