Erfolgreiche Trauerbegleitung

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Trauer ist keine Krankheit, aber der Verlust eines geliebten Menschen kann krank machen, wenn nicht getrauert wird. Trauer hat viele Gesichter: In Kierspe finden Betroffene einen Ort, wo Trauer gelebt und durchlebt werden kann. J

KIERSPE ▪ Leere, Einsamkeit, Traurigkeit, sich nicht verstanden fühlen, Tränen, nicht mehr weiter machen wollen, Wut. – Dies alles kann zu trauernden Menschen gehören, und: Es kann ihr ganzes Sein ausfüllen. Von der Welt nicht verstanden und im Chaos ihrer eigenen Gefühle gefangen, ziehen sie sich in ihre Schneckenhäuser zurück, stürzen sich in Arbeit oder verdrängen ihre Emotionen. Hilfe bieten seit einem Jahr das Offene Trauercafé und das Schneckenhaus. Dort finden Trauernde Raum, ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen – mit Erfolg.

„Wir sind wirklich stolz auf unsere Arbeit. Wir konnten und können vielen Menschen helfen und bekommen viele positive Rückmeldungen“, erklärt Beate Kolb. Die Kindertrauerbegleiterin leitet seit einem Jahr das Schneckenhaus, eine Trauergruppe für Kinder im Lutherhaus. „Die Begriffe Tod, Trauer und Kinder scheinen nicht zueinander zu passen. Dennoch erleben viele Kinder den Verlust geliebter Menschen“, erzählt Kolb weiter. Umso wichtiger sei es, dieses Tabu zu brechen und offen damit umzugehen. Dabei sei es falsch zu denken, Kinder trauerten weniger intensiv als Erwachsene. Sie würden lediglich anders trauern, sprunghafter. „Eigentlich gehen Kinder sehr offen mit dem Thema um, haben dazu aber selten die Möglichkeit. Im ,Schneckenhaus’ dürfen sie reden, fragen oder einfach nur trauern“, erläutert die Erzieherin das Konzept. Durch den Kontakt zu Gleichaltrigen, die ähnliches erlebt hätten, erführen die Kinder in geschützter Umgebung Gemeinschaft. Der Austausch und die Beschäftigung mit dem Thema in kindgerechter Form helfe bei der Bewältigung des Verlustes.

Dabei achtet Kolb stets darauf, den Kindern kein Todes-Bild vorzugeben, denn dies sei sehr individuell. „Wir als Trauerbegleiter sind wie eine Art Leitplanke auf einer großen, breiten Straße“, ergänzt ihr Kollege Uwe Krohn, der das Trauercafé leitet. Die Trauerbegleiter leisteten lediglich Hilfestellung. Der Weg, den die Trauernden gingen, sei stets individuell. Ein Richtig oder Falsch gebe es nicht.

Mit den Kindern arbeitet Beate Kolb vor allem mit Erinnerungen: „Die Angst vor dem Vergessen ist sehr groß.“ Hinzu käme, dass die Sechs- bis Zwölfjährigen sonst nicht den Raum zum Trauern fänden. Viele Menschen seien sehr unsicher im Umgang mit trauernden Kindern, Gleichaltrige hingegen seien oft nicht in der Lage, die Emotionen des Freundes zu erfassen und zu verstehen.

Komme ein Kind neu in die Gruppe, werde als erstes eine kunterbunte Erinnerungskiste gepackt. Hinein könnten die Kinder alles packen, was sie dem Verstorbenen schenken wollen oder was sie an ihn erinnere. Einige Kinder würden beispielsweise ein Tagebuch schreiben, in das sie all das hineinschrieben, was sie dem Verstorbenen erzählen wollen, oder an was sie sich gerne erinnern würden.

„Die Kinder wollen unheimlich viel wissen, beispielsweise wie eine Beerdigung abläuft“, erklärt Kolb. Da mache sich einmal mehr bemerkbar, dass das Thema Tod ein gesellschaftliches Tabuthema sei. Daher rät die Expertin auch dazu, Kindern die Teilnahme an der Beerdigung nicht zu verwehren. „Was sich die Kinder in ihrer Phantasie ausmalen, ist oft schlimmer als die Realität. Und auch der Aspekt des Abschiednehmens ist nicht unerheblich.“

Trotz der Schwere des Themas seien sowohl das Schneckenhaus als auch das Trauercafé kein Jammerverein. „Lachen ist auch in der Trauer wichtig. Oft bekommen die Hinterbliebenen ein schlechtes Gewissen, doch es ist ein erstes Anzeichen dafür, dass sie in ihren Weg zurück ins Leben gefunden haben“, erklärt Krohn. Den Gefühlen freien Lauf lassen zu können, das sei es, was die Trauerbegleitung im Lutherhaus auszeichne. Und es sei die Symbiose: Eltern, die ihre Kinder brächten, nutzten die Gelegenheit zu einem Austausch im Trauercafé, das parallel laufe. „Eltern kommen oft nicht dazu, zu trauern. Sie meinen funktionieren zu müssen. Dabei vergessen sie oft ihre eigenen Bedürfnisse. Irgendwann – manchmal erst Jahre später – kommt der Zusammenbruch“, berichtet Krohn. Das Trauercafé biete die Möglichkeit, miteinander ins Gespräch zu kommen. Dabei sei es sinnvoll, sich in zwangloser Gesellschaft mit ebenfalls trauernden Menschen auszutauschen. Krohn: „Das können auch ganz banale Dinge sein, wie Gespräche über Arbeit und Kinder. Hauptsache man redet. Über was ist völlig egal.“

Im Trauercafé kommen seit einem Jahr Menschen aller Altersklassen zusammen. Die einen trauern um Kinder, andere um Freunde, Geschwister oder Lebenspartner. Jeden ersten Samstag im Monat treffen sich dort etwa ein Dutzend Trauernde.

Betroffene, die das Angebot des Cafés oder des Schneckenhauses nutzen wollen, sind eingeladen an jedem ersten Samstag im Monat von 15 bis 17 Uhr ins Lutherhaus zu kommen.

Von Lydia Machelett

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