Elektroauto: Lautlos und sparsam unterwegs

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Am Ladeterminal ist der neue Dienstwagen der Stadtwerke zuhause. Mit vollen Batterien kommt der Wagen rund 130 Kilometer weit – mehr als ausreichend für die allermeisten Fahrten. ▪

KIERSPE ▪ Das Spektakulärste am neuen IMiev ist vielleicht, dass er gar nicht so spektakulär ist. Natürlich müssen sich Fahrer und alle anderen Verkehrsteilnehmer an den nahezu lautlosen Motor und die damit auf ein Minimum reduzierten Fahrgeräusche gewöhnen.

Und natürlich ist es merkwürdig, dass die Reichweite mit 130 Kilometern da liegt, wo bei manchem Dieselfahrzeug bereits die Reserve-Leuchte das Armaturenbrett erhellt. Doch das ist es im Groben auch schon. Bereits nach den ersten fünf Kilometern Strecke hat der Fahrer ein Gefühl wie in jedem anderen Auto dieser Größe. Fünf Tage lang konnte sich die Meinerzhagener Zeitung von der Alltagstauglichkeit des neuen Stadtwerke-Dienstwagens überzeugen.

Voll geladen wurde der IMiev vor den Stadtwerken übernommen. Im Kofferraum das unverzichtbare Ladekabel – leider aber keine Verlängerungsschnur. Während das mitgeführte Kabel locker reicht, um den Wagen an die neue Ladestation der Stadtwerke am Springerweg anzukoppeln, für die sechs Meter zwischen dem MZ-Parkplatz und der Steckdose im Inneren der Redaktion langt es dann doch nicht. Eine Kabeltrommel fällt aus, weil diese bereits nach wenigen Minuten völlig überhitzt. Glücklicherweise findet sich in einer Abstellkammer noch ein normales Verlängerungskabel. Auch das wird in den ersten Minuten bedenklich warm – hält aber dann der Temperatur und dem Ladezyklus stand. Innerhalb der nächsten Tage entwickelt sich die MZ-Praktikantin auch zum perfekten Tankwart. Immer wenn der Wagen auf den Parkplatz rollt, öffnet sie das Fenster, nimmt das Kabel entgegen – und anschließend lädt das Fahrzeug auf Kosten des Arbeitgebers. Überhaupt ist das Laden während des gesamten Tests kein Problem. Ob an der Imbissbude oder beim Besuch bei Freunden, überall findet sich eine Steckdose, an der der Wagen für die nächsten Kilometer fit gemacht werden kann. Abends geht es dann in der eigenen Garage für die ganze Nacht ans Netz. Wobei der Ladevorgang natürlich von alleine beendet wird, wenn die Lithium-Ionen-Zellen im Fahrzeugboden gefüllt sind.

Mit dem 69 PS starken Motor im Heck und den rund 800 Kilogramm schweren Batterien unter dem Fahrzeug überzeugt der kleine Wagen trotz seiner kleinen Reifen in allen Kurven und auch auf der Autobahn. Da dass Drehmoment von 120 Newtonmeter von der ersten Berührung des Pedals zur Verfügung steht, lässt der IMiev so ziemlich alle – auch die deutlich höher motorisierten – Fahrzeuge an der Ampel hinter sich. Und auch auf der Autobahn ist der Stromer alles, aber nicht langsam. Zügig beschleunigt der Wagen auf 130 Kilometer pro Stunde, dann ist allerdings Schluss. Mitsubishi hat den Wagen bei dieser Geschwindigkeit abgeregelt – zum Schutz der Batterien. Sicher nicht die schlechteste Idee. Denn bei einem täglichen Weg von 40 Kilometern zur Arbeit, davon rund 35 Kilometer auf der Autobahn, kann man der Restreichweitenanzeige und auch der Ladeanzeige beim Fallen zuschauen. Während im normalen Betrieb in der Stadt und über Land die 130 Kilometer kein Kunststück sind, ist auf der Autobahn bei Vollgas, oder besser Vollstrom, nach 90 Kilometern das Ende der Batterieleistung erreicht. Auch sollte der Fahrer, so er denn weitere Strecken plant, auf den Gebrauch der eingebauten Klimaanlage und Heizung verzichten. Rund 20 Prozent der zur Verfügung stehenden Reichweite zieht der Bordcomputer ab, wenn diese Verbraucher zum Wohl der Insassen eingeschaltet werden.

Dafür verwöhnt der Wagen seine Insassen beim Stop-and-Go-Verkehr in der Stadt. Generatorisches Bremsen nennt Mitsubishi die Kunst, aus der Bremsenergie wieder Strom für die Batterien zu gewinnen. So steigt dann auch gerne die Reichweite bei einer Fahrt durch die Innenstadt stärker an, als man es aufgrund der gefahrenen Kilometer erwarten dürfte. Gleiches gilt auch bei Bergabfahrten, bei denen der Fuß das Gaspedal nicht berührt.

Generell stellt auch die geringe Reichweite kein Problem dar. Nie wird es während der Testphase kritisch. Wobei das Autofahren durchaus mehr Kopfarbeit verlangt. Vor der Tour sollten die Kilometer bekannt sein. Und auch eine Lademöglichkeit am Zielort gibt zusätzliche Sicherheit. Derzeit sind zwar öffentliche Ladeterminals noch eine Seltenheit, im gesamten Märkischen gibt es vier und in der Großstadt Siegen gerade einmal zwei. Doch grundsätzlich besteht an Steckdosen kein Mangel. Und so wie die ersten Besitzer von Automobilen vor mehr als 100 Jahren an Apotheken nach Leichtbenzin fragen mussten, fragt der E-Auto-Besitzer eben nach einer Steckdose – die wohl auch nur in den seltensten Fällen verweigert wird. Für Pessimisten sei gesagt, dass es in Deutschland rund 14 500 Tankstellen aber rund eine Milliarde Steckdosen und damit Strom im Überfluss gibt. Und ins Gespräch kommt der Besitzer des Wagens bei nahezu jedem Stopp. Kaum jemand zeigt sich kritisch gegenüber dem neuen Mobilitätskonzept. Die meisten Gesprächspartner sind von dem leisen Fahrzeug begeistert und auch davon, dass keine Immissionen die Umwelt belasten. Für den Fahrbetrieb gilt das immer und wenn der Wagen mit Strom aus regenerativer Energie aufgeladen wird, auch bei der Erzeugung. Die Kosten von rund drei Euro für 100 Kilometer erscheinen selbst im Verhältnis zu einem sparsamen Diesel wie ein Geschenk – natürlich auch dank der Befreiung von der Kfz-Steuer. Allerdings ist das auch die einzige Erleichterung, zu der sich der deutsche Staat bislang durchringen konnte. Während es beispielsweise in Frankreich hohe Prämien beim Kauf und in England die Befreiung von der City-Maut und kostenfreie Innenstadtparkplätze gibt, wartet der Gesetzgeber hierzulande wohl ab, bis auch die deutschen Autobauer endlich Elektro-Autos in Serie anbieten.

Und damit stößt die neue Form der Mobilität dann auch wohl an ihre Grenzen. Denn mit rund 35  000 Euro für den IMiev bleibt der Wagen wohl vorerst Firmenbesitzern, die ihr grünes Image betonen möchten, Kommunen, die nicht der Haushaltssicherung unterliegen, und eben den Stromerzeugern oder Stadtwerken vorbehalten. Für Privatkunden wird es wohl einer deutlichen Preissenkung, einer staatlichen Förderung und stark steigender Spritpreise bedürfen, bevor die Wende kommt. Dann allerdings muss sich niemand vor dem Energiemehrverbrauch fürchten. Experten haben errechnet, dass selbst eine Million Elektrofahrzeuge gerade einmal den Energiebedarf um drei Prozent ansteigen lassen würden.

Doch all das interessiert während des Tests nur am Rande. Schließlich ist der Vertrag mit dem Stromlieferanten zuhause noch ein Jahr gültig und damit auch die Kosten für den Wagen festgelegt. An der Tankstelle wird nur noch gehalten, um Zigaretten oder ein Kaltgetränk zu kaufen. Und die hoch aufragenden Preistafeln werden für die knappe Woche nur mit einem Lächeln zur Kenntnis genommen.

Doch am Ende des fünften Tages steht der Wagen wieder neben „seiner“ Ladesäule auf dem Parkplatz der Stadtwerke und der Tester hat in seinem Diesel Platz genommen. Jetzt muss wieder geschaltet werden und der Kilometer kostet nicht mehr nur drei Cent für den Kraftstoff, sondern neun. Tankstellen sind nicht nur zur Proviantlieferung da, sondern überlebenswichtig für die Mobilität und die Steckdose in der heimischen Garage bleibt ungenutzt – hoffentlich nicht allzu lange. Denn letztlich reichen 130 Kilometer Reichweite für die allermeisten alltäglichen Fahrten aus. Und es macht einfach Spaß, lautlos durch die Innenstädte und über die Landstraßen zu rollen. Lediglich die Fußgänger und Radfahrer, die sich regelmäßig erschrecken, wenn sie von dem leisen Wagen überholt werden, müssen sich daran gewöhnen, dass es einen Verkehrsteilnehmer mehr gibt, der nicht durch lautes Brummen und Knattern auf sich aufmerksam macht – letztlich ist das sicher mehr Bereicherung als Gefahr. ▪ Johannes Becker

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