Einsatz für den Schwalbensitz

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Um diese ehemalige Stromleitung geht es: Karl-Heinz und Gertrud Keunecke möchten, dass sie den Schwalben als Sitzplatz erhalten bleibt.

Kierspe - Zugegeben, auf den ersten Blick mag das Anliegen des Ehepaars Keunecke eigenartig erscheinen. Auf den zweiten Blick ist es aber eine Geschichte, die so nur auf dem Land geschrieben werden kann. Es geht um Strommasten, Schwalben und ein Ehepaar, das die Auseinandersetzung mit Behörden und großen Unternehmen auch wegen „kleinerer Dinge“ nicht scheut.

So fing alles an: Das Ehepaar Gertrud und Karl-Heinz Keunecke lebt auf einem Bauernhof in Kierspe, den sie bis vor ein paar Jahren noch selbst bewirtschafteten. Heute genießen sie ihren Ruhestand inmitten der sauerländischen Natur. Zu Beginn dieses Jahres kündigte der Stromversorger Enervie an, dass der Hof bald an eine Erdverkabelung angeschlossen werden solle, die dann nicht mehr benötigten Oberlandleitungen wolle man abbauen. Die Erdverkabelung wurde im April installiert.

Zum Abbau der Oberlandleitungen – die in unmittelbarer Nähe zum Wohnhaus stehen – kam es bisher noch nicht. Was ein Gros der Bürger bestimmt ärgern würde, ist den Keuneckes aber gerade recht. Sie nämlich möchten, dass die Freileitungen stehen bleiben und nicht abgebaut werden. Der Grund ist einfach: Viele Schwalben, „im Frühsommer bis zu 150“, sagt Karl-Heinz Keunecke, nutzten die Leitungen als Sitzmöglichkeit, Flugschule und sicheren Platz vor Jägern von unten. Vor ihrem Flug in den Süden im Herbst sammelten sie sich ebenfalls dort. „Für uns gehört dieses Bild seit langer Zeit zu unserem Hof. Und wir würden es gerne noch länger anschauen dürfen“, sagt das Ehepaar.

Auf die Ankündigung des Stromversorgers schlugen die Kiersper sodann vor, dass sie die Masten und Leitungen abkaufen würden. Der Stromversorger solle einen „Schrieb“ aufsetzen, der das Unternehmen von allen Verpflichtungen entbindet. „Die wären die Masten ohne großen Aufwand los und wir hätten unseren Schwalbensitz“, sagt Keunecke. „Die Masten stehen sowieso auf unserem Privatgrundstück und nicht auf öffentlichem Grund.“

Enervie jedoch rückte von seinem Vorhaben nicht ab. Die von den Keuneckes angebrachte Argumentation, dass Schwalben unter Naturschutz stehen, brachte auch nicht den erhofften Erfolg. „Die Schwalben haben auch schon irgendwo gesessen, als es noch keine Strommasten gab“, habe damals die Antwort des Anbieters gelautet, die Andreas Köster, Enervie-Sprecher, am Freitag auf MZ-Anfrage wiederholte.

Zudem, so teilte es Enervie dem Ehepaar vor einiger Zeit mit, unterstehe man gesetzlich im dortigen Landschaftsschutzgebiet den Bestimmungen der Unteren Landschaftsbehörde des Märkischen Kreises. Die erteilte Ausnahmegenehmigung von den Verboten des gültigen Landschaftsplanes habe vertraglichen Charakter, ließ Enervie in einem Schreiben mitteilen. In den Auflagen des Märkischen Kreises seien Festlegungen getroffen worden, die Enervie „eine ordnungsgemäße Entsorgung des Recyclingmaterials, wozu auch unstrittig die mit Schutzmitteln behandelten Holzmasten und das Freileitungskabel gehören, vorschreiben“, rechtfertigt der Versorger seine Entscheidung.

So geht das nun schon ein paar Monate hin und her. Die Keuneckes telefonieren, schreiben und bemühen sich um ihren Schwalbensitz, Enervie und Behörde bleiben hart. „Es könnte jeden Tag sein, dass sie kommen und die Masten abbauen“, weiß der Landwirt.

Dass Karl-Heinz Keunecke damit Recht haben könnte, bekräftigte Andreas Köster im Gespräch mit der MZ. Man habe die Standsicherheit der Masten vor Ort „gewissenhaft überprüft“ und daraufhin „massive Sicherheitsbedenken“ geäußert. Die Holzmasten entsprächen nicht mehr den Standards, das Freileitungsnetz solle im Zuge der Erdverkabelung sukzessive abgebaut werden. Es gebe, so Köster, sicherlich andere Möglichkeiten für Schwalben, eine Stromleitung sei nicht zwingend notwendig. Eine rechtlich abgesicherte Übernahme der Masten komme für Enervie ebenfalls nicht in Frage. Köster: „Ähnliche Vereinbarungen aus der Vergangenheit waren schon oft problematisch.“

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