Elektromobilität soll erfahrbar werden

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Der Stadtwerke-Vorstandsvorsitzende Heinz-Hermann Diekmann nimmt die neue Ladestation in Betrieb. ▪

KIERSPE ▪ Geht es nach den Stadtwerken und der Enervie-Gruppe, zu der auch die Mark E gehört, dann hat das Zeitalter der Elektromobilität auch in Kierspe begonnen. Mit einem Elektroauto und einer öffentlich zugänglichen Ladestation wollen die Stadtwerke einen neuen Weg beschreiten.

Als Bertha Benz im August 1888 die erste Überlandfahrt mit einem Automobil – oder besser mit dem von ihrem Mann Carl entwickelten Motorwagen unternahm – ging ihr unterwegs das Leichtbenzin aus. In einer Apotheke in Wiesloch konnte sie den dringend benötigten Stoff dann kaufen. Sie bewies mit dieser Fahrt, die von Mannheim nach Pforzheim führte, nicht nur der Welt und vor allem den Kritikern ihres Gatten, dass sein Gefährt ein ernst zu nehmendes Fahrzeug war und damit eine echte Alternative zu Pferd und Wagen darstellte, sondern schuf mit ihrem Stopp in Wiesloch gleich die erste Tankstelle der Welt.

Letztlich war es der Glaube an den Fortschritt, der mutige Unternehmer dazu brachte, immer mehr Tankstellen zu eröffnen und damit dem Automobil bei seinem Siegeszug die Grundlage bot. Laut und knatternd müssen diese ersten Fahrzeuge dem staunenden Publikum vorgekommen sein. Ganz anders der Wagen, mit dem Andreas Sippel am Donnerstag vor den Stadtwerken vorfuhr. Nahezu geräuschlos bahnte sich der Kleinwagen seinen Weg zu einem Parkplatz vor den Stadtwerken. Denn nur dort scheint das Parken des Wagens sinnvoll. Wird doch an dieser Stelle, ebenfalls seit Donnerstag, die erste Stromtankstelle Kierspes betrieben. Denn nichts anderes „tankt“ der kleine Mitsubishi, mit dem die Stadtwerke Kierspe die Elektromobilität fördern und „erfahrbar“ machen wollen.

Als zweite Kommune im Kreis hat Kierspe eine Stromtankstelle in Betrieb genommen und gleich das passende Auto dazugekauft. „Nur, wenn wir mit einem solchen Auto auch fahren, dann wird es wahrgenommen“, da ist sich Heinz-Hermann Diekmann, Vorstandsvorsitzender der Stadtwerke, sicher. Und die ersten Erfahrungen scheinen ihm rechtzugeben. Bei einer kleiner Ausfahrt zur Präsentation schauten die Fußgänger doch recht erstaunt, wenn der Wagen nahezu ohne jedes Geräusch an ihnen vorbeizog.

Doch sowohl dem Enervie-Innovationsmanager Sippel als auch dem Stadtwerke-Geschäftsführer Wolfgang Struve ist klar, dass zur Förderung der Elektro-Mobilität auch eine entsprechende Infrastruktur gehört. Und so wurde die – mit 9000 Euro – nicht ganz preiswerte Ladestation angeschafft, an der in den nächsten Monaten wohl ausschließlich der kleine I-Miev, wie Mitsubishi den neuen Wagen etwas unglücklich getauft hat, tanken – und vielleicht das eine oder andere Elektrofahrrad.

„Wir wissen, dass die Preise der Fahrzeuge bei Autokäufern keine Euphorie aufkommen lassen“, räumt Sippel ein. Doch er setzt in erster Linie auch eher auf Unternehmen, die mit den auffällig unauffälligen Wagen auf sich aufmerksam machen wollen. „Damit bekennen sich diese Unternehmen zu einer neuen Technik, setzen ein Zeichen für die Umwelt und kommen ins Gespräch“, so der Enervie-Mitarbeiter. Das mit der Umwelt klappt aber nur, wenn die Fahrzeugbesitzer Strom aus regenerativer Erzeugung laden. Bei der Ladestation vor den Kraftwerken ist das so. Sippel: „Wir verwenden ausschließlich grünen Strom, dessen Erzeuger mit dem OK-Power-Label ausgezeichnet wurden.“

Kostengünstig ist der Strom aus der modernen Zapfsäule allemal. Denn weder in diesem noch im nächsten Jahr will Enervie die Energie in Rechnung stellen. Wobei sowohl Struwe als auch Sippel einräumen, dass die Fahrzeuge wohl in erster Linie nachts in der eigenen Garage geladen werden. Bei einer Ladezeit von rund fünf Stunden ist das wohl auch sinnvoller als die Fahrt zu den Stadtwerken. Wobei diese an ihrer Ladestation nicht nur die Möglichkeit bieten, bis zu vier Fahrzeuge gleichzeitig zu laden, sondern auch eine kürzere Ladezeit dank eines speziellen Schnelladeanschlusses versprechen.

Die Verantwortlichen verschwiegen bei der Präsentation von Auto und Ladestation aber auch nicht einen weiteren Nachteil des Elektrofahrzeuges: die Reichweite. Denn selbst bei moderatem Gebrauch des Gas- oder besser Energiepedals ist nach spätestens 150 Kilometern Schluss. Dann hilft nur noch ein Verlängerungskabel und ein netter Mensch, der seinen Stromanschluss zur Verfügung stellt – oder eben eine der Ladestationen, die derzeit im ganzen Land entstehen. Allerdings sind die Anmeldesysteme der verschiedenen Anbieter noch nicht miteinander kompatibel. Bei den Stadtwerken erhalten Interessenten aber auf jeden Fall ohne Gebühren die Chipkarte, mit der sich kostenlos tanken lässt. „Den meisten Unternehmern dürften aber die 130 bis 150 Kilometer Reichweite genügen, um ihre Kunden in der Region aufzusuchen“, so Sippel abschließend.

130 Kilometer – von solch einer Strecke konnte Berta Benz damals nur träumen. Sie erreichte nach 70 Kilometern ihr Ziel – und das auch nur durch die Unterstützung des Apothekers aus Wiesloch. ▪ Johannes Becker

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