An ALS erkrankte Frau aus MK fühlt sich im Stich gelassen: Monate auf einen Rollstuhl gewartet

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Manuela Walter war sehr dankbar, dass ihr das MCS Sanitätshaus Lüdenscheid über Weihnachten leihweise einen geeigneten Rollstuhl brachte.

Kierspe - Sprechen kann Manuela Walter schon seit mehr als einem Jahr nicht mehr. Und auch ihr Körper lässt sie immer mehr im Stich. Die 48-Jährige leidet an der Krankheit ALS (amyotrophe Lateralsklerose). Mittlerweile ist sie so schwach, dass sie auf einen Rollstuhl angewiesen ist. Doch auf den musste die Kiersperin mehrere Monate warten.

Erst nachdem unsere Zeitung ihre Krankenkasse Anfang des Jahres kontaktierte und um eine Stellungnahme bat, erhielt Manuela Walter die Bewilligung für den gewünschten E-Rollstuhl. Manuela Walter fühlt sich von ihrer Krankenkasse im Stich gelassen. Per E-Mail und SMS – sprechen kann sie schließlich nicht mehr – schildert sie, wie es ihr in den letzten zwei Monaten ergangen ist: „Weil meine Beine immer schwächer werden, hat mir mein Arzt – ein Spezialist aus Essen – Anfang Oktober zwei Rollstühle verschrieben. Einen Adaptivrollstuhl und einen elektronischen“, schreibt die 48-jährige Kiersperin.

Nach rund zwei Wochen sei das Rezept für den Adaptivrollstuhl von der Krankenkasse abgelehnt und auf einen Standartrollstuhl reduziert worden und weitere zwei Wochen später wurde dieser geliefert. „Leider bin ich viel zu langbeinig für diesen Standardrollstuhl. Ich bin 1,84 Meter groß und habe eine Beinlänge von 1,14 Meter. Die Krankenkasse wurde von meiner Familie direkt telefonisch und per E-Mail darüber aufgeklärt. Es gab jedoch keine Reaktion“, schreibt Manuela Walter.

Ähnlich sei es mit dem elektrischen Rollstuhl. Die Krankenkasse bot Manuela Walter zunächst einen anderen E-Rollstuhl an. Der Unterschied: Der vom Arzt verschriebene E-Rollstuhl bewältigt eine Steigung von 12 Prozent, der E-Rolli, den ihr die Krankenkasse stattdessen anbot, nur 6 Prozent. Manuela Walter wohnt am nördlichen Stadtrand von Kierspe und somit im höchsten Stadtgebiet. „Mit diesem elektrischen Rollstuhl wäre ich ausradiert aus dem sozialen Leben. Ich würde nicht mal die nächste Bushaltestelle erreichen“, berichtet Manuela Walter.

Die Kiersperin Manuela Walter war immer ein lebensfroher Mensch und hat gern am öffentlichen Leben teilgenommen. Mit einem geeigneten E-Rollstuhl hofft sie, dies auch zukünftig trotz ihrer Krankheit zu können.

Dabei sei sie ein lebensfroher Mensch, der gerne am gesellschaftlichen Leben teilnahm. Ein Tischler fertigte für sie eine Rampe an der Haustür und eine an der Gartentür an, doch auch diese sind zu steil für den vorgeschlagenen E-Rollstuhl. „Das heißt, ich könnte mit diesem mein Haus nicht mehr verlassen“, schreibt Manuela Walter. Sie habe der Krankenkasse alle Nachteile aufgezählt und gleichzeitig einen Kostenvoranschlag für einen geeigneten Rollstuhl für ihr Haus und Wohnumfeld eingereicht. „Mit diesem Rollstuhl wäre ich bis zum Ende aller Muskeln und zum Ende meines Lebens bestens versorgt“, schreibt Manuela Walter.

Denn im nächsten Stadium der Krankheit wird sie ihre Arme nicht mehr bewegen können und irgendwann wird sie auch beatmet werden müssen, bevor sie schließlich stirbt. Doch auch für diesen Rollstuhl habe die Kiersperin eine Absage erhalten. Sie könne diesen Rollstuhl nicht sicher im Straßenverkehr führen und es würde die Notwendigkeit in besonderem Maße übersteigen, hieß es in einem Schreiben der Krankenkasse. Ihre Familie musste Manuela Walter in den vergangenen Wochen mit einem Bürostuhl durch das Haus schieben. Auf die Hilfe ihres Mannes und ihrer Kinder ist sie in diesem Stadium ihrer Krankheit bereits angewiesen.

Das MCS Sanitätshaus Lüdenscheid habe ihr über die Weihnachtsfeiertage leihweise einen Faltrollstuhl gebracht, der ihrer Größe angemessen war, wofür Manuela Walter sehr dankbar war, wie sie berichtet. Ein elektrischer Rollstuhl würde ihr ein wenig Selbstständigkeit zurückgeben. Sie könnte sich selbst fortbewegen – sowohl in ihrem Haus als auch draußen. „Die Steuerung wäre zur Zeit noch mit der rechten Hand möglich und später mit den Augen. Ich möchte meine sozialen Kontakte auch weiterhin pflegen. Habe ich als Person mit ALS im Rollstuhl kein Recht mehr am öffentlichen Leben teilzunehmen?“, fragte sich die 48-Jährige in den vergangenen Wochen.

Um so erfreulicher war für sie Anfang Januar die Nachricht der Krankenkasse, dass ihr der E-Rollstuhl nun doch genehmigt wird. Sobald er speziell für sie eingerichtet wurde, bekommt sie das Hilfsmittel und kann endlich wieder am öffentlichen Leben teilnehmen. Aber warum hat die Bewilligung so lange gedauert?

Das sagt die Krankenkasse

Die Krankenkasse von Manuela Walter nahm Stellung zu ihrem Fall: „Da die Rollstühle nicht so rasch ausgeliefert werden konnten und eine Prüfung der Verordnungen des Arztes vorausgehen musste, haben wir über die Weihnachtsfeiertage die Versorgung von Frau Walter vorübergehend mit einem Faltrollstuhl sichergestellt“, sagt Rainer Lange, Pressesprecher der DAK-Versicherung. Dabei habe es sich um den Standartrollstuhl gehandelt, den Manuela Walter erhalten hatte. Da es sich nur um einen vorübergehenden Rollstuhl gehandelt habe, sei es möglich, dass dieser anders als verordnete Rollstühle nicht explizit angepasst worden sei.

Die lange Wartezeit auf einen geeigneten Rollstuhl erklärt der Pressesprecher folgendermaßen: „Gesetzliche Krankenkassen sind per Gesetz dazu verpflichtet sicherzustellen, dass Versicherte die medizinisch notwendige, ausreichend und wirtschaftliche Leistung bekommen. Wir sind dazu verpflichtet, genau hinzuschauen.“ Dazu sei das Gespräch zwischen dem Leistungserbringer und dem Betroffenen nötig und wichtig. „Kommt es nicht oder verspätet hierzu, können wir leider auch nicht so schnell weiterhelfen.

Die Versicherte hat sich in diesem Fall einen E-Rollstuhl ausgesucht und hat auf unsere Bitte einen Vertragspartner zu kontaktieren nicht reagiert. Hierdurch entstand die lange Zeit, bis es zu einer Versorgung kam“, schildert Rainer Lange die Lage seitens der Versicherung. Der Adaptivrollstuhl sei nun am 2. Januar bewilligt worden und der E-Rollstuhl am 6. Januar. Dass es Anfang Dezember zuerst zu einer Ablehnung des gewünschten E-Rollators kam, sei zudem auf ein Missverständnis in der Dokumentation zurückzuführen, erklärt Rainer Lange. In dieser Dokumentation war vermerkt, dass Manuela Walter blind sei und in dem Fall könne ein E-Rollstuhl nicht im Straßenverkehr geführt werden. „Am folgenden Tag wurde der Sachverhalt jedoch geklärt und ein erneuter Auftrag an den Leistungserbringer über einen Elektrorollstuhl übermittelt“, sagt Rainer Lange.

Diagnose ALS

„Seit Dezember 2017 war meine Stimme in stressigen Situationen undeutlicher, irgendwie verwaschener. Im Februar 2018 zuckten die Augenlider am Computer im Büro und der Nacken schmerzte. Die Stimme war phasenweise normal, manchmal undeutlicher. Im Mai 2018, am Morgen auf dem Weg zur Arbeit, hing plötzlich meine linke Gesichtshälfte. Ich verspürte eine Taubheit im linken Unterarm. Ich bin sofort zu meinem Hausarzt, der mir eine Einweisung in die Neurologie gab. Drei Wochen lang wurden Untersuchungen gemacht. Dann wurde die Diagnose Myasthenie Gravis vermutet. Ich bekam erste Medikamente und nach zwei Wochen hatte ich meine Stimme wieder. Dann wurden jedoch die Medikamente umgestellt und ich bekam starke Nebenwirkungen. Ich hatte Druck in den Beinen und konnte nicht mehr laufen, obwohl die Kraft in meinen Armen und Beinen da war. Ich wurde aus dem Krankenhaus entlassen. Meine Probleme wurden auf Stress geschoben. Die Stimme wurde jedoch immer undeutlicher. Meine Patienten als zahnmedizinische Fachangestellte haben mich am Telefon nicht mehr verstanden. Im September 2018 bin ich dann in die Uniklinik Köln zur Untersuchung gefahren. Die Untersuchung im logopädischen Bereich ergab eine Gaumensegelparese. Bei den Muskelmessungen wurden erste Zuckungen festgestellt, die ich selber noch nicht spürte. Die sichere Diagnose stand nach der Auswertung einer Biopsie des Muskels schließlich fest: ALS (amyotrophe Lateralsklerose). ALS ist eine Motoneuronen Erkrankung das heißt, die Nerven geben keine Impulse mehr weiter an die Muskeln und die Muskulatur baut sich im ganzen Körper ab. Zuerst verlor ich die Sprache, nun geht es weiter mit den Armen und Beinen, dann betrifft es irgendwann den Rumpf und die Atem-Muskulatur.“

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